DAX: Das nützt uns auch nix, Mr. Trump!

DAX Logo RED_shutterstock_392120233_imagentle

Nach der Eskalation nun die De-Eskalation im Handelsstreit mit China: Sollten wir uns bei Trump erneut bedanken? (Foto: imagentle / shutterstock.com)

Vor 9 Tagen hatte ich mich an dieser Stelle brav beim US-Präsidenten „bedankt“, nachdem er den Handelsstreit mit China durch neu verhängte Strafzölle ab dem 1. September dieses Jahres eskaliert hatte: Der DAX durchbrach in den darauffolgenden Tagen seinen seit Dezember 2018 bestehenden Aufwärtstrend.

Die chinesische Währung – oder war es insgeheim vielleicht, trotz Dementi, die Notenbank des Reichs der Mitte? – reagierte darauf mit einer Abwertung. Da sich dadurch Exporte nach China für alle Handelspartner verteuern, versetzte das den Aktienmärkten einen weiteren Schlag.

Ist es nun also wieder an der Zeit, sich bei Trump zu bedanken, nachdem er die gerade verhängten Strafzölle für einige chinesische Produkte zurückgenommen bzw. ausgesetzt hat?

Falls Sie das wirklich glauben, dann sollten Sie weiterlesen. Wenn nicht, natürlich auch! Wir schauen, ab Trumps neuester Tweet dem DAX wirklich auf die Beine hilft.

Was bisher geschah

Sie erinnern sich gewiss: Donald Trump hatte neue Strafzölle in Höhe von 10% auf bislang noch nicht belegte Importwaren und -produkte aus China in einem Volumen von 300 Mrd. USD ab dem 1. September 2019 verhängt.

Die daraufhin einsetzende Abwertung der chinesischen Währung beläuft sich inzwischen in der Spitze auf knapp +3%. Keine optimalen Bedingungen für die Konjunktur:

Die Strafzölle belasten zunächst direkt die US-Importeure: Die können die Mehrkosten entweder selbst einstecken, was ihren Profit mindert. Oder der höhere Aufwand wird ganz oder teilweise an die Kunden weitergegeben.

Last not least besteht natürlich die Option, ganz auf die Importe zu verzichten. Das ist indes nur eingeschränkt möglich, da viele chinesische Waren für die Weiterverarbeitung in US-Produkten benötigt werden.

Klar dass diese Rezeptur aus Strafzöllen und Währungs-Abwertung den Aktienmärkten so gar nicht schmecken wollte.

Wird jetzt alles wieder gut?

Aber jetzt wird ja alles wieder gut, nicht wahr?

Unser Donald twitterte gestern mal wieder und gab bekannt, dass die verhängten Strafzölle zum Teil aufgehoben würden. Für einige Waren und Produkte wird dieser bis zum 15. Dezember 2019 ausgesetzt.

Warum gerade dieses Datum? Ganz einfach: Von den neu erhobenen Strafzöllen waren unter anderem Produkte wie Mobiltelefone, Monitore, Laptops, Spielzeug sowie Schuhe und Kleidungsstücke betroffen. Alles potenzielle Weihnachtspräsente.

Sie ahnen es sicher schon: Entsprechend wären die so verursachten Mehrkosten vor allem den US-Bürgern im anstehenden Weihnachtsgeschäft sauer aufgestoßen.

Und schließlich beginnt ja schon in Kürze der Wahlkampf für die Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr. Ein Schelm, der dabei etwas Böses denkt …

Dax – Anleger blicken auf die US Notenbank!

Dax – Anleger blicken auf die US Notenbank!Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe des Video-Newsletters John Gossens Daily Dax. Täglich analysiere ich zwei Mal für Sie die internationalen Aktienmärkte. Morgens starten wir immer mit dem Blick auf… › mehr lesen

Freudenhüpfer im DAX? Mitnichten!

Die Wall Street reagierte gestern Abend auf das Trump’sche Gezwitscher (deutsche Übersetzung für Tweet) mit einer Erholungsrallye: Die US-Indizes legten zwischen +1,0% und +1,6% zu.

Der DAX hatte am heutigen Mittwochmorgen mithin allen Grund zur Freude, nicht wahr? Denkste!

Der DAX reagiert realistisch auf Trumps neuesten Tweet

Sie sehen es selbst: Der deutsche Leitindex konnte die guten Neuigkeiten nicht wirklich in Kurssteigerungen umwandeln. Zur Stunde notiert der DAX sogar -1,5% unter dem Vortagesschlusskurs.

Was Ihnen die Charttechnik jetzt verrät

Doch die Grafik verrät Ihnen noch mehr aufschlussreiche charttechnische Details:

  • Mit der durch Trump verursachten Abwärtsbewegung riss der DAX 2 Abwärts-Kurslücken (rote Rechtecke): Die zweite, kleinere, konnte in der jüngsten Erholung wieder geschlossen werden – die größere erste hingegen ist unverändert aktiv. Das lässt darauf schließen, dass die Abwärtsbewegung noch nicht beendet ist.
  • Die Marke von 11.850 Punkten, lange Zeit Unterstützung im Aufwärtstrend, ist nun zu einem Widerstand mutiert: Die DAX-Erholung wurde exakt dort gestoppt.
  • Der mittelfristige Trend, die 50-Tagelinie, blieb auch in der Erholungsbewegung unerreichbar. Tatsächlich tobt derzeit der Kampf der Bullen und der Bären um den langfristigen Trend, die 200-Tagelinie.
  • Ein wenig Hoffnung macht die Divergenz (Abweichung), die sich (noch) im Schwung-Indikator hält (blaue Vertikalen): Das zweite, tiefere Tief im DAX wurde nicht durch ein ebenfalls tieferes Tief im 50-Tage-Momentum bestätigt.

Eine solche Divergenz kündigt häufig einen bevorstehenden Trendwechsel an: Allerdings eignet sie sich nicht als Timing-Faktor, da der Zeitpunkt einer solchen Richtungsänderung unbestimmt ist.

  • Last not least ist der Schwung-Indikator noch weit von einem Bruch seines seit Anfang Juli begonnenen Abwärtstrends und damit zugleich von einem Kaufsignal entfernt.

Fazit

Vermutlich bereute Donald Trump seinen „ge-twitterten“ Schnellschuss in Sachen Handelsstreit-Eskalation bereits: Schließlich könnte eine Verärgerung der US-Bürger im Weihnachtsgeschäft seiner Wiederwahl am 3. November 2020 abträglich sein.

Allerdings stellt die Rücknahme einzelner Strafzölle bzw. ihre Aussetzung bis Mitte Dezember dieses Jahres keine wirkliche Verbesserung der Problematik dar: Eine konsequente Rücknahme aller neu verhängten Strafzölle – DAS wäre ein Signal für die Aktienmärkte gewesen.

So befürchte ich – und der DAX bestätigt das mit seiner Reaktion heute – dass die gestrige Wall Street-Rallye lediglich ein Strohfeuer war.

Bleiben Sie wachsam und nehmen Sie, falls notwendig, ein wenig Risiko aus Ihren Depots: Das habe ich den Lesern meiner Wachstumsaktien-Strategie in den letzten Tagen auch empfohlen!


© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.