Der drohende „Grexit“ aus einer anderen Perspektive

Das wichtigste Börsenthema war in dieser Woche erneut die Griechenland-Krise. In den deutschen Medien wurde zuletzt extrem oft und viel über den Schuldenstreit mit Griechenland berichtet. Die Zeitungen schrieben täglich darüber und es gab in den vergangenen Wochen so gut wie keinen TV-Talk, in dem das Thema Griechenland keine Rolle spielte.

Was mich an der Diskussion ein wenig stört, ist die Tatsache, dass in den allermeisten Fällen nur aus der Perspektive von Deutschland oder Griechenland berichtet wird. Man könnte fast meinen, es sei ein Duell Deutschland gegen Griechenland. Das ist Unsinn!

Kaum einer spricht darüber, was andere Euro-Staaten zu diesem Thema sagen. Und damit meine ich vor allem Staaten wie Portugal, Spanien oder Irland, die ebenfalls mit großen Problemen zu kämpfen hatten und noch haben, sich aber relativ diszipliniert an ihre Reformvorhaben hielten.

Gemeint sind aber auch Länder, in denen der Lebensstandard viel geringer ist als in Griechenland und die dennoch ohne Hilfen auskommen und sich bislang nicht darüber beschwerten. Aus dieser Perspektive möchte ich heute einen Blick auf die aktuelle Diskussion um Griechenland werfen.

Die Perspektive anderer EU-Staaten

Problematisch an dem derzeitigen Trauerspiel rund um die griechischen Schulden und die Reformwünsche der Geldgeber ist, dass Länder wie Irland, Spanien oder Portugal, die ihre harten Sparprogramme mit viel Leid der einfachen Leute durchgezogen haben, jetzt zuschauen müssen, wie die Griechen partout keine weiteren Kürzungen für Beamte oder Frührentner mehr hinnehmen wollen.

Und was sollen die Bürger in Lettland, Slowenien, der Slowakei, in Estland oder in Litauen davon halten, die allesamt einen niedrigeren Lebensstandard haben als die Griechen und dennoch die Griechen mit Milliarden Euro an Hilfsgeldern unterstützen müssen?

Denn: Was viele nicht zu wissen scheinen, ist, dass auch EU-Staaten, in denen die Bürger noch ärmer sind als in Griechenland, ebenfalls als Geldgeber an den Rettungsschirmen beteiligt sind.

Mangelnde Solidarität wird beklagt

Ein Lette, der beim selben Preisniveau wie in Griechenland mit 300 Euro Rente auskommt, muss aktuell zusehen, wie die Griechen ihre schuldenfinanzierte Mindestrente von 800 Euro mit allen Mitteln zu verteidigen versuchen.

Aus Sicht der griechischen Rentner schmerzt jede Kürzung. Wenn aber nicht gekürzt wird, zahlen dafür die Steuerzahler in den anderen EU-Staaten (auch in den ärmeren Ländern).

Der slowenische Ministerpräsident Miro Cerar hat jüngst beschrieben, wie schwer dies seinen Landsleuten zu vermitteln sei. Und – das kommt erschwerend hinzu: dass sein Kollege Alexis Tsipras sich noch nicht ein einziges Mal für diese slowenische Hilfsbereitschaft bedankt hat.

Alles wird als „Kleinkrieg“ zwischen vermeintlich reichen Deutschen und vermeintlich armen Griechen inszeniert – und den Bürgern in Griechenland seitens der griechischen Regierung auch noch pathetisch als Verteidigung europäischer Bürgerrechte verkauft. Moralisch ist diese Strategie sehr bedenklich.

Problem aus mehreren Perspektiven betrachten

Man tut aus meiner Sicht gut daran, in dieser Sache ab und zu einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Das bedeutet aber nicht, dass die Situation nur aus deutscher Sicht und der, der anderen europäischen Staaten betrachtet werden sollte. Auch die griechische Perspektive sollte man versuchen einzunehmen.

Wenn dies gelingt, ist eine halbwegs objektive Bewertung der Lage möglich. Ansonsten dürften Emotionen die Überhand behalten.

Ausblick: Ich werde in der kommenden Woche erneut über dieses Thema berichten (müssen), wenn das Referendum, welches am Sonntag durchgeführt wird, zu einem Ergebnis geführt hat. Es bleibt spannend…

3. Juli 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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