Der Siegeszug des Hochfrequenzhandels soll gestoppt werden

Auch heute prägten Gewinnmitnahmen den Börsentag in Deutschland.

Die Gründe habe ich Ihnen schon gestern hier im Schlussgong genannt.

Zum einen sind noch immer einige Fragen in der Griechenland-Krise offen. Die wichtigste Frage lautet: Kommt es zu einem freiwilligen oder zu einem erzwungenen Schuldenschnitt?

Wird die Einigung als Zwang interpretiert, werden Kreditversicherungen (CDS) fällig. Noch ist unklar, wer Gewinner und Verlierer bei den CDS-Geschäften wird. Daher stehen heute viele Finanzwerte auf der Verlierer-Seite.

Eine Belastung sind auch die „runden Marken“. Der DAX ist gestern an der 7.000-Punkte-Marke gescheitert und gibt heute knapp 1% ab.

Der US-Index Dow Jones konnte gestern Abend kurzzeitig die 13.000-Punkte-Hürde überwinden, war aber nicht in der Lage, das Niveau zu halten. Das ist aber keine Überraschung. Runde Marken werden selten im ersten Anlauf geknackt.

Zeit für Experimente

Da die Investoren in diesen Tagen auf die Griechenland-Krise blicken, können andere Länder die Zeit nutzen und relativ unbemerkt Reformen ausprobieren.

So meldet die britische Wirtschaftszeitung Financial Times, dass die Borsa Italiana, also die italienische Börse, die Hochfrequenzhändler mit einer neuen Gebühr ausbremsen will.

Hinter den Hochfrequenzhändlern stehen oft Hedgefonds. Modernste Computerprogramme setzen auf winzige Kursunterschiede an den Börsen. Damit sich der Aufwand lohnt, müssen riesige Summen eingesetzt werden.

Das hört sich spontan wie eine kleine Nische für Spezialfonds an. Die Realität sieht aber anders aus. Experten gehen davon aus, dass die Hochfrequenzhändler in den USA für über 50% der Aktien-Umsätze verantwortlich sind. In Europa liegt die Quote auch schon bei über 30%.

Hochfrequenzhandel besitzt Vor- und Nachteile

Theoretisch ist der Hochfrequenzhandel sogar eine gute Sache für die Börse und auch für uns Anleger. Der Markt wird noch liquider. Das ist die Grundlage für transparente und faire Kurse.

Es gibt allerdings einige Schwachstellen: Zum einen sind die Hochfrequenzhändler unberechenbar. Ziehen sich mehrere große Händler plötzlich zurück, trocknet der Markt schlagartig aus.

Ein solcher Rückzug soll den „Flash-Crash“ im Mai 2010 ausgelöst haben. Damals verlor der Dow Jones ohne Grund plötzlich 1.000 Punkte. Am Ende des Handelstages notierte der Index wieder auf dem alten Niveau.

Ein weiterer Kritikpunkt: Die riesigen Order-Größen der Hochfrequenzhändler sollen in Stressphasen die Schwankungen verstärken.

Fazit: In ohnehin ruhigen Börsenphasen ist die Wirkung der Hochfrequenzhändler positiv, in stürmischen Zeiten dagegen negativ. Angesichts dieser unglücklichen Wirkung bieten diese Handelssysteme keinen Mehrwert für den Gesamtmarkt.

Wie reagieren die Hedgefonds?

Die in Italien geplante Besteuerung dieser Geschäfte ist ein interessantes Experiment. In Frankreich soll eine ähnliche Steuer eingeführt werden.

Interessant sind diese Experimente, weil so getestet werden kann, wie die Märkte und die Marktteilnehmer auf neue Börsensteuern reagieren und welche Gegen-Strategien die Hedgefonds einsetzen.

Vorstufe einer allgemeinen Transaktionssteuer

Die Erkenntnisse aus Italien und Frankreich können genutzt werden, um 2013 oder 2014 endgültig zu entscheiden, ob im Euro-Raum eine allgemeine Transaktionssteuer eingeführt werden soll.

Wie im Schlussgong vom 11. Januar geschrieben: Ich bin nicht grundsätzlich gegen eine Transaktionssteuer. Wenn der Steuersatz zwischen 0,01 und maximal 0,1% schwankt, werden viele private Anleger das kaum spüren. Nur die Daytrader würden leiden.

Zweite Bedingung ist, dass die Einnahmen dieser Steuer nicht im allgemeinen EU-Haushalt verschwinden.

Ich bleibe dabei: Wird auch nur eine Bedingung verletzt, lehne ich die Transaktionssteuer ab.

22. Februar 2012

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

Regelmäßig Informationen über Marktanalysen erhalten — kostenlos!
Profitieren Sie von unserem kostenlosen Informations-Angebot und erhalten Sie regelmäßig die neusten Informationen von Rolf Morrien. Über 344.000 Leser können nicht irren.

10 Dividendenaktien, deren Dividende IMMER steigt