Deutsche Börse auf Einkaufstour: Börsenbetreiber schluckt Nachhaltigkeitsspezialisten ISS für 1,5 Milliarden Dollar

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Deutsche Börse schluckt Stimmrechtsberater ISS für 1,5 Milliarden Euro: Übernahme erweitert Wertschöpfungskette im ESG-Bereich (Foto: travelview / shutterstock.com)

Einige Versuche hat es benötigt, doch jetzt meldet die Deutsche Börse Vollzug: War der Börsenbetreiber kürzlich noch bei der Mailänder Börse abgeblitzt, kommt der Konzern nun beim Nachhaltigkeitsspezialisten Institutional Shareholder Services (ISS) zum Zug. Die Übernahme des Stimmrechtsberaters für 1,5 Milliarden Euro mag den ein oder anderen überrascht haben, strategisch  macht der Deal aber durchaus Sinn.

ISS Firmenwert liegt bei 1,93 Milliarden Euro

Der Börsenbetreiber legt für 80% an ISS 1,5 Milliarden Euro auf den Tisch. Der Transaktion damit liegt ein Firmenwert von 1,93 Milliarden Euro zugrunde. Die restlichen 20% der Stimmrechte halten auch zukünftig das aktuelle Management und der Finanzinvestor Genstar Capital. Zum Hintergrund: Genstar Capital hatte vor drei Jahren 720 Millionen Dollar für ISS auf den Tisch gelegt. Der Abschluss der Transaktion wird für das erste Halbjahr 2021 erwartet, vorbehaltlich erforderlicher regulatorischer Freigaben.

Wer hinter ISS steckt

Das Objekt der Begierde, ISS, liefert seit 1985 institutionellen Investoren Daten und Dienstleistungen im Bereich Unternehmensführung. Die Informationen beziehen sich hauptsächlich auf Daten und Dienstleistungen im Bereich Umwelt, Soziales und Unternehmensführung, der neudeutsch unter dem Begriff „ESG“ zusammengefasst wird. Das Portfolio der ISS umfasst rund 4.000 Kunden. Bekannt ist das Unternehmen zudem als Stimmrechtsberater. In dieser Rolle berät ISS Investoren mit Blick auf Aktien, die sie besitzen, und stimmt an ihrer Stelle ab.

Neben ISS zählen MSCI ESG Ratings sowie Sustainalytics zu führenden Anbietern. ISS hatte vor zwei Jahren den deutschen Anbieter Oekom übernommen.

ESG als Ergänzung der Wertschöpfungskette

Firmenboss Theodor Weimer bezeichnete den Deal als perfekte Ergänzung des Geschäftsmodells der Deutschen Börse. Mit der Übernahme steigt der Konzern zu einem der global führenden Anbieter von ESG-Daten und Research auf. Auch finanziell soll sich der Deal bezahlt machen: Im laufenden Geschäftsjahr dürften bei ISS Umsätze von mehr als 280 Millionen Dollar (rund 236 Millionen Euro) durch die Bücher gehen. Bis 2023 soll das organische Umsatzwachstum bei über 5% liegen.

Zuletzt erzielte ISS beim operativen Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) eine Marge von rund 35% und lag damit deutlich unter dem Niveau der Deutschen Börse. Für Sie zum Vergleich: In 2019 kam der Börsenbetreiber auf eine EBITDA-Marge von 54%.

Firmenchef Weimer sieht hier aber Potenzial durch die Übernahme. Bis 2023 soll durch ISS ein zusätzlicher Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen von 15 Millionen Euro pro Jahr erzielt werden.

Deal soll zusätzliches Wachstumspotenzial entfalten

Dabei soll der Kapitalzufluss bei ISS auch neue Wachstumsmöglichkeiten erschließen. Gleichzeitig profitiert der Stimmrechtsspezialist von der Infrastruktur und dem internationalen Indexgeschäft der Börse profitieren. Im Rahmen der Dax-Familie etwa gibt es den nachhaltigen Dax 30 ESG. Nach Abschluss der Transaktion soll ISS hinsichtlich der Daten und Research-Angebote mit der gleichen Unabhängigkeit wie zuvor am Markt auftreten.

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Tobias Schöneich
Von: Tobias Schöneich. Über den Autor

Tobias Schöneich, Jahrgang 1982, begeistert sich seit der Jahrtausendwende und somit seit den Zeiten des New-Economy Booms für das Thema Börse und alles unmittelbar damit Verbundene.

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