Der DAX einmal aus einer ungewöhnlichen Perspektive

Den DAX kann man auch anders sehen, als Sie es eigentlich gewohnt sind. Mit einer durch-aus überraschenden Erkenntnis. (Foto: Deutsche Börse AG)

Für viele Marktteilnehmer bleibt es ein Phänomen:

Während die Wall Street in den letzten Wochen wieder neue Rekordstände markierte, taumelt der DAX vor sich hin. Von dem im Januar 2018 erreichten Allzeithoch entfernt sich der deutsche Leitindex sogar noch zusehends.

Daher stellt sich die Frage: Ist die Wall Street zu teuer? Oder ist der DAX möglicherweise zu preiswert – hat er also Nachholbedarf?

Ich liefere Ihnen zur Beantwortung heute eine charttechnische Analyse mit Hilfe eines Kursverlaufs, der Ihnen eher selten bis nie präsentiert wird.

Die wenig bekannte „DAX-Version“

Der DAX wird auch als „Performance-Index“ bezeichnet. Was hat es damit auf sich?

Im DAX-Performance-Index werden die Dividenden der 30 von ihm repräsentierten Unternehmen rechnerisch re-investiert. Das wird in den meisten anderen Indizes – beispielsweise im Dow Jones oder im S&P 500 – nicht so gehandhabt.

Die Konsequenz einer solchen Berechnungsmethode liegt auf der Hand: Der Ihnen täglich in den einschlägigen Börsenmedien und Marktkommentaren gezeigte DAX-Performance-Index liefert Ihnen ein „viel zu gutes“ Bild des Kursverlaufes ab.

Doch es gibt eine Möglichkeit, den DAX „realistischer“ darzustellen. Was nämlich viele Investoren nicht wissen oder bei einigen in Vergessenheit geraten ist: Es existiert noch eine andere Version vom deutschen Aktienindex – der sogenannte „Kurs-Index“!

Wie Sie sich nun schon denken können, werden bei der Berechnung des DAX-Kurs-Index keine Dividenden einbezogen. Doch wenn dieser ein realistischeres Bild abliefert: Warum wird dann nicht in Analysen die Kurs-Index-Version bevorzugt?

Ganz einfach: Es ist schlichtweg angenehmer für die Börsenmedien, tagtäglich eine „bessere“ oder möglichst gute Kursentwicklung für einen so bedeutenden Index zu präsentieren!

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Ei, wer hätte das gedacht?

Schauen wir also einmal im nachfolgenden Chart gemeinsam auf einen Vergleich der beiden DAX-Versionen:

Vergleich: DAX-Performance- gegen Kurs-Index

Es wird anhand der von mir eingezeichneten Trendlinien schnell offensichtlich: Während der Performance-Index seinen im Jahr 2016 initiierten Aufwärtstrend seit Juni 2018 nach unten verlassen hat (gelber Kreis), ist der des Kurs-Index noch intakt.

Tatsächlich hat der Kurs-Index sogar noch etwas „Luft“, bevor die Aufwärtstrend-Linie erreicht würde (blauer Kreis). Und noch etwas fällt ins Auge:

Der Performance-DAX hat wiederum noch etwas Raum, bevor er eine wichtige Unterstützung (obere pinkfarbene Linie) erreicht. Sein kleiner Bruder hat soeben eine eigene Unterstützung (untere pinkfarbene Linie)nach unten durchbrochen – dafür wartet aber, wie gesagt, die Aufwärtstrendlinie als wahrscheinliche Auffangstation.

Fazit

Meine heutige Analyse bekräftigt noch einmal, was ich Ihnen schon in einer meiner letzten DAX-Untersuchungen geschrieben hatte: Die Verfassung des deutschen Leitindex ist eigentlich besser, als es uns das Chartbild vermittelt.

Der Kurs-Index, der Ihnen tatsächlich einen realistischeren, weil ungeschönten, Verlauf liefert, weist noch einen intakten Aufwärtstrend auf, der Anfang 2016 initiiert wurde.

Wie auch immer: Es wird spannend sein, zu beobachten, wie sich die Lage in den kommenden Wochen entwickelt. Denn: Wie meine heutige Analyse zeigt, liegt eine Trend-Entscheidung bei beiden DAX-Versionen sozusagen „in der Luft“.

Sollte der Aufwärtstrend im Kurs-Index halten, dann dürfte der DAX Nachholbedarf haben. Demnach wäre die Wall Street also nicht überbewertet, sondern der deutsche Leitindex tendenziell eher unterbewertet.


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.