Das hätte ich nicht erwartet …

Die Deutsche Börse und die London Stock Exchange haben offiziell bekanntgegeben, dass sie fusionieren wollen.

Die daraus entstehende Holding des neuen Konzerns soll in London angesiedelt sein. Das überrascht, da die Deutsche Börse der größere der beiden Partner ist.

Aus Sicht der Banker, keine Satire: „Gottgewolltes Gottes Werk“

Der Vorstands-Vorsitzende der Deutschen Börse, Carsten Kengeter, ist treibende Kraft und hat die Fusion auf einer Betriebsversammlung als „gottgewollt“ bezeichnet.

Ein Sprachgebrauch, der mich – vorsichtig gesagt – überrascht und den ich nicht erwartet hätte.

Zum „gottgewollt“ passt die Aussage von Lloyd Blankfein, dem Chef von Goldman Sachs. Im Jahr 2009 sagte Blankfein in einem Interview mit der Londoner Zeitung Sunday Times: „Ich bin ein Banker, der Gottes Werk verrichtet.“

Goldman Sachs: Blankfein und Gottes Werk

In dem Interview sprach der Chef von Goldman Sachs über die Aufgaben der Banken und besonders über die seiner Bank. Dabei ging es auch um die Milliarden-Gewinne und die Rekord-Boni, die Goldman Sachs ausgeschüttet hat.

Er verteidigte diese Zahlungen gegen die öffentliche Kritik. Anfangs sprach Blankfein noch allgemein über die Aufgabe der Banken und dass diese einen gesellschaftlichen Zweck erfüllen. Aber dann:

Die Vorwürfe gegen die Banker träfen nicht zu. Er selber sei kein „böser Bonze“. Er sei nur ein Banker, der „Gottes Werk verrichtet“.

Deutsche Börse: Kengeter und gottgewollt

Schauen Sie ein paar Jahre zurück, schließt sich der Kreis. Denn der Chef der Deutschen Börse, Carsten Kengeter, arbeitete in den Jahren 2002 bis 2007 für Goldman Sachs in Hongkong.

Und nun hat auch er einen „gottgewollten“ Auftrag. Dieselbe Schule, derselbe abgehobene Sprachgebrauch, den man auch als Blasphemie bezeichnen kann.

Gottes Werk und Teufels Beitrag

Soll ich Blankfein und Kengeter nun mit dem Papst vergleichen oder mit dem Titel des Romans von John Irving, der lautet: „Gottes Werk und Teufels Beitrag“?

Und wenn ich in den 4 Evangelien der Bibel nachlesen kann, dass Jesus die Geldwechsler aus dem Tempel vertrieben hat, welcher der beiden Teile des Buchtitels trifft dann eher auf Blankfein und Kengeter zu?

Um im Wortgebrauch der beiden Gottes-Beauftragten aus eigenen Gnaden zu bleiben, stelle ich die Fragen:

Um Himmels willen, welcher Teufel hat Kengeter geritten, dass er diese Fusion gerade jetzt vorantreibt, wo die Abstimmung des Austritts von Großbritannien (Brexit) heiß diskutiert wird?

Warum wartet man nicht den Ausgang der Volksabstimmung dazu ab, bevor eine so weitreichende Entscheidung getroffen wird?

Wer will sich da noch schnell bereichern?

Wenn Banker die Bodenhaftung verlieren, ist höchste Vorsicht geboten

Goldman Sachs und die Deutsche Börse sind wichtige Unternehmen für das Börsen-Geschehen.

Wenn da von „Gottes Werk“ und „gottgewollt“ gesprochen wird, leben die, die so sprechen, in einer Scheinwelt.

Dieses lässt bei mir alle Alarmglocken schrillen, denn die Macht und v. a. das Geld dieser Leute aus der Scheinwelt reichen weit ins reale Börsen-Geschehen hinein.

Das kann den DAX zwar weit über 12.000 Punkte tragen. Aber dieser Sprachgebrauch macht auch ganz deutlich:

An der Börse dürfen Sie keine Sekunde ohne Put Optionen agieren. Denn wenn eine Bank oder Börse vom Himmel fällt (weil sie dort vermeintlich gottgewolltes Gottes Werk verrichtet), fällt sie tief, ganz, ganz tief.

Zum guten Schluss: Am 22.03.1832, also heute vor 184 Jahren, starb Johann Wolfgang von Goethe. Er schrieb:

„Es ist ein großer Unterschied, ob ich lese zum Genuss und Belebung oder zur Erkenntnis und Belehrung.“

Ich hoffe, ich kann hier so schreiben, dass Ihr Lesen ein Genuss und eine Belebung ist und zur Erkenntnis, nicht Belehrung, führt.

Wenn mir das Schreiben so gelingt, habe ich den obigen Satz von Goethe widerlegt. Aber bei kritischer Betrachtung meiner Texte, glaube ich zu wissen, dass Goethe trotzdem der bessere von uns beiden Schreiberlingen ist.

Ich wünsche Ihnen eine schöne vorösterliche Woche.

© Rainer Heißmann – Weiterverbreitung nur mit Link auf den Originaltext gestattet

22. März 2016

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rainer Heißmann. Über den Autor

Rainer Heißmann ist Autor für Wirtschafts- und Börsenfachpublikationen und Chefredakteur vom "Optionen-Profi". Außerdem ist er Autor des Buchs "Reich mit Optionen". Seine größte Stärke: Komplexe Sachverhalte so zu erklären, dass sie auch dem Nicht-Fachmann verständlich und nachvollziehbar werden.

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