DAX: Sprinten, bis der Notarzt kommt?

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Heute unternehmen wir ein kleines Gedankenexperiment. Es geht um Sport. Und es geht natürlich auch um Börse. (Foto: gopixa / Shutterstock.com)

Heute sollen Sie für mich laufen. Sogar sehr schnell laufen. Eigentlich sogar sprinten oder spurten. Nun, zumindest im Kopf.

Es ist sozusagen ein Gedanken-Experiment, um Ihnen deutlich zu machen, was derzeit am deutschen Aktienmarkt „abgeht“.

Nein: Ich will Sie hier nicht zum Leichtathleten formen. Es soll auch kein versteckter Rat sein, sich mal wieder sportlich zu betätigen. (Was aber gewiss nicht verkehrt ist!)

Also: Laufen Sie los!

Jetzt ist Ihre Höchstleistung gefragt!

Wie lange können Sie im Höchsttempo sprinten? 1 Minute? 2 Minuten? Vielleicht sogar noch mehr, weil Sie gut in Form sind? Nehmen Sie einfach mal Ihre bestmögliche Dauer an.

Nun stellen Sie sich vor, nach diesem Spurt atmen Sie kurz für 15 Sekunden durch. Anschließend sprinten Sie erneut los. Und sie legen sogar noch etwas an Tempo zu. Was glauben Sie, wie dies nach Ihrer weiteren „bestmöglichen Dauer“ ausgeht?

Auf jeden Fall werden Sie an Ihre körperlichen Grenzen stoßen. Drosseln Sie Ihre Geschwindigkeit nicht, dann werden Sie wohl kollabieren. Wenn Sie glauben, nicht mehr zu können, haben Sie 2 Möglichkeiten:

Sie können entweder abrupt stehenbleiben, um wieder zu Atem zu kommen – Sie werden dann ganz schön japsen. Oder Sie laufen bzw. gehen in deutlich vermindertem Tempo weiter – dann werden Sie vermutlich etwas länger benötigen, bis sich Atmung und Puls wieder beruhigt haben.

Der DAX japst nur noch

Was Sie derzeit im DAX sehen, ist mit meinem imaginären Beispiel vergleichbar:

DAX: Sprinten, bis der Notarzt kommt?

Der deutsche Leitindex ist von Mitte August bis zum 1. Oktober (also in 47 Tagen) um +11% gespurtet. Dann eine kurze Verschnaufpause von 3 Tagen und anschließend erneuter Vollsprint – diesmal noch schneller und weiter (+12,6% in 46 Tagen), wie Ihnen die gestrichelte grüne Linie belegt.

Was ich Ihnen damit deutlich machen möchte: Der DAX ist derzeit völlig außer Atem! Und daran ändert auch eine 5-Sekundenverschnaufpause (-2,5% in 2 Tagen) nach dem Jahreshoch vom 19. November nichts!

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Nun hat der Leitindex 2 Möglichkeiten: Er kann entweder im Kurs oder in der Zeit korrigieren. Das ist ebenfalls vergleichbar mit meinem fiktiven Beispiel:

Entweder fällt der DAX jetzt schnell und heftig. Oder er nimmt sich eine längere Auszeit, gibt weniger stark nach, benötigt dafür aber auch einfach mehr Zeit.

DAX weiter überkauft

Dass die überkaufte Lage (DAX außer Atem) noch nicht abgebaut ist (Index japst noch), habe ich Ihnen schon in meinem Chartanalyse-Trends-Beitrag vor 7 Tagen aufgezeigt:

Der Leitindex notiert inzwischen zwar unter der Obergrenze seines 50-Tagelinie-Kanals (gelber Kreis), aber noch immer über der Oberseite seines 200-Tagelinie-Kanals.

Es hat sich also nicht wirklich etwas geändert.

Divergenz signalisiert Trendwechsel

Gestern sprachen wir über eine vierfache Divergenz (Abweichung) im S&P 500: Werden die Hochs eines Marktes nicht mehr durch ebenfalls höhere Tops im 50-Tage-Momentum bestätigt, dann kündigt sich ein Trendwechsel an.

DAX: Divergenz kündigt Trendwechsel an

Bis zum 7. November hat der Schwung-Indikator jedes neue Hoch im DAX bestätigt. Beim jüngsten Jahreshoch am 19. des Monats hat sich das Momentum nicht einmal mehr nach oben bewegt, sondern ist einfach weiter gesunken.

Fazit

Börse wird von Menschen gemacht. Jeden Tag. Mit jedem Kurs.

Jede Notierung kommt nur zustande, weil sich hier Menschen von Aktien (oder anderen Wertpapieren) trennen, die von anderen gekauft werden. Und daher können Sie dem Aktienmarkt auch andere „menschliche“ Merkmale abschauen, wie mein gedankliches „Sprint-Experiment“ verdeutlichen sollte.

Wie Sie es auch drehen und wenden: Der DAX benötigt nach seinem Doppel-Sprint seit Mitte August DRINGEND eine Verschnaufpause. Wenn er sich dieser Auszeit verweigert, droht ihm der Kollaps.

Morgen schauen wir, wohin der DAX – unter Berücksichtigung der jüngsten Entwicklung – denn korrigieren könnte.


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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