Deutschland setzt den Wachstumsweg fort

China Mauer – shutterstock_439146580 aphotostory

UPM-Kymmene und Stora Enso sind meine derzeitigen Favoriten, wenn es um Aktien aus der Papierbranche geht (Foto: aphotostory / Shutterstock.com)

Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie veröffentlichte im März die finalen Wirtschaftsdaten zum vergangenen Jahr.

Mit einem BmIP-Wachstum von 1,5% konnte die deutsche Wirtschaft zwar nicht an das Boomjahr 2017 anknüpfen, aber dennoch ein solides Wachstum verzeichnen. Gründe für das geringere Wachstum liegen in einer global abgeschwächten Konjunktur, in den Absatzproblemen der Automobilindustrie aufgrund der WLTP-Problematik und in dämpfenden Sondereffekten wie der Grippewelle, Streiks oder dem Niedrigwasser durch die anhaltende Dürreperiode.

Auf die deutsche Binnenwirtschaft ist Verlass

Positive Impulse kamen von der belebten Binnenwirtschaft und einer hohen Investitionsbereitschaft der heimischen Unternehmen in Ausrüstungen und Bauten. Das real verfügbare Einkommen der deutschen Privathaushalte legte um 1,6% zu. Die Konsumausgaben stiegen um 1,0%. Dementsprechend erhöhte sich die Sparquote leicht. Eine höhere Sparquote wirkt sich zwar im ersten Schritt unvorteilhaft auf die Konsumausgaben aus, stattet die Konsumenten aber auch mit einem gewissen Puffer für Zeiten geringeren Wachstums aus.

Positive Nachrichten vom Arbeitsmarkt

Von Zeiten geringeren Wachstums ist aber momentan keine Spur in Sicht. Denn vom Arbeitsmarkt kamen zum Jahresende 2018 weiterhin positive Nachrichten. Die Erwerbstätigkeit wurde im November auf über 45,2 Mio. Personen ausgeweitet. Die Nachfrage der Unternehmen nach Arbeitskräften bleibt in vielen Sektoren sehr hoch. Diese hohe Nachfrage in Kombination mit dem vorherrschenden Fachkräftemangel spielt Amadeus FiRe in die Karten.

Unternehmen setzen immer mehr auf professionelle Hilfe bei der Personalsuche. Es gibt aber Anzeichen aus der Arbeitnehmerüberlassung und dem Baugewerbe für eine etwas ruhigere Gangart. Die Zahl der Arbeitslosen nahm gegen Ende des Jahres weiter ab. Die Langzeitarbeitslosigkeit geht kontinuierlich zurück, der Vorjahresstand wurde um mehr als 11% unterschritten.

Globales Umfeld trübt sich ein

Die größten Wachstumsdämpfer im vergangenen Jahr waren die Ausfuhren, die aufgrund der Abkühlung des globalen Handels schwächer zunahmen als erwartet, wie auch der Lageraufbau, der sich negativ auf das Wachstum der erzeugenden Industrie auswirkte. Die Weltkonjunktur verliert indes an Dynamik.

Die industrielle Erzeugung startete nur schwach ins 4. Quartal 2018 und setzte diesen Trend im 1. Quartal 2019 fort. Der Welthandel entwickelte sich im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls gedämpft. Der IHS Markit Einkaufsmanagerindex für die globale Industrie lag im Dezember 2018 auf dem niedrigsten Stand seit zwei Jahren. Auch der ifo Index zum Weltwirtschaftsklima gab für das 4. Quartal 2018 eine verhaltene Stimmung wieder.

OECD kappt Wachstumsziele drastisch

Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) kappte die Wachstumsziele der gesamten Eurozone und auch Deutschlands drastisch und sorgte für internationale Aufruhr. Innerhalb von nur wenigen Monaten hat die OECD ihre Wachstumsprognose für Deutschland mehr als halbiert. Nach ursprünglich 1,6% BIP-Wachstum für 2019 gehen die Experten nunmehr von lediglich 0,7% aus.

