China geht die Energie aus

Das robuste Wachstum in China bringt die Energieversorgung an ihre Grenzen. (Foto: aphotostory / Shutterstock.com)

Liebe Leser,

erst in der vergangenen Woche hatte ich an dieser Stelle auf die Energieprobleme in China hingewiesen. In den vergangenen Tagen hat sich die Lage in einigen Regionen extrem verschlimmert, so dass ich aus aktuellem Anlass das Thema noch einmal aufgreifen möchte. Derzeit leiden sehr viele Unternehmen unter einer mangelhaften Energieversorgung.

Besonders stark betroffen ist das Yangtze Delta im Osten des Landes – eine der wichtigsten Boomregionen Chinas. So hat dort Shanghai Baosteel eine Mitteilung erhalten, dass zwischen Juni und September die Zuteilung von Energie für die Produktion eingeschränkt wird. Das Unternehmen ist immerhin der zweitgrößte Stahlproduzent der Welt.

In der Provinz Zhejiang sind zahlreiche Firmen gezwungen, ihre Produktionsanlagen an zwei Tagen der Woche stillzulegen. Und in anderen Regionen ergeben sich schon jetzt große Energiedefizite von mehr als 15%. Die Zentralregierung in Peking hat den Ernst der Lage schon erkannt. Vor einigen Tagen erschien eine offizielle Mittelung an die Unternehmen, in der ein effektiverer Umgang mit der Energie gefordert wurde. Dabei sollten die Unternehmen nach folgende Grundsatz verfahren: „Das höchste Produktionsniveau erreichen mit dem geringsten Energieeinsatz.“

Aber ob diese Sparmaßnahmen der Wirtschaft tatsächlich das Problem lösen, ist doch mehr als fraglich. Aktuell ist die Lage so dramatisch, weil durch eine Dürre in Teilen des Landes die so wichtige Energiequelle Wasser zum Teil ausfällt. Laut aktueller Angaben gibt es hier Rückgänge bei der Energiegewinnung um bis zu 20%. Das können die vielen Kohlekraftwerke in China nicht einfach so auffangen. Immerhin ist Wasser mit einem Anteil von 20% am Energiemix ein ganz wichtiger Faktor.

Atomstrom in China vor dem Durchbruch

Grundsätzlich gilt: Das Grundproblem ist nicht neu: Aber angetrieben durch das immer fortschreitende Wirtschaftswachstum kommt es nun verstärkt zu Engpässen bei der Energieversorgung. Um die Lücke zu schließen und eine sichere Versorgung zu gewährleisten gibt es in China ein riesiges Atomprogramm. Aktuell befinden sich 25 Reaktoren in Bau. Bislang ist der Atomstrom in China nur eine Bemischung im Energiemix mit einem Anteil von 4%. Doch das soll sich in den nächsten Jahren massiv ändern.

Allerdings ist auch an China die japanische Atomkatastrophe nicht spurlos vorübergezogen. So hat die Regierung die Planung für weitere Atomkraftwerke erst einmal auf Eis gelegt. Aber selbst mit den schon im Bau befindlichen Anlagen kann China ein Teil der Lücke bei der Energieversorgung schließen.

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Ein anderer wichtiger Hebel bietet die Modernisierung des Stromnetzes. Aktuell sind die Energieverluste durch alte und ineffiziente Netze enorm. Während bei der Stromproduktion der chinesische Markt für ausländische Anbieter noch sehr stark reglementiert ist, hat sich das im Sektor der intelligenten Stromnetze im vergangenen Jahr geändert. Hier erwarten Marktexperten ein Investitionsvolumen von mehreren Milliarden Euro. Daran sehen Sie: Wie eigentlich fast alles ist auch die sichere Energieversorgung in China ein riesiges Projekt. Eine Bevölkerung von 1,3 Mrd. Menschen und ein ständiges Wirtschaftswachstum zwischen 8 und 10% bringt die Energieversorgung derzeit an ihre Grenzen.

Weitere Chancen bieten sich auch im Sektor der Erneuerbaren Energien. Hier hat China ebenfalls ambitionierte Pläne:

So soll der Anteil alternativer Energien nach Angaben der National Energy Administration (NEA) bis 2015 auf knapp 12% am Primärenergieverbrauch steigen. Ihr Beitrag zur Stromerzeugung dürfte dabei deutlich höher liegen. Der China Electricity Council schätzt den Anteil an den Stromerzeugungskapazitäten bis 2015 auf 33%. Zudem ist laut der Angabe der Energieexperten ein weiterer Ausbau auf 36% bis 2020 möglich.

Im Jahr 2030 könnten die alternativen Energieträger bereits knapp 47% der Stromversorgungskapazitäten bereitstellen. Allein 21,5% dürften dabei auf Wasserkraft entfallen, weitere 15,6% auf Wind und Solar und 9,4% auf Atomkraft. 2009 trug letztere lediglich 1,9% zur Stromerzeugung Chinas bei.

Sie sehen: Auch in China deutet sich eine Energiewende an – wenn auch in eine ganz andere Richtung.

Bis morgen,

Heiko Böhmer

Chefredakteur „Privatfinanz-Letter“


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Von: Heiko Böhmer. Über den Autor

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