Dauer-Niedrigzinsen: Völlig neue Perspektiven oder olle Kamellen?

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Dauer-Niedrigzinsen könnten zur Realität werden. Das hält auch das US-amerikanische Unternehmen BlackRock für möglich. (Foto: Paul Brady Photography / shutterstock.com)

Das US-amerikanische Unternehmen BlackRock Inc. zählt weltweit zu den größten und angesehensten Vermögensverwaltern: Laut Wikipedia verwaltete die börsennotierte Aktiengesellschaft (Ticker: BLK) Ende 2017 fast 6,3 Billionen USD.

Zu den vielleicht bekanntesten Produkten gehören die ETFs unter dem Label „iShares“: Damit soll BlackRock – wieder greife ich hier auf die Quelle Wikipedia zurück – Ende 2017 nahezu 50% des ETF-Marktes weltweit beherrscht haben.

In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (F.A.Z.) gab Martin Lück, seines Zeichens BlackRock-Mitarbeiter, eine für viele Sparer vermutlich unerquickliche Antwort auf die Frage, ob wir möglicherweise noch Jahrzehnte mit niedrigen Zinsen leben müssten.

Düstere Zukunft für Sparer

Lück hält das für ein plausibles Szenario, zumal Japan eine solche Dauer-Niedrigzinsphase schon seit gut 20 Jahren durchlebe. Großen Anteil daran habe vor allem die Demografie:

Der außergewöhnlich hohe Anteil alter Menschen an der Bevölkerung in Japan führe schon seit geraumer Zeit zu einer nachlassenden wirtschaftlichen Dynamik. Die Folge daraus seien unter anderem dauerhaft niedrige Zinsen.

Und da Europa einer ähnlichen Struktur entgegen strebe, werde auch hierzulande das Niedrigzinsniveau mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer Dauer-Erscheinung werden.

Nun, das sind höchst unerquickliche Perspektiven. Zumindest für „Ausschließlich-Sparer“.

Aber soll ich Ihnen was sagen?

Sensationell neue Perspektive?

Als Leser von Chartanalyse-Trends ist dieses Zukunfts-Szenario ein alter Hut! Denn derartige Aussichten hatte ich Ihnen an dieser Stelle schon am 14. Dezember 2015 skizziert! Lediglich meine Begründung lautete damals – wie allerdings heute immer noch – ein wenig anders.

Während wir heute die Folgen der Dauer-Niedrigzins-Politik kennen und ihre Aussichten mit Sorge betrachten, fürchtete sich die Börsenwelt im Dezember 2015 vor einer ersten Leitzinsabhebung durch die US-Notenbank FED (Federal Reserve Bank) seit Juni 2006.

Seinerzeit grassierte unter den Investoren die Angst vor einer generellen Zinswende und damit der Rückkehr zu den Zinsniveaus früherer Jahre.

Eine kleine Leitzins-Chronik

Zur Auffrischung Ihrer Erinnerung hier noch einmal ein historischer Chart des US-Leitzinses:

US-Leitzins: Seit 2008 Dauer-Niedrigzinsen

Die Finanzkrise der Jahre 2007 / 2008 hatte unter anderem auch zu einem dramatischen Anstieg der US-Arbeitslosigkeit geführt. Darauf reagierte die FED mit einer ebenso dramatischen Absenkung des Leitzinses in Rekordzeit:

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Trendlinien ziehen - kinderleichtLiebe Leser, nicht wenige Anhänger der Fundamentalanalyse betrachten die Chartanalyse als nicht exakte „Wissenschaft“, da mit ihr nicht konkret in Zahlen gerechnet werden kann. Während man KGV oder Dividendenrendite für… › mehr lesen

In nur 15 Monaten ab September 2007 wurde die sogenannte Fed Funds Rate von 5,25% auf 0% bis 0,25% regelrecht herunter geprügelt. Es folgte eine historisch ebenso spektakuläre Nullzinspolitik von exakt 7 Jahren.

