DAX: Will der Markt ein neues Allzeithoch sehen?

DAX Logo RED_shutterstock_1027543759_Pavel Ignatov

Wir schauen heute auf die Wahrscheinlichkeit für einen Durchmarsch des deutschen Leitindex. (Foto: Pavel Ignatov / shutterstock.com)

Im gestrigen Beitrag hatte ich Ihnen aufgezeigt, warum sich die Charttechnik im DAX derzeit sehr spannend gestaltet:

Beim jüngsten Jahreshoch von 13.300 Zählern war der deutsche Leitindex nur noch 296 Punkte bzw. +2,2% von seiner historischen Bestmarke entfernt. Anhand eines bis 1976 zurückreichenden Charts hatte ich Ihnen deutlich gemacht, was passieren kann, wenn solche Rekorde überboten werden:

In vergleichbaren Situationen in der Vergangenheit führte das anschließend zu kräftigen Rallyes. Der DAX konnte dann in den darauffolgenden Monaten zwischen +63% und +159% zulegen.

Heute werden wir analysieren, wie hoch die Chancen einzuschätzen sind, dass dem DAX ein solcher Coup demnächst erneut gelingt.

Wer will das alte Hoch sehen?

In den Börsenmedien können Sie derzeit öfter Sätze wie diesen hören oder lesen: „Der Markt will das alte Rekordhoch sehen.“

Meine Gegenfragen lauten dann regelmäßig: „Und was dann? Was passiert, wenn der Markt das alte Rekordhoch ‚gesehen‘ hat?“ Oder: „Wer könnte warum ein Interesse daran haben, uns glauben zu machen, dass ein solches Ereignis relevant ist?“

Eine nützliche Information stellt diese Hypothese für Sie doch nur dann dar, wenn Sie „sicher“ sein können – was man nicht kann – dass der DAX anschließend tatsächlich eine solche Rallye hinlegt, wie ich Sie gestern für potenziell möglich erklärt habe.

Klar: In der Vergangenheit haben wir genau das schon zigmal gesehen. Aber ich kann Ihnen ebenso viele Beispiele zeigen, in denen der deutsche Leitindex auch ein marginal höheres Hoch markiert hat, nur um anschließend kräftig abzutauchen. Oder er ist kurz davor gescheitert. Also:

Die Chance auf ein neues Allzeithoch beinhaltet nicht zwangsläufig auch die Garantie auf eine nachfolgende Rekordjagd. Daraus folgt:

Möglicherweise ist die oben angeführte Aussage lediglich ein Köder der Großinvestoren, um ihre DAX-Positionen zum bestmöglichen Preis wieder loszuwerden – und zwar an ahnungslose Privatanleger.

Schauen wir einmal, warum das eine gar nicht so abwegige Überlegung ist.

Ein Marathon-Sprinter?

Der DAX hat sich seit Anfang Oktober prächtig entwickelt: Er kletterte in der Spitze um 1.422 Punkte bzw. +12,0% innerhalb von nur 7 Wochen.

Wenn Sie das Augusttief einbeziehen, dann hat der deutsche Leitindex in 12 Wochen sogar 2.034 Punkte oder +18,1% zugelegt.

Das ist vergleichbar mit einem sensationellen Spurt während eines Marathonlaufes. Sie kennen das: Bei dieser Strecke über 42,2 km muss ein Läufer vor allem eines besitzen: Ausdauer!

Gewiss kann er – beispielsweise aus renntaktischen Gründen – auch zeitweilig mal einen Spurt einlegen. Die Betonung hier liegt auf dem Wort „zeitweilig“:

Anschließend muss es der Läufer nämlich einige Zeit langsamer angehen – oder wie ich gerne sage: Er muss eine Verschnaufpause einlegen.

Ohne eine solche Erholungsphase drohen dem Läufer Seitenstiche oder schlimmstenfalls gar ein Kollaps. Das Rennen wäre dann verloren.

Dieses Beispiel können Sie komplett auf den Aktienmarkt übertragen.

