Deutsche Börse-Fusion mit der Londoner Börse nach dem Brexit noch zu retten?

Es ist doch passiert! Entgegen der gestrigen Zuversicht haben sich die britischen Wähler – oder besser gesagt: die Mehrheit der englischen Wähler – für einen Brexit entschlossen.

Die Entscheidung sorgte für massive Kursturbulenzen am Währungs-und Aktienmarkt. In der Erstreaktion verliert das britische Pfund 10% auf ein 30 Jahres-Tief, Finanztitel verlieren sogar noch mehr.

Tagesschwankungen von mehr als 5% am Devisenmarkt kennt man eigentlich nur von exotischen Währungen.

Die Briten blicken nun in eine höchst ungewisse Zukunft – ebenso wie die Aktionäre der London Stock Exchange (LSE) und der Deutschen Börse.

Denn durch den Brexit wackelt der Deal stark. Viel stärker als die Unternehmens-Führungen zugeben möchten.

Strittigster Punkt ist der rechtliche Firmensitz

Rückblick: Im Februar einigten sich die LSE und die Deutsche Börse auf eine Fusion unter Gleichen. Entstehen soll ein rund 30 Mrd. € schwerer Börsen-Betreiber, um den aufstrebenden internetbasierten Handels-Ülattformen sowie der Konkurrenz in Asien und den USA Paroli zu bieten.

Bei dem strategisch sinnvollen Deal ist die Deutsche Börse der etwas größere Fusionspartner mit 54,4%. Die beiden Parteien verständigten sich dennoch darauf, dass neue Unternehmen in London anzusiedeln. Frankfurt wird zwar auch Hauptquartier, ist dann aber nur ein (operativer) Firmensitz zweiter Klasse.

Die Wahl von London als Firmensitz wurde im Zuge der Deal-Vereinbarung vielfach kritisiert. Es wurden Bedenken laut, dass die Ansiedlung in Großbritannien nicht genehmigungsfähig sein konnte. Jetzt, nach dem Brexit, ist die Sorge selbstverständlich noch größer.

Weniger Vorteilhaft aber immer noch gut…

Die Deutsche Börse und die LSE beeilten sich heute Morgen mit der Meldung, dass der Deal nach wie vor zu den ausgehandelten Konditionen stattfinden werde. Die industrielle Logik der Transaktion ändere sich schließlich nicht. Und auch das herausfordernde Umfeld wird gleich bleiben. Man braucht sich jetzt noch mehr.

Aber! Auch wenn die Transaktion vorteilhaft bleibt, ändert sich dennoch sehr viel. Neben der Problematik mit einem rechtlichen Firmensitz außerhalb der EU dürfte die Vorteilhaftigkeit des Zusammenschlusses für die Aktionäre deutlich geringer werden.

…könnte das Umtauschverhältnis in Frage stellen

Zunächst einmal ist festzustellen, dass der Londoner Finanzplatz nach dem Brexit deutlich geschwächt wird. Britische Bank-Aktien purzeln heute nicht unbegründet um mehr als 20%. Wenn London als Börsenplatz Volumen verliert, dann wird das negative Auswirkungen auf die Geschäfts-ntwicklung haben.

Basis des Umtausch-Verhältnisses bei der Fusion ist neben den Kosten-Einsparungen die Erwartung der Geschäfts-Entwicklung. Ist die eingetrübt, könnte von den Aktionären das Umtausch-Verhältnis in Frage gestellt werden.

Brexit könnte sein erstes „Übernahme-Opfer“ fordern

Die Hürden für den Zusammenschluss sind hoch. Ob der Deal den Segen der Deutsche Börse-Anteilseigner nach dem Brexit bekommt, ist fraglich. Diese Skepsis tragen offenbar auch die LSE-Aktionäre.

Aus Sorge, dass der Deal doch noch platzt, hat die LSE-Aktie bis zum Mittag 14% eingebüßt. Die Aktie der Deutschen Börse verliert 7,5%. Sollte der Deal nicht die Unterstützung der Deutschen Börse-Aktionäre erhalten,  drohen weitere Verluste.

Es wurde spekuliert, dass bei einem Deal-Aus dann jedoch die New Yorker Börse oder die Börse Chicago einspringen könnte. Ob einer der beiden potenziellen Bieter allerdings nach dem Brexit noch Interesse hat – und wie viel er überhaupt dann zahlen würde – ist ungewiss.

Vielleicht ist es besser sich diesen Fragen gar nicht zu stellen und sich schon vorher von dem Papier zu trennen.

24. Juni 2016

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Von: Jens Gravenkötter. Über den Autor

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