Deutsche sind in Kauflaune

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Auch wenn die deutsche Wirtschaft derzeit langsamer wächst und das Expansionstempo zurückgegangen ist, wirtschaftlich geht es Deutschland gut.

Deutschland geht es wirtschaftlich gut. Doch die deutsche Wirtschaft wächst langsamer. Das Expansionstempo ist zurückgegangen. Deutschland besteht aus zwei wirtschaftlichen Herzkammern: die Automobil- und die Chemieindustrie. Beide Branchen kämpfen derzeit mit strukturellen Problemen. Die anhaltende Automobilkrise hat tiefe Spuren hinterlassen. Angefangen mit der Diesel-Affäre belasten jetzt die Umstellung auf Elektromobilität und vorübergehende Produktionsschwierigkeiten die deutsche Volkswirtschaft. Gleichzeitig ging die Auslandsnachfrage deutlich zurück.

Die Chemie-Branche ist von dieser Nachfrageabkühlung mindestens genauso hart getroffen. Sie zählt zu den konjunkturanfälligsten Branchen der Welt, denn die Fix- kosten sind hier besonders hoch. Geht die Weltnachfrage zurück, so belasten die hohen Kosten den Gewinn überdurchschnittlich, und Wachstumsvorhaben werden eingespart. Ein Teufelskreis. Von der Automobil- und Chemieindustrie sind zahlreiche Zulieferer und ein überwiegender Teil des deutschen Mittelstands abhängig. Somit haben strukturelle Probleme in diesen beiden Bereichen einen potenzierenden Effekt.

Politik belastet Wirtschaft

Zugleich belasten politische Interventionen die Wirtschaft. Das Brexit-Chaos und der Handelsstreit zwischen den USA und China sind hier nur die wichtigsten Beispiele. Zugleich sorgt aber auch das Erstarken der rechten und grünen Parteien für Unsicherheit. Vor allem bei größeren Investitionsvorhaben wird abgewartet. In Summe haben sich die Investitionsvolumen und die Nachfrage nach größeren Projekten im Euro-Raum verringert.

Die konjunkturelle Dynamik lässt deshalb stärker nach als zunächst angenommen. Besonders deutlich wird dies am Beispiel Italien. Das Sorgenkind ist in eine technische Rezession gerutscht. Von einer technischen Rezession spricht man, wenn in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen die Gesamtwirtschaftsleistung rück- läufig ist. Trotz der angespannten Konjunkturlage sieht es für Deutschland aber besser aus.

Deutsche sind in Kauflaune

Die starke Binnennachfrage stützt die deutsche Volkswirtschaft. Eine konjunkturelle Rezession ist nicht zu erwarten. Für 2019 und 2020 erwartet der deutsche Sachverständigenrat einen jährlichen Zuwachs beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 0,8 bzw. 1,7%. Diese Zahlen wurden bereits nach unten korrigiert. Es ist denkbar, dass sich die Wachstumsdynamik zum Jahreswechsel wieder etwas aufhellen wird.

Vor allem die Baubranche und der Dienstleistungsbereich konnten überzeugen. Deutlich schlechter läuft es dagegen in der Schwerindustrie, bei den Anlagenbauern und der Auto- und Chemiebranche. Dieser Trend hält bereits seit ein paar Jahren an. Eine Veränderung oder gar Verbesserung zeichnet sich derzeit nicht ab.

HelloFresh bringt Schwung in die Küche

Gestützt von der guten Binnennachfrage der letzten Jahre ist die Gründung des Start-ups HelloFresh gelungen. Das Unternehmen liefert Kochboxen per Post aus, die dann anhand einer Schritt-für-Schritt-Anleitung umgesetzt werden können. In den Boxen sind alle Lebensmittel, Frischprodukte, Kräuter und Gewürze enthalten – das Einkaufen wird ersetzt, und die Auswahl der Rezepte lässt sich im Vorfeld festlegen.

Dabei sind die Gerichte gesund und haben wenig mit Fast Food zu tun. Der Service kommt bei den Kunden sehr gut an. Es konnten zwar noch keine Gewinne geschrieben werden, aber nur, weil jeder Cent für weiteres Wachstum ausgegeben wird. Für mich war die Erfolgsgeschichte so spannend, dass es HelloFresh jetzt in die Aktien-Analyse geschafft hat.

Auch bei einem harten Gesamtmarkt gibt es Wachstumswerte

Während die DAX-30-Unternehmen fast allesamt mühsam zu kämpfen hatten, waren es vor allem kleinere Unternehmen, die überzeugen konnten – so auch VARTA und Dermapharm. Beide Unternehmen sind zwar in ganz unter- schiedlichen Branchen tätig, haben es aber geschafft, überdurchschnittliche Renditen in einem herausfordernden Marktumfeld zu erwirtschaften.

Anders als die großen Autobauer profitierte VARTA von dem Thema Elektromobilität. Batterien und Akkus werden dringend benötigt und sind aktuell gefragter denn je. Der politische Strukturwandel garantiert VARTA laufend Rekordergebnisse.

Neue Medikamente trotzen der Konjunktur

Dagegen hatte Dermapharm von seiner starken Forschung profitiert. Die Pharmabranche gilt als besonders konjunkturunempfindlich. Entscheidend sind die Nachfrage nach Medikamenten und die Forschungserfolge. Im 1. Halbjahr steigerte Dermapharm den Umsatz um 18,9% auf 333,2 Mio. €. Das operative Ergebnis (EBITDA) erhöhte sich um 27,1% auf 90,1 Mio. €. Die EBITDA-Marge verbesserte sich entsprechend auf 24,5%.

In der Sparte Markenarzneimittel, die zahlreiche bekannte Marken wie Dekristol, Solacutan oder Ampho-Moronal umfasst, erhöhte sich der Umsatz um 7,2%, während das EBITDA überproportional um 11% anstieg. Damit erzielte Dermapharm in dieser Sparte eine leicht verbesserte, sehr hohe EBITDA-Marge von 40,9%. Die neugeschaffene Sparte Pflanzliche Extrakte trug 39,8 Mio. € zum Umsatz bei.

Ähnlich gut lief es beim Mitwettbewerber Evotec. Im 1. Halbjahr wurde ein Umsatzplus von 16% auf 207 Mio. € erzielt. Die Bruttomarge verbesserte sich dank höherer Lizenzbeiträge auf 30,8%. So stieg das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen über- durchschnittlich auf 58 Mio. € (+ 51%).

Was bringt 2020?

Für das nächste Jahr rechne ich für die deutsche Volkswirtschaft mit einer Stabilisierung der Auslandsnachfrage. Bleibt die Binnenkonjunktur weiterhin so intakt, haben vor allem deutsche Aktien ein enormes Aufholpotenzial. Im Vergleich zu den großen US-Werten sind zahlreiche deutsche Unternehmen sehr günstig bewertet. Zieht die Auslandsnachfrage an, dann wird das Wachstum kräftig angekurbelt. Für Investoren werden deutsche Aktien noch attraktiver werden – zu Bewertungen im Schnäppchenbereich.

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Volker Gelfarth
Von: Volker Gelfarth. Über den Autor

Der Diplom-Ingenieur lernte die Schwächen und Stärken eines Unternehmens selbst als Manager kennen, bevor er sich voll und ganz der Value-Analyse widmete. Er ist Chefredakteur für die Dienste Aktien-Analyse, Gelfarths Dividenden-Letter, Gelfarths Premium-Depot und High Performance Depot.

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