Der Tragödie letzter Akt?

Mit dem heutigen Montag starten die globalen, vor allem aber die europäischen Finanzmärkte in eine Handelswoche, die äußerst turbulent verlaufen dürfte.

Noch nie war seit Ausbruch der Finanzkrise eine Staatspleite Griechenlands so wahrscheinlich wie jetzt, noch nie erschienen die Spitzenpolitiker der Währungsunion so ratlos wie an diesem Wochenende.

Dabei hatte Ende letzter Woche alles noch so vielversprechend ausgesehen, obwohl die Zeit – wieder einmal – sehr knapp zu werden drohte. Doch das kannte man bereits aus den vergangenen Jahren.

Immer wieder verhandelten wechselnde griechische Regierungschefs bis zur sprichwörtlich letzten Minute, immer wieder raufte man sich am Verhandlungstisch zusammen und fand zu irgendwelchen Kompromissen.

Der ganz große Wurf war bekanntlich nie dabei, in der Regel wurden bestehende Probleme lediglich vertagt, immer wieder einige Monate Zeitaufschub erkauft in der Hoffnung, die Lage werde sich bessern. Grundlegend gebessert hat sich allerdings seither wenig, im Gegenteil.

Schuldenberg, Arbeitslosigkeit, Armut

Griechenlands Schuldenberg ist so hoch, dass es kaum denkbar erscheint, dass die lebenden und kommenden Generationen ihn vollständig werden zurückzahlen können. Die Wirtschaft liegt am Boden, die Bevölkerung darbt, Arbeitslosigkeit und Armut haben rapide zugenommen.

Dass es so weit gekommen ist, dafür haben diverse Faktoren gesorgt: Schöngerechnete Bilanzen, mit denen Griechenland in die Euro-Zone aufgenommen wurde, obwohl alle Beteiligten es hätten besser wissen müssen.

Ein aufgeblähter Staatsapparat mit gleichzeitig laxem Steuersystem sowie einer etablierten Korruption bis in die Spitzenpolitik. Und schließlich auch die Sparauflagen der Geldgeber, die erst allzu harte Einschnitte einforderten, damit die Wut vieler Griechen auf sich zogen und es zuließen, dass sich innerhalb der Solidargemeinschaft Europa tiefe soziale und ideologische Gräben auftun.

Umstrittenes Referendum – Timing und Kommunikation denkbar schlecht

Geld gegen Reformen, so hieß die Formel, die nun wohl erst einmal als gescheitert betrachtet werden muss. Denn Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras hat am Wochenende ein Referendum angekündigt, in dem er die griechische Bevölkerung abstimmen lassen will. Sie sollen sich positionieren, die Vorschläge aus Brüssel annehmen oder ablehnen.

Tsipras schiebt damit der Bevölkerung den schwarzen Peter zu und wälzt die Verantwortung für eine Entscheidung erheblicher Tragweite auf das Wahlvolk ab, anstatt als Regierungschef selbst dafür geradezustehen, so die Meinung seiner Kritiker.

Andererseits erscheint eine Volksbefragung durchaus logisch und konsequent – doch der Zeitpunkt und die Kommunikation hätten unpassender kaum gewählt werden können.

Dass die europäischen Partner auf die Ankündigung des Referendums so brüskiert reagiert haben hängt vor allem damit zusammen, dass Tsipras und sein Finanzminister Yanis Varoufakis einen solchen Schritt bislang offenbar nicht angekündigt hatten.

Es klingt sehr nach einer Nacht-und-Nebel-Aktion, geboren aus dem Mut der Verzweiflung, alles auf eine Karte setzen zu wollen. Es klingt nicht nach einer wohlüberlegten Kopfentscheidung, eher nach einer übermüdeten Bauchentscheidung.

Wahlkampfrhetorik vs. Krisenmanagement

Es ist das Dilemma dieser griechischen Regierung, dass sie sich im Turbo-Tempo einarbeiten musste in die komplexen Zusammenhänge und harten Fakten, zu denen sie als Oppositionsvertreter nur begrenzt Zugang haben.

Für den Lernprozess, zwischen Wahlkampfrhetorik und politischem Tagesgeschäft zu unterscheiden und durchdachte Pläne zu entwickeln, die dem ersteren nicht zuwiderlaufen und dem letzteren trotzdem gerecht werden, blieb Tsipras und seinem Team nicht einmal ein halbes Jahr Zeit.

Sie haben versucht, ihre Versprechen zu halten, sie haben in Brüssel gekämpft – allerdings mit zu scharfen Forderungen und zu wenig Gefühl für politisch machbare Kompromisslösungen. Am Ende trennten die Verhandlungspartner wohl nur noch vergleichsweise geringe Beträge, eine Einigung wäre machbar gewesen.

Doch dann leistete sich Tsipras mit seiner fehlgeschlagenen Kommunikationstaktik den entscheidenden Fauxpas, der nun womöglich in die Staatspleite Griechenlands führt und eventuell das Ausscheiden des Landes aus der Währungsunion nach sich zieht.

Griechenlands Finanzplatz bleibt dicht

Am Montag bleibt die griechische Börse ebenso geschlossen wie die griechischen Banken, die möglicherweise für den Rest der Woche nicht mehr öffnen werden. Die Regierung besteht auf dem Referendum am kommenden Sonntag – doch ob es bis dahin überhaupt noch etwas gibt, worüber sich abstimmen lässt, ist derzeit völlig ungewiss.

Für Europas Börsen dürfte die Achterbahnfahrt der vergangenen Wochen nun noch einmal weitergehen. Es wird mit deutlichen Verlusten, auch für den Dax, gerechnet. Wie dramatisch diese letztlich ausfallen werden, ist völlig offen. Immerhin aber kommen die Nachrichten nicht aus völlig heiterem Himmel, denn das Thema steht schon seit Wochen wieder weit oben auf der Agenda von Börsianern und Anlegern.

Diese hatten sich Ende vergangener Woche trotz zahlreicher Turbulenzen tendenziell optimistisch gezeigt, der Dax hatte am Freitag noch einmal leicht zugelegt um 0,2 Prozent auf 11.492 Punkte. Man hatte gehofft, es würde laufen wie immer – erst dramatische Zuspitzung, dann am Ende doch noch irgendeine Einigung. Doch dieses Mal ist alles anders.

Übernahmeangebot: K+S-Aktie schießt 30 Prozent nach oben

Bei den Einzelwerten gab es am Freitag einen bemerkenswerten Kurssprung beim Düngemittelhersteller K+S, der ein Übernahmeangebot des kanadischen Konkurrenten Potash bestätigte.

Die Kanadier bieten demnach eine Übernahmeprämie sowie mehr als 40 Euro je Aktie. Der Kurs schnellte daraufhin um bis zu 40 Prozent in die Höhe, markierte ein Drei-Jahres-Hoch und schloss knapp 30 Prozent fester.

29. Juni 2015

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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