DAX offenbart eine sehr seltene Chart-Formation

Andreas Sommer

Liebe Leser,

aus aktuellem Anlass verschieben wir die eigentlich für heute angekündigte Analyse des NYSE Composite. Dafür erhalten Sie heute eine Analyse zum DAX: Hier hat sich in dieser Woche nämlich etwas sehr Seltenes entwickelt, was jedoch für Ihre Investments von erheblicher Bedeutung sein dürfte.

Als aufmerksamer Chartanalyse-Trends-Leser ist Ihnen mit Sicherheit aufgefallen, dass mein sehr geschätzter Kollege Jörg Mahnert und ich in den letzten 2 Monaten zunehmend vorsichtig und skeptisch gegenüber der weiteren Kursentwicklung an den Aktienmärkten geworden waren. Vielleicht ist auch Ihnen bei Ihrer Analyse daheim aufgefallen, dass sich viele Indikatoren in den vergangen Monaten sehr ‚irritierend‘ verhalten haben.

Weiterhin haben wir mehrfach auf die stark überkaufte Situation hingewiesen bzw. Warnungen vor einer bedeutenderen Korrektur ausgesprochen und dies auch mit entsprechenden Chart- und Indikatorenbeispielen unterlegt. Doch immer wieder erwiesen sich eigentlich ‚eindeutige‘ Chart- und Indikatoren-Signale schon kurz darauf als Fehlsignale oder wurden in geradezu grotesker Weise ignoriert.

Auf dem DAX-Chart treten nun jedoch die Gründe für dieses merkwürdige Verhalten zutage. Tatsächlich haben sich diese endgültig erst aufgrund der Entwicklung in dieser Woche ergeben: Der Kursverlauf seit September entpuppt sich nun nämlich als eine kurz vor der Vollendung stehende Chart-Formation, die in der Charttechnik sehr selten auftritt: Als Diamant!

Seltene Chartformation: Diamant

DAX: Seltene Charttechnik-Formation Diamant

Bei dieser Chart-Formation bilden die Kurse zunächst höhere Hochs und tiefere Tiefs aus: Auf dem Chart erscheint dies als ein sich öffnender Trichter. Diese Formation wird auch als ‚Broadening Formation‘ (sich ausbreitende Formation) bezeichnet, die für sich genommen in der Charttechnik eine negative Kursentwicklung erwarten lässt. Dies war einer der Gründe, die mich ab Anfang November richtig skeptisch gestimmt hatten.

Ab dem Tief am 4. November haben sich die Kurse jedoch exakt andersherum verhalten und zunächst tieferliegende Hochs und am vergangenen Freitag dann ein höheres Tief auf dem Chart hinterlassen (das als solches ja erst einige Tage später erkennbar wird). Wenn Sie nun diese Hoch- und Tiefpunkte miteinander verbinden, entsteht eine Art Karo, in der Charttechnik als Diamant bezeichnet. Letztlich ist ein Diamant eine Kombination aus 2 aufeinanderfolgenden Dreiecken: Die linke Hälfte ist als bearish einzustufen. Die rechte Hälfte ist ein symmetrisches Dreieck, bei dem sich in der Charttechnik die Wahrscheinlichkeit für einen Ausbruch nach oben oder unten die Waage halten.

Diese sehr selten auftretende Chart-Formation bildet sich ausschließlich am Ende eines fulminanten und sich über mehrere Monate oder gar Jahre hinstreckenden Aufwärtstrends. Das scheinbar keinen Sinn machende, heftige Auf und Ab spiegelt den Kampf zwischen Bullen und Bären wider, bis eine der Parteien letztlich aufgibt. ‚Normale‘ Dreiecks-Chart-Formationen (ansteigende oder symmetrische) sind schon nach kurzer Zeit mittels eingezeichneter Linien erkennbar. Bei einem Diamanten kann eine klare Zuordnung jedoch erst gegen Ende der Formation erfolgen.

Das Problem mit dieser Chart-Formation ist dasselbe wie mit symmetrischen Dreiecken: Die Kurse können zu beiden Seiten hin ausbrechen! Damit nicht genug, ergeben sich oft auch Fehlausbrüche – und zwar auch in BEIDE Richtungen.

Internet-Blase 2000 endete im Dow Jones mit einem Diamanten

1999 / 2000 wurde mit einer solchen Chart-Formation im Dow Jones Industrial Average das Ende der Internet-Blase eingeleitet (siehe nachfolgender Chart): Dieser Diamant bildete sich zwischen April 1999 und August 2000. Der Ausbruch nach oben (grüner Kreis) erwies sich nach kurzer Zeit bereits als Fehlsignal, dem ein heftiger Kurseinbruch folgte (roter Kreis) und der zugleich als verspäteter Ausbruch nach unten zu werten war. Ab dem Frühjahr 2001 traten die Kurse dann endgültig den Weg nach unten an.

Dow Jones: 2000 war der Diamant Ausgangspunkt einer massiven Korrektur

Diamant: Ein unzuverlässiger Geselle

Diamanten sind sehr unzuverlässig in Ihrer Prognosekraft. Da sie stets gegen Ende eines Aufwärtstrends in Erscheinung treten, ist letztlich mit einer erheblichen Gegenbewegung nach unten zu rechnen. Allerdings kann es zuvor ebenso heftig nach oben gehen.

Denkbar ist beispielsweise folgendes Szenario: Der DAX markiert ein neues Jahreshoch, was wiederum Käufer in den Markt zieht, die genau auf dieses Kaufsignal gewartet haben. Diese Anleger verleihen dem DAX einen neuen Schub, der wiederum die Investoren in den Markt zieht, die seit Wochen auf ein klares Signal für die viel beschworene Jahresendrallye gewartet haben. Da wir uns aber – trotz der Konsolidierung der letzten 2 Monate – bereits auf einem stark überkauften Niveau befinden, fehlen nun die Käufer, die den DAX noch weiter voran treiben könnten (die meisten Anleger sind in Erwartung dieser Jahresendrallye ja ohnehin schon investiert). Die Aufwärtsbewegung kommt zum Erliegen und die Kurse drehen abrupt nach unten.

Genau das ist im Jahr 2000 im Dow Jones geschehen. Dieses Marktverhalten habe ich in meinem Beitrag ‚Börse: Achterbahnfahrt mit geschlossenen Augen?‘ versucht, deutlich zu machen: Je höher wir steigen (ohne gesunde deutliche Zwischenkorrekturen), umso heftiger wird die Abwärtsfahrt. Und das wird der Fall sein, wenn wir von diesem bereits erreichten, hohen Kursniveau noch weiter ansteigen.

Viel Erfolg an den Börsen,

Ihr

Andreas Sommer

3. Dezember 2009

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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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