Deutsche Autoindustrie: Bittere Erkenntnisse

Aktien deutscher Autohersteller und -zulieferer stehen unter Druck. Daran wird sich auch so schnell nichts ändern. (Foto: Cineberg / Shutterstock.com)

Wenn einzelne Aktien sich signifikant schlechter entwickeln als andere, dann zieht das die sogenannten „Schnäppchenjäger“ geradezu magisch an. Warum das nicht wirklich eine gute Investment-Philosophie ist, werden wir heute beleuchten.

In diesem Zusammenhang werde ich für Sie speziell die deutsche Automobilbranche unter die Charttechnik-Lupe nehmen. Denn tatsächlich macht nicht nur eine einzelne Aktie dieses Sektors schlapp, sondern gleich alle zusammen.

Die gestrigen Ereignisse bei Continental werfen dabei einen bezeichnenden Schatten. Und auch jüngste Äußerungen des Volkswagen-Chefs Diess sind – zumindest in meinen Augen – ein Armutszeugnis für die deutsche Autoindustrie.

Bedeutung der deutschen Autoindustrie

Gemessen am Umsatz ist die deutsche Autobranche die bei weitem bedeutendste der Bundesrepublik. Mehr als 800.000 Menschen arbeiten in diesem Sektor. Nach China und den USA ist Deutschland der größte PKW-Produzent dieser Erde.

Mit einer rund zweijährigen Unterbrechung während der Finanzkrise erlebten die deutschen Autoaktien von 2003 bis Anfang 2015 einen grandiosen Aufstieg: Der DAXsector Automobile verachtfachte sich im Wert (+730%).

Vom Glanz jener Zeit scheint sich die Branche nun jedoch zunehmen zu entfernen. Derzeit notiert der Branchenindex satte -26% unter dem Rekordhoch vom März 2015.

In der Rangliste der Relativen Stärke aller 18 DAXsectors belegt der Automobile-Index den letzten Platz!

Langfristiges Verkaufssignal im Juni

Also Zeit für Schnäppchenjäger, auf den Plan zu treten? Mitnichten, wie Ihnen der nachfolgende Chart dokumentiert:

DAXsector Automobile: Langfristiges Verkaufssignal im Juni

Der langfristige Aufwärtstrend seit dem Jahr 2003 ist noch intakt. Damit enden allerdings auch schon die erfreulichen Erkenntnisse.

Der vom Tiefpunkt im Juni 2016 ausgehende Aufwärtstrend (blaue Linie) wurde exakt 24 Monate später nach unten durchbrochen (roter Kreis). Das Verkaufssignal wurde vom Relative Stärke Index zeitgleich bestätigt (gelber Kreis).

Das ist deshalb fatal, weil wir hier einen Monatschart betrachten: Die darin generierten Signale haben einen langfristigen Charakter.

Was Schnäppchenjäger gerne ignorieren

Auf im Kurs stark gefallene Aktien zu setzen, hat in aller Regel katastrophale Folgen: Was sich viele „Schnäppchenjäger“ nämlich nicht klar machen:

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Wenn ein Aktienkurs abwärts tendiert, dann gibt es dafür einen ganz simplen Grund: Das Angebot übersteigt dauerhaft die Nachfrage.

Da sich Aktien jedoch in Trends bewegen, können Sie davon ausgehen, dass kursschwache Aktien auch noch eine ganze Weile länger an Wert verlieren werden.

Continental setzt ein unschönes Zeichen

Gestern geriet der Sektor weiter unter Druck: Eine Gewinnwarnung von Continental ließ die Aktie um -13,2% abstürzen!

Das Fatale daran: Continental ist unter anderem einer der größten Reifenlieferanten für deutsche und europäische Auto-Marken. Das Unternehmen reduzierte auch für seine Rubber Group (Division Reifen) die Umsatz-Prognose.

Da kann man nur den Kopf schütteln

Bezeichnend finde ich zudem die jüngste Äußerung von VW-Chef Diess: Er nannte die Abhängigkeit von Batteriezulieferern für Elektroautos aus dem asiatischen Raum „erschreckend“.

Zugleich ignoriert Diess jedoch ein Eigenverschulden seines Konzerns an diesem Zustand:

„Wenn ein Hersteller wie VW Batteriezellen produzieren würde, würde uns ein Konzern wie Daimler die Zellen wahrscheinlich nicht abnehmen. Besser wäre deshalb eine markenübergreifende Fertigung.”

Fazit

Meine Meinung dazu:

Die großen Autohersteller VW, BMW und Daimler hätten schon vor vielen Jahren die Möglichkeit gehabt, mit einem gemeinsamen Schulterschluss in Sachen „Elektroauto-Batterien“ etwas auf die Beine zu stellen.

Tatsächlich haben alle die Entwicklung in diesem Sektor jahrelang ignoriert. Vermutlich auch in der (irrigen) Hoffnung und (falschen) Erwartung, dass der Verbrennungsmotor aus unserer automobilen Welt nicht zu verdrängen sei.

Und nun laufen sie der internationalen Entwicklung nahezu hoffnungslos hinterher.

Diese Erkenntnis ist für die Manager bitter. Für die Aktionäre von BMW, Daimler, VW und Co. indes auch:

Denn die Aktien der deutschen Autohersteller und -zulieferer werden – so jedenfalls muss die Charttechnik interpretiert werden – auch auf absehbare Zeit kein Comeback feiern:

Die langfristigen Verkaufssignale im DAXsector Automobile wurden erst im Juni dieses Jahres generiert.


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.