Der Freiheits-Test

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Monatelang geschieht nichts, jetzt soll es plötzlich schnell gehen: Schon kommende Woche könnten Selbsttests im Supermarkt verfügbar sein. (Foto: canadastock / shutterstock.com)

Auf einmal könnte alles ganz schnell gehen. Was andere Länder seit Monaten vormachen, war in der deutschen Politik auf Zögern und Zaudern gestoßen – bis jetzt.

Ginge es nach Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, wären Schnell- und Selbsttests, die Auskunft geben sollen über eine Infektion mit dem Coronavirus, schon jetzt zu haben. Tatsächlich wird es wohl noch ein paar Tage dauern.

Tests im Drogeriemarkt schon kommende Woche?

Immerhin ab der kommenden Woche könnten die Tests dann aber erhältlich sein, zumindest peilen die Drogeriemarktketten dm und Rossmann jeweils einen Verkaufsstart ab dem 9. März an – sofern die Hersteller ihre Lieferzusagen einhalten, wie beide Unternehmen betonten. Ein Zusatz, den man nach dem Debakel um die versprochenen und dann doch erst später gelieferten Impfdosen verschiedener Pharmafirmen wohl noch häufiger hören wird im Zusammenhang mit der Pandemiebekämpfung.

Neben Drogerieketten sollen die Tests in Apotheken freiverkäuflich angeboten werden, auch verschiedene Supermarktketten sowie Discounter prüfen eine entsprechende Erweiterung ihres Sortiments, darunter Aldi, Lidl, Edeka oder Rewe. Ab wann und zu welchem Preis die Tests tatsächlich in den Regalen stehen, bleibt abzuwarten, aber die Zeichen stehen gut, dass es im Laufe des März soweit sein könnte.

Schleppende Impfkampagne durch Testkampagne aufpeppen?

Von kostenlos bis kostengünstig werden nun verschiedene Szenarien durchdiskutiert, von zwei kostenfreien Schnelltests, durchgeführt durch speziell geschultes Personal, etwa in Impf- oder Testzentren oder auch Apotheken, ist dieser Tage die Rede, oder von einem Verkaufspreis für Schnelltests von einem Euro pro Stück. Beschlossen ist all das noch nicht, es sind Ideen, Gedankenspiele, Vorschläge, und sie kommen von unterschiedlichen Politikern in unterschiedlichen Funktionen aus unterschiedlichen Parteien.

Was sie alle verbindet, ist die Hoffnung, die lahmende Impfkampagne mit einer hinzukommenden Testkampagne aufzupeppen und dadurch dem Infektionsgeschehen besser Herr zu werden als bislang. Ob das allerdings gelingen wird, ist mehr als fraglich.

Wer bestellt, wer testet, wer meldet, wer prüft?

Das fängt bei der Beschaffungsfrage schon an: Wer ordert die Tests bis wann wohin und wie kommen sie von dort aus in die jeweiligen Filialen vor Ort? Beim Start der Impfkampagne offenbarte sich die Verteilungslogistik als erhebliche Hürde, die zu mehrtägigen Zeitverzögerungen und leerstehenden Impfzentren führte.

Unklar ist außerdem die Fehlerquote der Testergebnisse – wie oft werden falsch positive, oder – noch verheerender – falsch negative Ergebnisse angezeigt? Wer überprüft das und wie? Sind die drei Produkte, die nun eine Schnellzulassung erhalten haben und bald auf den Markt kommen sollen, tatsächlich in ihrer Anwendung hinreichend einfach, sodass Laien den Abstrich korrekt durchführen können und nicht versehentlich falsch testen und sich dann möglicherweise trotz Infektion in trügerischer Sicherheit wiegen?

Zudem werden schon jetzt Stimmen von Ärzteverbänden laut, die fordern, die Testergebnisse den Gesundheitsämtern zugänglich zu machen, um die bislang verborgene Dunkelziffer unerkannter Infektionen etwas besser beleuchten zu können und daraus weitere Schritte für die weitere Infektionseindämmung abzuleiten. Doch wie soll das funktionieren?

Die Sehnsucht nach der Öffnungsperspektive

Einzelhändler, Gastronomen, Kulturschaffende und viele mehr hoffen unterdessen darauf, bald wieder Kunden und Gäste begrüßen zu können, wenn etwa der Einlass an einen unmittelbar zuvor durchzuführenden negativen Schnelltest gekoppelt wird. Dann könnten auch Nicht-Geimpfte – ob sie die Impfung nun ablehnen oder schlicht noch nicht an der Reihe sind – wieder ein Stück mehr Freiheit zurückerlangen.

Doch die Testoffensive krankt, wie so vieles seit Beginn der Pandemie, an dem holprigen Aktionismus, mit dem nun übereilt gestartet werden soll. Anstatt sich in den Sommermonaten, als im vergangenen Jahr das Infektionsgeschehen deutlich zurückging und man hinreichend Zeit gehabt hätte, sich für die Wintermonate, die Schulbelüftung, die Impfkampagne oder eben die Teststrategie zu wappnen und durchdachte Konzepte zu entwickeln, blieben weite Teile der Politik erstaunlich untätig.

Merkels Autorität schwindet

Angela Merkel wurde nicht müde, zu mahnen und vor den Gefahren des Virus zu warnen, doch ihren Prognosen und denen der Experten wurde solange nicht geglaubt, bis sie eingetroffen waren. Wie wenig Autorität die Kanzlerin wenige Monate vor dem Ende ihrer Amtszeit noch genießt, zeigt sich alle paar Wochen nach der Ministerpräsidentenkonferenz: Wenige Tage, teils nur wenige Stunden, nachdem Merkel und ein bis zwei Ländervertreter die Beschlüsse in einer Pressekonferenz vorgetragen haben, weichen zuverlässig mehrere Länder von der gemeinsamen Linie ab. Was in Schleswig-Holstein erlaubt ist, bleibt in Hamburg verboten und umgekehrt. Glaubhaft zu vermitteln ist das den Bürgern schon lange nicht mehr.

An diesem Mittwoch ist es nun mal wieder soweit: Die Regierungschefs und ‑chefinnen der Länder schalten sich zu ihrer Konferenz zusammen und beraten das weitere Vorgehen. Die Vielzahl an Vorschlägen, die bereits jetzt auf dem Tisch liegt, lässt lange und zähe Verhandlungen erwarten. Auch über die Details der Teststrategie soll in der Runde gesprochen werden. Man darf gespannt sein – auf die Ergebnisse, die verkündet werden, und diejenigen, die dann umgesetzt werden. In 16 Varianten.


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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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