DAX: Sell in May – Wahrheit oder Pflicht?

Sollten Sie der „Sell in May …“-Empfehlung folgen oder nicht? Das sagen der DAX seit 1960 und Börsen-Experte Andreas Sommer dazu: (Foto: gopixa / Shutterstock.com)

Üblicherweise werde ich jedes Jahr Ende April / Anfang Mai durch zahlreiche Beiträge auf das Thema aufmerksam:

Die Börsenregel „Sell in May and go away“ (übersetzt: „Verkaufe im Mai und bleibe dem Aktienmarkt fern“).

Einige schlaue Köpfe haben diese „Empfehlung“ irgendwann einmal ergänzt durch die Fortführung:

„ … but remember to come back in September.“ (übersetzt: „ … aber vergiss nicht, im September zurückzukommen.“)

„Sell in May“: Kein Interesse mehr in 2017?

In diesem Jahr gab es entweder kaum Experten-Beiträge zum Thema oder ich habe sie einfach nicht wahrgenommen.

Tatsächlich bin ich erst heute wieder daran erinnert worden, als ich meine DAX-Statistik-Datenbank mit den April-Zahlen aktualisiert habe.

Da andere Kollegen und Analysten (wie gesagt: meine persönliche Wahrnehmung) das „Sell in May“-Thema in 2017 offensichtlich weitgehend ausgelassen haben, werde ich Ihnen heute berichten, ob diese Empfehlung Sinn macht oder nicht, denn:

Das DAX-Datenmaterial seit 1960

Zunächst einmal ist es eigentlich keine „Börsenregel“, wie Sie gleich noch sehen werden. Eigentlich sollten wir besser von einem „Sell in May“-Effekt sprechen.

Als Fan von Statistiken habe ich schon vor vielen Jahren damit begonnen, diesen „Effekt“ für den DAX 30 in meiner Datenbank zu untersuchen.

Die genutzten Daten reichen zurück bis in den Januar 1960.

Die Index-Stände vor der DAX-Einführung im Juli 1988 sind zurückgerechnete Monats-Schlusskurse, die auf dem bis dahin benutzten Index der Börsenzeitung basieren.

Die Monats-Hochs und -Tiefs sind in meiner Datenbank ebenfalls enthalten, spielen bei der „Sell in May“-Betrachtung jedoch keine Rolle.

So wurde ausgewertet

Um zu vernünftigen Ergebnissen zu kommen, habe ich meine Berechnungen strukturiert:

Es wird ein Verkauf des DAX zum Schlusskurs vom April und ein Wiedereinstieg zum Schlusskurs vom Oktober unterstellt.

Es wird also verglichen, wie sich der DAX in den jeweiligen 6-Monats-Abschnitten – von Ende April bis Ende Oktober und von dort wieder bis Ende April – entwickelt hat.

Da mir inzwischen Resultate für 57 Jahre vorliegen, halte ich diese auch für repräsentativ.

„Sell in May“ und die Realität

Kommen wir nun zur Auswertung:

sell in may_15-05-2017

Sell in May …: Die Wahrheit für den DAX 30

Das Ergebnis scheint auf den ersten Blick tatsächlich FÜR den „Sell in May“-Effekt zu sprechen:

In 30 der 57 Jahre erzielte der DAX von Ende April bis Ende Oktober ein negatives Ergebnis und in 38 (von 57) Jahren ein positives Resultat von Ende Oktober bis Ende April.

Auch der Saldo der DAX-Halbjahre scheint die Aussage mit einem Minus von -2.145,67 Punkten in der Nicht-Investitions-Phase und einem Plus von 14.152,65 Zählern in der Investitions-Phase zu belegen.

Allerdings besteht ein Unterschied zwischen Punkt- und Prozentgewinn:

Wie Sie nämlich sehen, erzielte der DAX in der Nicht-Investitions-Phase ein positives kumuliertes Prozent-Ergebnis von +20,2%!

Fazit

Meine Auswertung bestätigt zwar, dass die Phase von Ende Oktober bis Ende April für DAX-Investments in den vergangenen 57 Jahren wesentlich profitabler war als der Zeitraum von Ende April bis Ende Oktober.

Allerdings brachte die Phase von Ende April bis Ende Oktober – trotzdem 27 Plus-Halbjahre 30 Minus-Halbjahren gegenüberstehen – per Saldo einen kumulierten Zuwachs von +20,2%.

Wenn Sie also den „Sell in May“-Effekt seit 1960 im DAX ebenso konsequent umgesetzt hätten wie den „ … but remember to come back in November“-Effekt von Ende Oktober bis Ende April, dann hätten Sie auf DAX-Gewinne von kumuliert +20,2% verzichtet.

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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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