Corona-Verlierer Tui Aktie: Reise am Abgrund

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Gleich dreimal ist der Staat dem Reiseveranstalter bereits zur Seite gesprungen. Der CEO glaubt an die Trendwende, Anleger sind skeptisch. (Foto: Birgit Reitz-Hofmann / shutterstock.com)

Das erste Geschäftsjahr, dessen Bilanz von Corona infiziert war, hat der Reisekonzern Tui bereits abgeschlossen. Jeweils zu Ende September endet ein regulärer Geschäftszyklus des Hannoveraner Unternehmens.

Die Bilanz hatte es in sich: Um zeitweise mehr als 95 Prozent sind die Reiseaktivitäten 2020 eingebrochen, bedingt durch Lockdowns, Reisewarnungen, Risikogebiete, Quarantäneanordnungen oder schlichtweg geschlossene Grenzen. Kurzum: Die Reiselust war den Kunden nach der globalen Vollbremsung im Frühjahr ordentlich vergangen.

Viele stornierten ihren Sommerurlaub komplett oder verbrachten die Ferien mit dem Auto an nahegelegenen Küsten. Interkontinentalflüge oder Fernreisen hingegen wurden überwiegend weder angeboten noch nachgefragt.

Tui mit verheerender Jahresbilanz

Dementsprechend verwundert es kaum, dass auch die Geschäftszahlen von Tui verheerend ausfallen: Der Gesamtumsatz ging von knapp 19 Milliarden Euro im Jahr 2019 zurück auf nur noch 7,9 Milliarden Euro. Vor Steuern und Zinsen hatte Tui im Vorjahr noch 894 Millionen Euro Gewinn eingefahren, nun schlug ein Fehlbetrag von 3 Milliarden Euro zu Buche.

Die Buchungen für die laufende Wintersaison liegen rund 82 Prozent unterhalb des Vorjahresniveaus, doch für den Sommer gibt sich Tui optimistisch: Man rechnet offenbar fest damit, dass das Fernweh und die Sehnsucht nach Reisen groß sein werden, wenn die Pandemielage sich wieder etwas entspannt. Davon wird nicht nur dank der wärmeren Außentemperaturen ausgegangen, sondern auch mit Blick auf die in wenigen Tagen auch in Europa anlaufenden Massenimpfungen gegen das Virus.

Sommerurlaub auch ohne Impfung

Wer bis zum Sommerurlaub noch nicht geimpft wurde, braucht sich laut Angaben von Tui jedoch keine Sorgen zu machen: Passagiere sollen auch ohne Impfnachweis befördert werden, hierzu sollen Testkapazitäten vor den Flugreisen sichergestellt werden.

Tatsächlich liegen die Buchungen für die Sommersaison nach Konzernangaben sogar 3 Prozent höher als im Vorkrisenjahr 2019 – allerdings basiert ein nicht unerheblicher Teil dieser Buchungen wohl auf Gutscheinen, die im Zuge der coronabedingten Stornierungen ausgegeben wurden. Neues Geld fließt dadurch nicht in die Konzernkasse.

Finanzspritzen bereits eingerechnet

Dass Tui tatsächlich sogar weitaus schlechter dasteht als die Bilanz auf den ersten Blick offenbart, wird deutlich, wenn man den Berichtszeitraum berücksichtigt: Das Geschäftsjahr endete nicht nur im September, sondern begann auch schon im Oktober. Damit wurden noch 5 Monate durch die jetzt vorgelegte Bilanz abgedeckt, die von der Pandemie praktisch noch gar nicht betroffen waren und sogar rekordverdächtig gut verliefen.

Wie schlimm die Lage tatsächlich aussieht, wird klar, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Tui seit Pandemiebeginn bereits dreimal erhebliche Summen vom Staat in Anspruch nehmen musste, um hinreichende Liquiditätsmittel vorhalten zu können. Die ausgewiesene Liquidität von 2,5 Milliarden Euro beinhalten bereits etliche Finanzmittel von Seiten der Steuerzahler sowie der übrigen Investoren.

Kunden lassen sich Urlaub 2021 mehr kosten

Tui-Chef Fritz Joussen strotzt dennoch vor Optimismus: Für den Sommer wird nicht nur eine starke Nachfrage erwartet, sondern es werden auch höhere Preise durchgesetzt, sowohl von Seiten des Reiseveranstalters und seiner Kooperationspartner, die für gleiche Angebote mehr Geld verlangen können, als auch scheinen die Urlauber bereit zu sein, sich ihre Erholung nach dem Ausfall 2020 etwas mehr kosten zu lassen: Es werden ein paar Tage drangehängt oder etwas mehr Luxus hinzugebucht. Wer nicht von Kurzarbeit oder Jobverlust betroffen war, konnte während der Pandemie richtig Geld sparen, etwa durch ausgefallene Reisen, aber auch gesparte Pendler-Kilometer dank Home Office und Co.

Dieses Geld kann nun in die nächste Urlaubsreise investiert werden, und genau darauf setzt Tui. Bereits 2022 will das Unternehmen wieder auf Vorkrisenniveau operieren. Doch der Weg bis dahin ist weit und vor allem von etlichen Unwägbarkeiten gepflastert: Wie gut und wie nachhaltig wirken die Impfungen wirklich? Werden sich genügend Menschen impfen lassen, um die Pandemie zu besiegen? Gelingt eine Rückkehr zur Normalität ohne Lockdown und Reisebeschränkungen tatsächlich schon im Laufe des Jahres 2021?

Tui Aktie im Sturzflug: Analysten sehen schwarz

Angesichts der vielen offenen Fragen und Rahmenbedingungen, die das Unternehmen selbst nicht beeinflussen kann, gab man für das neue Geschäftsjahr vorerst keine Prognose ab. Die Prognosen von Anlegern und Analysten fallen indes eindeutig aus – und zwar alles andere als positiv.

Die Tui Aktie hat auf Jahressicht fast 60 Prozent an Wert verloren, zuletzt kostete sie nicht einmal mehr 5 Euro. Analysten gehen davon aus, dass der Absturz damit noch längst nicht vorbei ist: Zum Kauf des Papiers rät derzeit niemand, die Kursziele prognostizieren einen weiteren herben Kursverlust.

Experten der NordLB und Goldman Sachs trauen der Tui Aktie gerade mal noch 2,50 beziehungsweise 2,40 Euro zu. Besonders großer Pessimismus herrscht beim Analysehaus Jefferies: Dort geht man von einem Kurssturz auf 1 Euro aus, auch UBS und Morgan Stanley verorteten die Tui Aktie zuletzt in ähnlichen Sphären.

So sehr sich COE Joussen auch bemüht, Zuversicht auszustrahlen: Das bereits angelaufene neue Geschäftsjahr wird für den Reiseveranstalter noch einmal sehr stürmisch – Ausgang ungewiss.

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David Gerginov
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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