Deutsche Autobranche: Verlässlich oder veraltet?

Volkswagen Logo RED_shutterstock_599013854_Evannovostro

Die Deutschen Hersteller klammern sich an den Verbrenner, die Kunden greifen immer öfter zum E-Auto. Ein Blick auf eine Branche im Umbruch. (Foto: Evannovostro / shutterstock.com)

Die Konkurrenz schläft nicht. Im Gegenteil, sie rückt immer näher. Spätestens seit Tesla damit begonnen hat, im brandenburgischen Grünheide vor den Toren der bundesdeutschen Hauptstadt ein gigantisches Werk aus dem Boden zu stampfen, von dem aus schon in absehbarer Zeit der europäische Markt mit E-Autos beliefert werden soll, stehen die deutschen Hersteller zunehmend unter Zugzwang.

Schon seit Längerem muss sich die hiesige Vorzeigebranche den Vorwurf gefallen lassen, in Sachen Elektromobilität ziemlich lange geschlafen zu haben. Seit Jahren steht nicht zuletzt aus Klimaschutzgründen das politische Aus des Verbrennungsmotors de facto auf der Agenda, doch ähnlich wie einst die Atomkraftverfechter wollten deutsche Hersteller den Wandel lange nicht wahrhaben und zögerten die Umstellung ihrer Technologien immer weiter hinaus – bis dann plötzlich Hektik ausbrach.

Erst verschlafen, dann hektisch

Parallel zur Dieselaffäre, die den Ruf der als eigentlich nachhaltiger geltenden Dieselmotoren arg beschädigte und für die Autobauer zu hohen Ausgaben für juristische Auseinandersetzungen führte, mussten sie in den vergangenen Jahren hastig die E-Mobilität vorantreiben. Die Antriebswende und die zunehmende Digitalisierung, Vernetzung und Automatisierung der High-Tech-Ausstattung moderner Neufahrzeuge verschlingen Milliardeninvestitionen – und doch kann oder will man sich vom Verbrenner noch nicht ganz trennen.

Dabei haben die Regierungen diverser Länder bereits das Aus für Benziner und Diesel besiegelt, neben einzelnen EU-Staaten will auch China schon in der kommenden Dekade keine Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor mehr neu zulassen. Das dürfte die Verantwortlichen bei BMW, Daimler und Volkswagen aufhorchen lassen, immerhin gilt China als einer der wichtigsten und wachstumsträchtigsten Absatzmärkte aller drei Hersteller.

Doch während immer mehr Hersteller inzwischen die eigene Flotte auf Elektro trimmen und bereits mehr oder minder konkrete finale Ausstiegsdaten für die Produktion klassischer Antriebe verkündet haben, hält man sich in München, Stuttgart und Wolfsburg diesbezüglich noch vornehm zurück.

BMW, Daimler, Volkswagen: Kein Abschied vom Verbrenner in Sicht?

Starke Marken wie General Motors, Ford, Volvo oder auch Porsche hatten zuletzt Schlagzeilen gemacht mit Ausstiegsszenarien. Dabei setzen die Hersteller überwiegend auf ambitionierte Etappenziele für das Jahr 2025: Bis zur Mitte der Dekade sollen 30 bis 50 Prozent der verkauften Neuwagen elektrisch angetrieben werden, ein Abschied vom klassischen Verbrenner wird für 2030 bis 2035 angestrebt.

Zwar lässt man sich hier und da noch Hintertürchen offen, etwa indem Ausnahmen für besonders schwere Fahrzeuge eingeräumt werden, aber gerade die hochgesteckten kurzfristigen Ziele machen die Etappenerfolge überprüfbar – und wer bereits 2025 einen erheblichen Anteil an Elektrofahrzeugen in der Flotte hat, dem dürfte es auch leichter fallen, bis in die frühen 2030er Jahre diesbezüglich deutlich umfassendere Ziele zu erreichen.

Bei BMW, Daimler und Volkswagen hingegen scheut man sich bislang, ein konkretes Ausstiegsszenario zu formulieren. Immerhin haben VW und BMW zuletzt angekündigt, ihre bisherigen Bemühungen in Sachen Elektrooffensive zu beschleunigen. Heißt konkret: Der E-Anteil an der Gesamtflotte soll schneller als bislang geplant ausgebaut werden. Dennoch werden Kassenschlager wie etwa der VW Golf noch eine weitere Verbrennergeneration bekommen, wie das Unternehmen kürzlich bekanntgab.

