DAX: Ganz nett bislang. Aber reicht das?

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Wie passt die jüngste DAX-Rallye ins langfristige Chartbild? Wir ordnen einiges ein und schärfen so den Blick. (Foto: imagentle / shutterstock.com)

Als ich vor knapp 3 Wochen den DAX für Sie analysierte, ging es ihm gerade nicht so blendend:

4 Tage zuvor war er auf ein Tief von 11.266 Zählern abgerutscht und hatte die wichtige Unterstützung bei 11.850 nach unten durchbrochen. Damit nicht genug, notierte das 50-Tage-Momentum tief im Minusbereich und sorgte so für negative Kurs-Dynamik.

Inzwischen hat sich das Bild deutlich aufgehellt: Der deutsche Leitindex bewegt sich zum Wochenauftakt beinahe 1.000 Punkte über dem Augusttief.

Die jüngste Entwicklung des DAX war für viele überraschend – für Sie nicht unbedingt. Warum, erfahren Sie gleich.

Also alles wieder gut? Reicht das schon für den erhofften Befreiungsschlag? Wir schauen gemeinsam auf die Charttechnik.

Die Faktenlage: Vor 3 Wochen und heute

Es gab ja in der ersten Augusthälfte auch eine Menge zu verkraften für den DAX: Konjunktursorgen, die durch die Eskalation im Handelsstreit zwischen den USA und China noch mal kräftig angeheizt worden war. Dann waren da noch die Regierungskrise in Italien und der drohende harte Brexit zum 31. Oktober 2019.

Schauen wir mal, welche Punkte wir inzwischen von der Agenda streichen können:

  • Die Konjunktursorgen sind nach wie vor präsent. Es sind auch weiterhin keine neuen Signale aufgetaucht, die so etwas wie Hoffnung verbreiten könnten.

Nach wie vor droht das Gespenst einer Rezession in Gestalt des Signalgebers inverse Zinsstruktur: Die liegt dann vor, wenn die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen unter der für 2-jährige notiert. In den USA kämpfen beide darum: Die 2-jährige notiert aktuell mit +1,53% hauchdünn über der langlaufenden mit +1,56%.

  • Die Krise in Italien ist vorerst beigelegt. Ob die just neu vereidigte Regierung allerdings überlebensfähig(er) ist? Die Experten äußern sich eher skeptisch. Immerhin ist dies vorerst mal positiv zu werten.
  • Dauerbrenner Brexit: Ministerpräsident Johnson wurde vom britschen Unterhaus erst einmal in politische Ketten gelegt. Ob der harte Brexit damit allerdings wirklich vom Tisch ist, bleibt fraglich:

Denn selbst mögliche Neuwahlen garantieren ja noch nicht zwingend das endgültige Aus für den Ausstieg aus der Europäischen Union. Auch hier gilt: Vorerst positiv.

  • Thema Handelsstreit. Bei vielen Marktkommentatoren war es vor allem die erneut beschworene Gesprächsbereitschaft beider Parteien, die dem DAX auf die Beine half. Aber mal ehrlich, was hat sich außer der darauf basierenden Hoffnung geändert?

Richtig! Rein gar nichts! Die von beiden Seiten angekündigten Strafzollerhöhungen für Oktober 2019 wurden NICHT zurückgenommen. Die für den 1. September geplanten Anhebungen sind inzwischen in Kraft.

Zwischenfazit: Wir haben uns in einigen Dingen lediglich (wieder mal) Zeit erkauft. Die dahinter steckenden Probleme sind nicht vom Tisch. Der DAX-Anstieg basiert vor allem auf dem Optimismus, dass alles (sprich: Brexit, Italien, Handelsstreit) gut endet.

Das übergeordnete Chartbild

Dazu passt die langfristige Charttechnik des DAX, die wir uns nun einmal gemeinsam anschauen werden:

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DAX: Die langfristige Perspektive bleibt vorerst negativ

  • Der Aufwärtstrend seit 2003 ist noch immer intakt. Das ist gut.
  • Der beschleunigte Aufwärtstrend aus 2009 wurde im Oktober des vergangenen Jahres nach unten verlassen. Um ihn zu re-aktivieren, ist ein neues Rekordhoch erforderlich.
  • Der Bruch des Abwärtstrends im Juli (gelber Kreis) erwies sich als Bullenfalle. Jetzt lugt der DAX erneut über die Trendlinie…

Den Rest schauen wir uns, zur besseren Übersichtlichkeit, auf einem Tages-Chart an.

Warum Sie die DAX-Rallye nicht überrascht haben dürfte

Hier sehen Sie zunächst einmal, warum Sie als Chartanalyse-Trends-Leser von der jüngsten DAX-Rallye nicht so ganz überrascht sein durften: Ich hatte Sie auf eine Divergenz (Abweichung) hingewiesen.

Das vom Index ausgebildete tiefere Tief (Vertikalen) war vom 50-Tage-Momentum nicht durch ein ebenfalls tieferes Tief bestätigt worden. Auch wenn die Divergenz kein exaktes Timing gestattet, so signalisiert Sie zumindest die Möglichkeit einer bevorstehenden Trendwende.

DAX: Bislang nur ein Pull-Back (Rücksetzer) an den Aufwärtstrend

Der Schwung-Indikator, das Momentum, bewegt sich wieder im Plusbereich: Der DAX baut mithin positive Kurs-Dynamik auf.

Die durchschlagene Unterstützung bei 11.850 hatte sich zum Widerstand gewandelt. Der wurde nun wieder nach oben durchbrochen. Auch das ist positiv.

Allerdings: Bislang ist die jüngste Aufwärtsbewegung nichts anderes als ein Pull-Back (Rücksetzer) an die im August durchschlagen Aufwärtstrendlinie von Dezember 2018 (gelber Kreis). Ein in der Charttechnik häufig zu sehender Vorgang.

Dieser Pull-Back wäre nur dann außer Kraft, wenn der DAX ein neues Jahreshoch markiert. Heißt: Mehr als 12.656 Punkte.

Auf dem Weg dahin liegen zunächst der Widerstand bei 12.440 und dann natürlich die Aufwärtstrendlinie.

Fazit

Von den Sorgen, unter denen der DAX in der erste Augusthälfte litt, sind ALLE noch aktiv. Wir haben uns sowohl beim Brexit, als auch in Italien und beim Handelsstreit lediglich Zeitaufschub und damit die Hoffnung auf Problemlösungen erkauft.

So erfreulich die jüngste DAX-Rallye auch erscheint: Noch passt sie völlig in das langfristig Chartbild: Wie Ihnen der Monats-Chart zeigt, sind die Perspektiven unverändert klar negativ.

Es gibt daher zurzeit nur eine Marke, auf die Sie für eine positive Wende schauen müssen: Ein neues Jahreshoch im DAX verändert das bislang gültige Szenario im positiven Sinne.

Nach rund 1.000 Punkten Rallye in 19 Tagen sollten Sie zudem mindestens eine Korrektur einrechnen: Hier dürfte dann wieder die Unterstützung bei 11.850 wichtig werden.


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.