DAX: Nur mal kurz durchgelüftet

Das Schöne an der Charttechnik ist: Auf die ausgebildeten Kursmuster ist Verlass, wenn sie richtig interpretiert werden. (Foto: imagentle / shutterstock.com)

Wer macht das wohl nicht in diesen Tagen? Am späten Abend die Wohnung oder das Haus richtig gut durchlüften.

Denn das ist das Gute an der derzeit Europa quälenden Mega-Hitzewelle: So unerträglich es tagsüber meist ist – am Abend kühlt es auf vergleichsweise angenehme Temperaturen herunter.

Auch die Börse lüftet ab und an mal durch: Nämlich dann, wenn Aktien oder Indizes eine sogenannte Aufwärts- oder Abwärts-Kurslücke ausbilden.

Doch wie daheim endet auch am Aktienmarkt das Durchlüften in dem Moment, indem das Fenster – in unserem Fall also die Kurslücke – wieder geschlossen wird.

Genau das hat der DAX gestern mit einer Abwärts-Kurslücke getan. Wir schauen einmal, welche Erkenntnisse wir daraus für die weitere Entwicklung gewinnen können.

Warum Kursmuster so gut „funktionieren“

Kurslücken entstehen immer dann in einem Chart, wenn der Handel deutlich über dem Vortageshoch oder klar unter dem Vortagestief einsteigt und diese Extremwerte auch im weiteren Tagesverlauf nicht mehr erreicht.

Das Schöne an der Charttechnik ist, dass die Kurse eines Wertpapieres regelmäßig wiederkehrende Muster ausbilden: Aus diesen Formationen lassen sich Schlüsse auf die wahrscheinliche Kursentwicklung ziehen. Warum ist das so?

Nun: Jeder Kurs, der an einer Börse zustande kommt, basiert auf dem Verhalten von Käufer und Verkäufer. Die Handelsabsichten beider Parteien können dabei auf unterschiedlichsten Motivationen gründen.

Beispielsweise kann die Charttechnik durchaus Käufer und Verkäufer zugleich zum Handeln bewegen: Der eine steigt aus, weil er einen kurzfristigen Abwärtstrend erkennt. Der andere nutzt den Rücksetzer zum Einstieg, weil er weiß, dass der mittel- oder langfristige Trend noch immer aufwärts gerichtet ist.

Wie auch immer: Letztlich basieren sämtliche Handelsmotivationen auf den verschiedenen Facetten zweier menschlicher Extreme: Gier und Angst.

Und genau aus diesem Grund „funktionieren“ Kursmuster in der Charttechnik – weil sie sich ständig in unterschiedlichen Ausprägungen wiederholen: Denn wir Menschen ändern uns diesbezüglich nicht.

Kurslücke: Je größer, desto heftig

Nehmen wir die Kurslücke, von manchen Marktteilnehmern auch als „Loch“ oder „Fenster“ bezeichnet:

Bei einer Aufwärts-Kurslücke findet der Handel deshalb deutlich über dem Vortageshoch statt, weil sich die Nachfrage quasi „über Nacht“ sprunghaft erhöht und die Zahl der Verkaufswilligen massiv verringert hat – aus welchen Gründen auch immer. Bei der Abwärts-Kurslücke ist exakt das Gegenteil der Fall.

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Und da sich Aktien, wie Sie wissen, in Trends bewegen, dürfen Sie davon ausgehen, dass das so verschobene Verhältnis von Angebot und Nachfrage auch noch einige Zeit andauern wird.

Nun dürfte klar geworden sein, warum Kurslücken zumeist eine hohe Prognosekraft innewohnt. Und noch eine wichtige Information liefert Ihnen das „Fenster“:

Je größer die Kurslücke, umso heftiger und wahrscheinlicher ist in er Regel die sich daran anschließende Kursbewegung!

DAX-Abwärts-Kurslücke geschlossen, aber …

Schauen wir uns das einmal gemeinsam im nachfolgenden DAX-Chart an:

DAX: Abwärts-Kurslücke schon wieder geschlossen

Am Donnerstag vergangener Woche hatte der deutsche Leitindex eine Abwärts-Kurslücke (rotes Rechteck) generiert. Das „Loch“ war indes nicht sonderlich groß: Daher war auch von vornherein keine allzu starke Abwärtsbewegung zu erwarten.

Wie im Chart zu sehen, endete die Abwärtsbewegung sogar noch am gleichen Tage. Und gestern wurde diese Kurslücke auch schon wieder geschlossen – ein reichlich kurzes Durchlüften, wenn Sie so wollen.

Damit sollte dem DAX eigentlich nun wieder der Weg nach oben offen stehen. Doch Sie sehen es selbst:

Der deutsche Leitindex kämpft noch immer um den Wiedereintritt in den Aufwärtstrend, der im Februar 2016 initiiert wurde. Positiv ist immerhin:

Der Schwung-Indikator, das 50-Tage-Momentum, schickt sich an, wieder über die Nulllinie zu klettern: Gelingt das, dann würde der DAX auch wieder positive Dynamik aufbauen.

Fazit

Allzu große Bedeutung war dieser Abwärts-Kurslücke im DAX also ohnehin nicht beizumessen: Dafür war sie schlichtweg zu klein. Nun ist das Fenster wieder geschlossen – der Vorgang des Durchlüftens wurde schnell beendet.

Das ändert indes nichts an der generell sehr hohen Prognosekraft von Kurslücken: Sie sollten daher bei der Betrachtung von Charts immer auf diese Muster achten, weil Sie ihnen wertvolle Hinweise für Ihre Investments liefern können.


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.