China Mauer – shutterstock_439146580 aphotostory

SMT Scharf streicht Jahresprognose zusammenDer deutsche Bergbauzulieferer SMT Scharf musste heute seine Prognosen für das laufende Geschäftsjahr kürzen. Lesen Sie jetzt die Details. › mehr lesen

Noch stärker wurde die Prognose nur in Italien gekürzt, von 0,9% auf -0,2%. Die OECD geht also von einer ganzjährigen Rezession des südländischen EU-Mitglieds aus. Kürzungen gab es auch seitens anderer Institutionen, wenn auch in deutlich milderer Form. So geht der Internationale Währungsfonds (IWF) nach 1,9% BIP-Wachstum in Deutschland nur noch von 1,3% aus.

Alles hängt an China

Ein vorherrschender Grund für die Kürzungen ist die Abhängigkeit von China. Dass die chinesische Wirtschaft ausschlaggebend für die weltweite Konjunkturentwicklung ist, ist nichts Neues. Eine Simulation der OECD machte unlängst deutlich, wie hoch diese Abhängigkeit ist.

Wenn Chinas Wirtschaft statt 6 nur 4% wachsen würde, rechneten die Experten vor, dass das Wachstum des deutschen BIPs als Folge um rund 0,4 Prozentpunkte gebremst werden würde. „Wenn China niest, bekommt der Rest der Welt eine Erkältung“, so OECD-Chefökonomin Laurence Boone. Herausforderungen für die deutschen Ausfuhren kommen aber nicht nur vom asiatischen Markt.

WLTP soll reale Abgaswerte sicherstellen

WLTP steht für „Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure“ und ist ein weltweit harmonisiertes Testverfahren für Pkws und leichte Nutzfahrzeuge. Es beschreibt ein neues Prüfverfahren, das den Verbrauch eines Fahrzeugs bestimmt und seit September 2017 etappenweise eingeführt wird.

Auf Grundlage weltweit gesammelter Realfahrdaten soll es helfen, auch unter Laborbedingungen eine realitätsnahe Autofahrt zu simulieren. So berücksichtigt WLTP nicht nur verschiedene Situationen und Geschwindigkeiten im Straßenverkehr, sondern auch die verschiedenen Ausstattungsvarianten und Gewichtsklassen eines Autos.

Zertifizierungsengpässe bereiten der Autoindustrie schlaflose Nächte

Im vergangenen Jahr hatte die Umstellung auf das neue WLTP-Verfahren für deutliche Umsatzeinbußen bei deutschen Automobilherstellern wie Volkswagen gesorgt. Seit August 2018 müssen alle erstmals zugelassenen Neuwagen über eine WLTP-Zertifizierung verfügen. Auch Daimler-Vertriebsvorstand Britta Seeger äußerte sich besorgt darüber, dass der Prozess bei bestimmten Schlüsselmodellen auch bei Mercedes- Modellen zu Lieferverzögerungen führen könnte. „Es bleibt eine Herausforderung, da der Aufwand für alle Beteiligten an den neuen Prozessen enorm gestiegen ist“.

Insgesamt sieht sich die Autoindustrie für die nächsten Stufen des neuen Zertifizierungsprozesses aber im laufenden Jahr deutlich besser aufgestellt, als noch 2018. Das Angebot an Zertifizierungsstellen steigt, und der Großteil aktueller Modelle hat bereits entsprechende Zulassungen erhalten. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie und das Institut Höherer Studien (IHS) rechnen mit positiven Effekten für 2019, da der Umsatzanteil des Vorjahres größtenteils nach 2019 verschoben wurde. Unternehmen wie Hella und Jenoptik werden von diesem Effekt profitieren.

Fazit: Solides Wachstum mit zunehmenden Risiken

Obwohl die globalen Risiken zunehmen, wächst die deutsche Wirtschaft ungebrochen. Die Stimmungsbarometer trüben sich zwar ein, die Realwirtschaft zeigt sich davon aber noch unbeeindruckt. Seit Jahresbeginn nahm das durchschnittliche KGV der DAX-Konzerne zwar zu. Mit Unternehmen wie NORMA, WashTec und KWS Saat finden sich aber noch immer vielversprechende Qualitätsunternehmen zu moderaten Preisen.


© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Volker Gelfarth
Von: Volker Gelfarth. Über den Autor

Der Diplom-Ingenieur lernte die Schwächen und Stärken eines Unternehmens selbst als Manager kennen, bevor er sich voll und ganz der Value-Analyse widmete. Er ist Chefredakteur für die Dienste Aktien-Analyse, Gelfarths Dividenden-Letter, Gelfarths Premium-Depot und Strategisches Investieren.