Ausbau der Ladeinfrastruktur

Ford baut unterdessen seinen Kölner Standort zum Elektrowerk um, während in Grünheide wohl schon bald die ersten Tesla-Fahrzeuge vom Band rollen dürften. Die Scheu der Dax-Mitglieder wird immer wieder auch damit begründet, dass die Kunden bislang nicht so recht mitziehen bei der Mobilitätswende. Ambitionierte politische Ziele wurden mehrfach meilenweit verfehlt, sowohl bei den Neuzulassungszahlen für Elektrofahrzeuge als auch mit Blick auf den Ausbau der Ladeinfrastruktur.

Hier will unter anderem VW nun selbst aktiv werden. In Kooperation mit mehreren Energiekonzernen plant Europas größter Autokonzern ein deutlich engmaschigeres Ladenetzwerk für Deutschland und Europa. Wenn Aufladedauer und Reichweite dann noch optimiert werden, steht dem Umstieg kaum noch etwas entgegen.

Grünes Gewissen?

Kritiker monieren allerdings seit Langem, dass die Klimabilanz der E-Autos weit weniger positiv ausfällt als häufig beworben, was in erster Linie auf die aufwändige Produktion der benötigten Batteriezellen zurückzuführen ist. Erst nach mehrjährigem Betrieb hat sich das Ganze klimatisch neutralisiert.

Ein weiterer Knackpunkt in den Abschiedsszenarien vom Verbrennungsmotor, und zwar nicht nur bei den deutschen Herstellern: Bei den meisten Autobauern bilden nicht nur reine Elektrofahrzeuge, sondern auch die nicht unumstrittenen Plug-In-Hybride einen wesentlichen Baustein der Strategie. Diese Fahrzeuge, die schon länger auf dem Markt sind und sich mit dem Appell ans grüne Gewissen auch recht gut verkaufen, verwenden auf der städtischen Kurzstrecke einen elektrischen Antrieb und schalten bei der Langstrecke auf den Verbrennungsmotor um. Da sie allerdings vergleichsweise viel Sprit benötigen und zugleich Batterien verbaut sind, ist ihre Klimabilanz fragwürdig.

Kunden entscheiden sich öfter für E-Auto

Um tatsächlich nachhaltig ambitionierte Klimaziele umzusetzen, müssten sich die politischen Vorgaben daher an einem umfassenderen CO2-Fußabdruck orientieren und weniger starr auf Emissionen im Straßenverkehr fokussiert sein. Dennoch scheint nach anfänglicher Skepsis auch bei den Kunden die Freude am Elektromotor allmählich zu steigen: Weltweit wurden im vergangenen Jahr 3,18 Millionen Elektro- oder Hybridfahrzeuge neu zugelassen, mit 1,25 Millionen Stück entfiel mehr als ein Drittel davon auf den chinesischen Markt.

Während das Wachstum dort allerdings lediglich bei 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr lag, zeichnet sich vor allem in Europa ein regelrechter Elektroboom ab: In der EU wurden insgesamt 1,37 Millionen Fahrzeuge mit Elektro- oder Hybridantrieb neu angemeldet, davon 395.000 in Deutschland – ein Plus von satten 264 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Hier dürften Subventionen wie staatliche Kaufprämien oder auch die zeitweise um 3 Prozentpunkte abgesenkte Mehrwertsteuer eine Rolle gespielt und die Kauflaune trotz Pandemielage angetrieben haben. Weltweit lagen die Neuzulassungen für (teil)elektrisch betriebene Fahrzeuge 38 Prozent über dem Vorjahreswert.

VW überarbeitet Strategie: Beschleunigte E-Offensive

Mit weltweit 422.000 Elektro-Neuzulassungen stieg Volkswagen außerdem zum zweitgrößten Anbieter auf – und ist der nach wie vor global führenden Nummer 1, Tesla, dicht auf den Fersen. Der US-Hersteller zählte im vergangenen Jahr rund 500.000 Neuzulassungen.

Anleger begrüßen die zuletzt noch einmal angepasste Konzernstrategie der Wolfsburger bis 2030, die vor wenigen Tagen gemeinsam mit der Jahresbilanz für 2020 vorgestellt wurde. Die VW Aktie zählt zu den klaren Gewinnern in dieser Woche.

Volkswagen Logo RED_shutterstock_599013854_Evannovostro

VW-Aktie bricht nach oben aus – Autosektor generell starkVolkswagen hat diese Woche einen wichtigen Schritt nach oben geschafft. Die Aktie von BMW zeigt eine Bodenbildung auf der weiter aufgebaut werden kann. › mehr lesen


© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
david-gerginov
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

Profitieren Sie von unserem kostenlosen Informations-Angebot und erhalten Sie regelmäßig den kostenlosen E-Mail-Newsletter "GeVestor täglich". Herausgeber: GeVestor Verlag | VNR Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG. Sie können sich jederzeit wieder abmelden.

Hinweis zum Datenschutz