Deutsche Wirtschaft wächst, aber was ist mit der Stahlindustrie?

Am Ende einer erneut äußerst schwachen Börsenwoche konnte sich der deutsche Aktienmarkt heute etwas beruhigen. Positiv bemerkbar machten sich unter anderem die guten Konjunkturdaten: Die deutsche Wirtschaft hat ihr Wachstumstempo im Schlussquartal 2015 gehalten – das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg um 0,3 Prozent.

Wie das Statistische Bundesamt mitteilte, wurde weiteres Wachstum vom Außenhandel gebremst: weitaus weniger Waren als noch im Vorquartal wurden exportiert. Gerade in wichtigen Exportmärkten wie China hatte sich die Konjunktur zuletzt abgekühlt.

Die nachlassende Wirtschaftskraft Chinas spürt insbesondere auch die Stahlbranche. Eine geringere Nachfrage in der Volksrepublik zwang viele Stahlproduzenten aus dem Reich der Mitte in den vergangenen Monaten, Rekordmengen ins Ausland auszuführen.

Stahlpreis stark unter Druck

In Folge geriet der Stahlpreis stark unter Druck – und darunter leidet auch der deutsche Industriekonzern ThyssenKrupp, der heute seine Zahlen des ersten Geschäftsquartals berichtete. Und die fielen schwach aus: Nach Anteilen Dritter steht ein Fehlbetrag von 23 Mio. Euro zu Buche, vor einem Jahr hatte Thyssenkrupp noch 54 Mio. Euro verdient.

Im europäischen Stahlgeschäft schmolz der operative Gewinn (EBIT) um gut ein Drittel auf 51 Mio. Euro. Im amerikanischen Stahlgeschäft inklusive dem Werk in Brasilien fuhr Thyssenkrupp ein Minus von 74 Mio. Euro ein. Hohe Verluste und technische Probleme in dem Werk bereiten dem Konzern seit Jahren Schwierigkeiten – ein Verkauf ist aber angesichts der Branchenkrise nicht in Sicht.

Die Aufzugssparte erwies sich dagegen einmal mehr als Wachstumstreiber. Sie legte um 14 Prozent auf 203 Mio. Euro zu. Eine Stütze war auch das Geschäft mit Teilen für die Automobilindustrie, das leicht auf 71 Mio. Euro zulegte.

Erholung der Werkstoffmärkte in Sicht?

Aber auch diese Zuwächse im Technologiebereich konnten die Einbußen im Stahlgeschäft nicht ausgleichen. Dennoch bestätigte Vorstandschef Heinrich Hiesinger die Prognose, wonach im Gesamtjahr ein operativer Gewinn von 1,6 bis 1,9 (Vorjahr: 1,67) Mrd. Euro erreicht werden soll.

Hierfür müsste es aber zu einer deutlichen Erholung der Werkstoffmärkte in der zweiten Jahreshälfte kommen. Da Hiesinger selbst nicht 100-prozentig davon überzeugt scheint, will er mit einem „Effizienssteigerungsprogramm“ allein im laufenden Geschäftsjahr 850 Mio. Euro einsparen.

Sie sehen: Thyssenkrupp machen wie der gesamten Stahlbranche Überkapazitäten, Preisdruck und Billigimporte aus China zu schaffen. Bereits am Dienstag hatte der österreichische Stahlkonzern Voestalpine für das vergangene Quartal einen EBIT-Rückgang um knapp 17 Prozent berichtet.

Weltmarktführer ArcelorMittal hatte für 2015 einen Verlust von 7,9 Mrd. Euro präsentiert. Bevor Sie sich hier für Aktien eines der Stahlgiganten entscheiden, sollten Sie dem Markt noch einige Monate Zeit geben.

12. Februar 2016

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Philipp Ley
Von: Philipp Ley. Über den Autor

Philipp Ley ist ausgebildeter Wirtschaftsjournalist mit Stationen u. a. bei n-tv, Financial Times Deutschland, Rheinischen Post und der Aktien-Analyse. In den vergangenen zwölf Jahren hat er zudem als Kommunikations- und Investor-Relations-Berater zahlreiche Geschäftsberichte erstellt: für kleinere aufstrebende Unternehmen ebenso wie für Börsenschwergewichte.

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