Deutschland und die Grundsteuer: Warum einfach, wenn’s auch kompliziert geht?

Die gute Nachricht: In Deutschland fällt das ungerechte Grundsteuermodell weg. Die schlechte Nachricht: Es wird noch viel schlimmer. (Foto: Scanrail1 - Shutterstock.com)

Liebe Immobilienfreundin, lieber Immobilienfreund!

In der letzten Woche hat das Bundesverfassungsgericht die aktuelle Regelung zur Immobilien-Grundsteuerermittlung endgültig aus dem Rennen gekegelt.

Denn die stammte tatsächlich noch von »Anno tuktuk«: Die Einheitswerte, nach der Städte und Gemeinden diese Steuer u. a. von uns Immobilieninvestoren erheben, wurden in den alten Bundesländern zuletzt 1964 aktualisiert. Auf dem Gebiet der Ex-DDR griffen bis zuletzt sogar Werte, die (Achtung, festhalten!) noch aus dem Jahr 1935 stammten. In Worten: Neunzehnhundertfünfunddreißig!

Laut BVG verstieß die bisherige Regelung gleich gegen eine ganze Latte von steuerrechtlichen  Grundsätzen. Wobei diese höchstrichterliche Maßregelung nicht aus heiterem Himmel kam, sondern sich seit Jahren angekündigt hat. Indes, in dieser Beziehung präsentiert sich die deutsche Gesetzgebung ähnlich verkorkst wie der Berliner Großflughafenbau. Sprich …

Nichts funktioniert. Aber auch gar nichts.

Machen Sie sich keine falschen Hoffnungen. Die nächstliegende, sprich: simpelste Lösung wird der deutsche Fiskus nicht zulassen – dass diese Steuer einfach eingestampft wird, wie es das Kölner Institut der deutschen Wirtschaft empfiehlt. Immerhin geht es um potentielles Futter für die Staatsschatulle in Höhe von über 13 Milliarden Euro (Stand 2016). Naiv zu glauben, dass Vater Staat dieses Sümmchen sausen lässt.

Stattdessen müssen wir uns leider Gottes darauf einrichten, dass Deutschland als Ersatz für den überalterten Verwaltungshorror ein neues Grundsteuer-Bürokratiemonster ausbrütet, dass, einem japanischen Godzilla gleich, alles stumpfsinnig niedertrampelt, was auch nur entfernt in Richtung »Bürgernähe«, »Einfachheit« oder »Wirtschaftlichkeit« gehen könnte.

Quantenphysik ersetzt Raketentechnik

Die Hauptrolle in diesem steuertechnischen Katastrophenfilm spielt ein neuer Grundsteuerentwurf, der bereits vom Bundesrat verabschiedet wurde und der den Wert von Immobilien objektiv ermitteln soll.

Warum diese Rolle so kompliziert ist? Weil ihr ein monströses »Kostenwertmodell« zugrundeliegt, das an typisch deutscher Verschachtelung und Ausnahmerelelitis kaum noch zu überbieten ist. Wenn Sie so wollen: Die bisherige Grundsteuer war überalterte Raketentechnik – jetzt bekommen wir als Ersatz für diese Rocket-Science undurchschaubare Quantenphysik.

Stehen die Behörden doch vor der Mammutaufgabe, den genauen Wert von etwa 35.000.000 Immobilien in Deutschland mühsam zu ermitteln. Allein das ist eine Sisyphus-Aufgabe. Die überdies mit drei Pferdefüßen zugleich durch die politische Landschaft humpelt …

Erstens dürfte sie rund zehn Jahre in Anspruch nehmen (optimistisch gerechnet; ich sage nur: Flughafen BER). Was nichts anderes heißt, als dass im Jahr 2028 oder 2029 (wahrscheinlicher ist 2099) all die schönen, gerade erst für teuer Geld ermittelten Immobilienwerte schon wieder nutzloser Schnee von gestern sind.

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Zweitens schlägt ein wirklich tragfähiges Wertgutachten für eine vergleichsweise »simple« Eigentumswohnung schon mit rund 1.000 Euro Kosten zu Buche. Mehrfamilienhäuser, Wohn- und Bürokomplexe dürften noch weitaus größere Löcher in den Säckel schneiden.

Und drittens ist es schon heute unter Juristen eine ausgemachte Sache, dass die auf diese Weise ermittelten Verkehrswerte nicht mit dem geltenden Steuerrecht in Übereinstimmung gebracht werden können – und damit voll »für die Tonne« sind.

Aus der Geschichte nichts gelernt?

Angesichts dieses teutonischen System-Irrsinns werden immer neue Alternativmodelle in den Ring geschickt. Unter anderem wird angedacht, die Eigentümer unbebauter Grundstücke mit einer erhöhten Grundsteuer zu belasten, damit der Anreiz steigt, mehr Wohnungen zu bauen.

Klingt gut? Leider nur auf dem Papier: 1961 hat man in Deutschland bereits exakt dasselbe versucht – und 24 Monate später die Ruder ernüchtert wieder eingezogen. Weil viele »Kleine« die hohen Steuern nicht mehr tragen konnten und daher an die »Großen« verkaufen mussten, die die happigen Abgaben aus der Portokasse zahlen konnten – und die unbebauten Flächen einfach unbebaut ließen.

Fazit: Offenkundig sind Politiker überfordert, wenn es darum geht, aus der jüngeren Geschichte kluge Lehren zu ziehen.

Zum Glück sind Sie (wahrscheinlich) kein Politiker, daher überaus lernfähig und auch in der nächsten Woche wieder hier dabei. Ich freue mich schon auf Sie!

Ihr

Paul Misar

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Von: Paul Misar. Über den Autor

Paul Misar, Entrepreneur mit aktuell 11 Firmen (einigen davon im Immobilienbereich), Bestseller-Autor, Speaker of the Year 2013 und gefragter Experte auf dem Gebieten“ finanzielle Freiheit“ und  Immobilien.