Der schmale Grat zwischen Konjunkturförderung und Inflation

Am Aktienmarkt kehrte heute etwas Ruhe ein. Die gestrige Kursexplosion musste erst einmal verdaut werden.

Der deutsche Leitindex DAX verlor gut 50 Punkte, konnte die 6.000-Punkte-Marke jedoch erfolgreich verteidigen.

Tagesthema Nr. 1 war auch heute das gemeinschaftliche Vorgehen der Notenbanken. Die Vereinbarung erleichtert es weltweit den Banken, sich günstig mit Dollar-Beständen einzudecken.

Da in der Schuldenkrise viele internationale Investoren ihr Kapital aus der Euro-Zone abgezogen haben, hatten europäische Banken Probleme, günstig und in ausreichend großer Menge Dollar-Bestände aufzubauen.

Die US-Währung ist noch immer die globale Leitwährung, zum Beispiel am Rohstoffmarkt, daher benötigen auch europäische Banken Dollar-Bestände.

Wie gestern im Schlussgong beschrieben: Der Markt ist wieder liquide. Der Preis, der dafür gezahlt werden muss, ist ein stark gestiegenes Inflationsrisiko.

China nimmt Inflation in Kauf

Ebenfalls gestern habe ich Sie im Schlussgong darüber informiert, dass die chinesische Zentralbank den Mindestreservesatz gesenkt hat. Die Hoffnung, die damit verbunden ist: Die Banken sollen das Wachstum der chinesischen Wirtschaft wieder antreiben.

Die Senkung des Mindestreservesatzes führt dazu, dass die Banken mehr Spielraum erhalten und mehr Geld schöpfen können. Ein kleines Rechenbeispiel: Der Mindestreservesatz wird von 5 auf 2% gesenkt.

Liegt der Satz bei 5%, dürfen die Banken weniger Geld verleihen. Pro 1.000 Euro Guthaben dürften maximal 950 Euro wieder in Form von Krediten verliehen werden. 50 Euro müssen dagegen als Reserve in der Bank bleiben. Sinkt der Satz auf 2%, darf die Bank 980 Euro verleihen.

Der Unterschied hört sich harmlos an, aber Sie müssen dabei bedenken, dass das Geld mehrfach angelegt wird.

Die Kreditsumme von 980 Euro landet irgendwann wieder bei der Bank. Von dieser Summe darf die Bank dann maximal 960,40 Euro verleihen (980 Euro abzüglich der 2% Mindestreserve), im nächsten Schritt 941,19 Euro und immer so weiter. Aus 1.000 Euro können so hohe fünfstellige Kreditbeträge werden.

Daher ist es ein großer Unterschied, ob pro Vorgang 5% oder nur 2% als Reserve in der Bank bleiben. Mit der Senkung des Reserve-Satzes nimmt China also bewusst in Kauf, dass nicht nur die Konjunktur belebt wird, sondern auch die Inflationsrate steigt.

Billiges Geld führt nicht zwingend zu Inflation

Die gestern verkündeten Maßnahmen der Notenbanken sorgen dafür, dass sich die Banken weltweit günstiger mit Geld versorgen können. Das ist eine Voraussetzung für steigende Inflationsraten.

Es ist aber nicht so, dass es zukünftig zwingend zu einer Inflations-Krise kommen muss. Die anderen Marktteilnehmer müssen auch noch mitspielen. Die oben beschriebene Geldschöpfung funktioniert nur dann, wenn eifrig neues Geld nachgefragt wird.

Beispiel China: Die Senkung der Mindestreserve sorgt nur dann für Inflation, wenn das Geld mehrfach als Kredit vergeben wird. Werden dagegen nur wenige neue Kredite eingesetzt, verpufft die Maßnahme wirkungslos.

Zwischenfazit: Wenn jetzt weltweit die Notenbanken für billiges Geld sorgen, führt das nicht zwingend zu stark steigenden Inflationsraten.

Unternehmen müssen optimistisch sein

Die Kredit-Nachfrage ist groß, wenn die Unternehmen eine steigende Nachfrage am Güter- und Dienstleistungsmarkt erwarten. Genau dann werden die Unternehmen in neue Fabriken und Maschinen investieren. Dafür brauchen sie oft Kredite.

Sind die wirtschaftlichen Aussichten dagegen schlecht, werden die Unternehmer weniger investieren und keine neuen Kredite in Anspruch nehmen. Billiges Geld erleichtert eine Investition, kann diese aber nicht erzwingen.

Bei den Verbrauchern spielt die Psychologie eine größere Rolle

Etwas anders läuft der Entscheidungsprozess bei den Verbrauchern. Hier spielt eine Frage eine ganz entscheidende Rolle: Was ist mein Geld zukünftig wert?

Wenn ich als privater Konsument überzeugt bin, dass eine Inflation droht, ich also für die identische Geldsumme zukünftig weniger Waren und Dienstleistungen erhalte, werde ich verstärkt zeitnah konsumieren und weniger sparen.

Dieses Gefühl kann sich immer weiter steigern. Erwarte ich eine stark steigende Inflation, werde ich meine Einnahmen (Gehalt, Rente, Zinserträge) so schnell wie möglich in wertstabile Sachwerte umtauschen.

Wenn das zu einem Massenphänomen wird, steigt die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes rasant. Das verstärkt den Inflations-Effekt dramatisch und kann kaum noch aufgehalten werden.

Daher gilt: Das Vertrauen in eine stabile Währung ist der beste Schutz gegen Inflation.

Die Bundesbank muss als Hort der Stabilität verteidigt werden

Umfragen zeigen, dass weit über 50% der Deutschen aktuell Angst vor steigenden Inflationsraten haben. Das Vertrauen in den Euro ist noch nicht zerstört, aber zumindest angekratzt.

Notenbanken und Regierungen müssen daher sehr behutsam vorgehen. Daher ist es richtig, dass die Deutsche Bundesbank immer wieder als Hort der Geldwertstabilität auftritt. Der junge Bundesbank-Chef Jens Weidmann macht bisher einen erstklassigen Job.

Die Bundesregierung muss diese Vertrauensperson in den Medien aufbauen und verteidigen, wenn es auf europäischer Ebene stürmisch wird.

1. Dezember 2011

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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