Charttechnik Umlaufrendite: Dreifache Divergenz als Warnsignal

An den Börsen sollten Sie nie davon ausgehen, das Trends „ewig und 3 Tage“ anhalten, wie es so schön im Volksmund heißt. Auch wenn Sie aufgrund Ihrer Analysen zu dem Ergebnis eines nachhaltigen Trends gelangt sind, sollten Sie sich immer die Option offen halten, dass Ihre Analyse von der Marktentwicklung jederzeit widerlegt werden kann.

Ich schreibe Ihnen dies, weil auch ich seit dem Herbst 2010 von einer nachhaltigen Zinswende ausgegangen bin. Diese Einschätzung habe ich Ihnen hier auf Chartanalyse-Trends auch in diversen Analysen zur Umlaufrendite deutlich gemacht und damit lange Zeit richtig gelegen. Allerdings ist es nun an der Zeit, diese Einschätzung zu überdenken, wenn nicht gar zu revidieren.

Deutsche Anleihen wieder gefragt

Der Hintergrund: Die Unsicherheit über die Zukunft der europäischen Staatsfinanzen und die Sorge vor einer Pleite Griechenlands haben in den letzten Wochen still und heimlich wieder zu einer erhöhten Nachfrage nach deutschen Anleihen geführt. Offensichtlich wurde die Flucht in „sichere“ deutsche Staatsanleihen wieder aufgenommen.

Die erhöhte Nachfrage hat zu einer deutlichen Reduzierung der Renditen geführt. Schauen wir dazu gemeinsam auf den nachfolgenden Chart der Umlaufrendite (durchschnittliche Rendite aller im Umlauf befindlichen, inländischen festverzinslichen Wertpapiere erster Bonität, also vor allem Staatsanleihen). Unter dem Kursverlauf habe ich Ihnen das 50-Tage-Momentum eingeblendet.

Trend-Wechsel

Zunächst einmal können wir konstatieren, dass der steile Aufwärtstrend (grüne Linien) eindeutig gebrochen wurde, der uns seit September 2010 begleitet hatte (blauer Kreis). Der Durchbruch wurde bereits durch einen Rücksetzer (Pull-Back) an die Aufwärtstrend-Linie bestätigt. Der deutliche Rutsch unter die 50-Tagelinie bestätigt, dass ein mittelfristiger Trend-Wechsel vorliegt.

Dieses Szenario wird auch durch die Entwicklung des 50-Tage-Momentum bestätigt. Seit Oktober 2010 bewegte sich das Momentum oberhalb der Nulllinie (positives Momentum) und in einer Art Seitwärts-Band. Dieses Seitwärts-Band bot vor allem nach unten immer wieder eine solide Unterstützung.

Warnsignal: dreifache Divergenz

Nach oben hin wurden die jeweils neuen Hochs in der Umlaufrendite bis in den Januar 2011 hinein durch neue Tops im Momentum bestätigt. Danach bildete das Momentum mit jedem neuen Hoch in der Rendite ein niedrigeres Hoch im Momentum aus. Ich habe Ihnen dies im  Chart mit den pinkfarbenen Balken markiert.

In der Charttechnik spricht man bei einer solchen Konstellation von einer Divergenz. Das Fatale an Divergenzen ist: Sie zeigen zwar ein Missverhältnis zwischen Indikator und Kursverlauf an und geben somit ein Warnsignal, dass der vorliegende Trend vor einem Wechsel steht. Sie geben jedoch keinerlei zeitlichen Hinweis darauf, wann dieser Wechsel stattfindet bzw. wie lange diese Divergenz noch anhält.

Die Umlaufrendite ist dafür wieder mal ein Parade-Beispiel: In vielen Fällen reicht bereits 1 Abweichung. Hier liegt gar eine dreifache Divergenz vor. Anders ausgedrückt: Nach dem Auftreten der ersten Divergenz bei 2,96% ist die Umlaufrendite noch auf bis zu 3,26% geklettert. Das ist immerhin ein Anstieg um 10 Prozentpunkte.

Mehr als nur eine Unterbrechung des Aufwärtstrends?

Es gibt allerdings einen Punkt, der mich, offen gesagt, einigermaßen überrascht hat: Es ist die Tatsache, dass der seit Ende Juni 2010 bestehende Aufwärtstrend im Momentum nach unten verlassen wurde (gelber Kreis). Dieser Durchbruch spricht dafür, dass wir es nicht nur mit einer vorübergehenden Schwäche der Umlaufrendite zu tun haben.

Und das will eigentlich nicht so recht in das von vielen konstatierte Szenario einer deutlich ansteigenden Inflation passen. Warten wir es einfach ab, wie sich die Dinge weiter entwickeln.

Mein nächstes Kursziel habe ich Ihnen mit dem grünen Kreis markiert. Es ist die 200-Tagelinie, die sich bis zu einem Rendezvous mit dem Kursverlauf natürlich noch etwas nach oben schieben wird. Dann sehen wir weiter.

17. Mai 2011

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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