Bis zum Dezember 2015: Tatsächlich hob die US-Zentralbank damals erstmals wieder den Leitzins an. Es folgten bis heute diverse weitere +0,25%-Trippelschritte bis auf das derzeit gültige Niveau von 2,25% bis 2,5%.

Das wussten Sie schon seit Dezember 2015!

Hier nun zur Erinnerung einige Zitate aus meinem damaligen Chartanalyse-Trends-Beitrag:

„Nicht wenige Marktteilnehmer befürchten nun eine generelle Zinswende. Das ist in meinen Augen Unsinn! Dazu 3 Argumente:

  1. Das niedrigste Leitzinsniveau lag vor 2008 bei 1,00%. Auf diesem Niveau wurde die Fed Funds Rate zwischen Juni 2003 und Juli 2004 gehalten. Der Leitzins müsste also schon um 0,75 Prozentpunkte angehoben werden, nur um das niedrige Niveau von 2003 / 2004 zu erreichen.
  2. In Japan wurde der Diskontsatz zwischen 1991 und 1995 von 6,00% auf 0,50% abgesenkt. Seither, also seit nunmehr 20 (!) Jahren, bewegt sich der japanische Leitzins zwischen minimal 0,10% und maximal 0,82% (blau unterlegt). Seit 2001 wurde der Diskontsatz zweimal angehoben: 2006 in 2 Schritten von 0,10% auf 0,75% und 2012 von 0,10% auf 0,82%. Im Juli 2013 wurde er wieder auf 0,1% abgesenkt, wo er seither unverändert steht. Der Grund für diese Notenbankpolitik lautet: Verschuldung!
  3. Die USA sind mit 19,4 Billionen USD verschuldet (Quelle: de.statista.com). Dauerhaft niedrige Zinsen sind die einzige Möglichkeit, die daraus resultierende Zinslast (jährlich zu zahlende Zinsen) zu bewältigen.“

Wie gesagt: Das waren die Zahlen und Fakten vom Dezember 2015. Kleines Update für Sie: Aktuell zeigt die Schuldenuhr der USA einen Stand von 22,3 Billionen USD an.

Und in Japan liegt der Leitzins seit Februar 2016 bei -0,1%. Das Minuszeichen ist kein Schreibfehler!

Fazit

Mein kleiner Exkurs in die Vergangenheit zeigt Ihnen: Die Prognose des BlackRock-Mitarbeiters ist für Sie, als Leser von Chartanalyse-Trends, eine olle Kamelle!

Falls Sie den Begriff nicht kennen: Der Ausdruck Kamelle stammt aus dem Niederdeutschen und bedeutet Kamille. Deren Blüten verlieren nach einiger Zeit ihre Heilkraft und werden „oll“ (also alt). Eine alte Information, die Ihnen tatsächlich keinen Mehrwert mehr bringt, bezeichnet der Volksmund als „olle Kamelle“.

Das Fazit meines Beitrages vom Dezember 2015 lautete übrigens:

„Die Entwicklung der japanischen Leitzinsen in den vergangenen 2 Dekaden ist daher meiner Ansicht nach die ‚Blaupause‘ für die künftige Politik der amerikanischen Notenbank. Die Sorge der Marktteilnehmer vor einer Zinswende ist unbegründet.“

Dem ist nichts (Neues) hinzuzufügen.

Ergänzend füge ich an, dass die FED Ende 2018 von ihrer seit 2015 verfolgten Leitzins-Anhebungspolitik abgerückt ist.

Zudem weise ich darauf hin, dass wir uns in Europa, dank der Europäischen Zentralbank EZB, auch heute noch auf dem Stand befinden, der für die USA von 2008 bis Dezember 2015 gültig war: Beim Nullzins.

Ach ja: Und mit Aktien wären Sie in den letzten 3 ½ Jahren – wie auch sonst in der Historie – natürlich viel besser gefahren, als mit Anleihen!


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.