Anhand der eingezeichneten Trendlinien im nachfolgenden Chart können Sie sehr schön ablesen, dass der DAX seine Aufwärtsbewegung seit August beschleunigt hat. Und seit Anfang Oktober befindet er sich gar im Sprint-Modus.

Einen solchen Sprint hält der DAX nicht mehr lange durch

DAX ist derzeit völlig überkauft

Wie Sie aus früheren Beiträgen wissen, helfen Ihnen Tagelinien dabei, die Trends eines Marktes objektiv zu beurteilen: Denn sie errechnen sich aus den Schlusskursen, die wiederum durch die Transaktionen der Marktteilnehmer „generiert“ werden.

Standardmäßig wird ein Zeitraum von 50 Tagen für die Anzeige des mittelfristigen und einer von 200 für den langfristigen Trend genutzt. Wie Sie im folgenden Chart sehen, neigen Märkte dazu, Widerstände oder Unterstützungen in bestimmten prozentualen Abständen von ihren Tagelinien auszubilden:

Der nachfolgende Chart veranschaulicht, dass es der deutsche Leitindex zuletzt völlig übertrieben hat:

DAX ist derzeit völlig überkauft

Die blauen und roten Kreise zeigen die Widerstände, die der DAX bei Erreichen der oberen Hüllen um die Tagelinien generiert hat. Das Verhalten an den mit grünen Kreisen gekennzeichneten Stellen zeigt jeweils eine Übertreibungsphase: Im April dieses Jahres folgte darauf eine kräftige Korrektur.

Diesmal hat der DAX selbst diese Phase ignoriert. Ja er notierte an 6 der letzten 7 Handelstage sogar noch oberhalb der oberen Kanalgrenzen (gelber Kreis)!

Fazit

Wenn Märkte frühere Rekordmarken überwinden, dann kommt es nicht selten zu anschließenden, kräftigen Rallyes. Doch eine Garantie dafür gibt es nicht!

Andersherum gilt jedoch: Je steiler ein Markt sein früheres Allzeithoch ansteuert, umso wahrscheinlicher ist es, dass es zumindest einen zwischenzeitlichen Rücksetzer gibt.

Das ist vergleichbar mit einer Verschnaufpause, die ein Marathonläufer einlegen muss, wenn er auf seinem 42,2 km langen Weg ins Ziel mal einen (renntaktischen) Spurt anzieht. Macht er das nicht, bekommt er mindestens Seitenstechen oder kollabiert gar.

Ein besonders krasses Beispiel dafür zeigt Ihnen der abschließende DAX-Chart aus den Jahren 1985 bis 1987. Hier fehlten dem Leitindex seinerzeit nur noch knapp 16 Punkte für ein neues Rekordhoch.

DAX: 1987 folgte auf den Sprint der Kollaps

Seinerzeit war der DAX von März bis August um +33,2% geklettert. Die letzten +23,6% absolvierte der Index in nur 12 ½ Wochen. Rund 8 Wochen später brach der DAX dann im berühmt-berüchtigten Oktober-Crash von 1987 zusammen!

Wohlgemerkt: Ich erwarte derzeit keinen Crash! Aber ich möchte Sie dafür sensibilisieren, mit ähnlichen Marktsituationen vorsichtig umzugehen.

Dax30 – Nur eine Erholung vor dem nächsten Rutsch?

Dax30 – Nur eine Erholung vor dem nächsten Rutsch?Herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe des Video-Newsletters John Gossens Daily Dax. Täglich analysiere ich zwei Mal für Sie die internationalen Aktienmärkte und morgens starten wir immer mit dem Blick… › mehr lesen


© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

Profitieren Sie von unserem kostenlosen Informations-Angebot und erhalten Sie regelmäßig den kostenlosen E-Mail-Newsletter von Andreas Sommer. Herausgeber: GeVestor Verlag | VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG. Sie können sich jederzeit wieder abmelden.

Hinweis zum Datenschutz