Österreich: Die Alpen-Republik wächst überdurchschnittlich

Österreich ist in einem wirtschaftlich insgesamt stabilen und gesunden Zustand.

Zu diesem Ergebnis kam die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in ihrer kürzlich veröffentlichten Studie.

Nach 4 Jahren mit niedrigen Wachstumsraten zwischen 0,1 und 1,0% erzielte Österreich 2016 ein inflationsbereinigtes BIP-Wachstum von 1,5%.

Im laufenden Jahr rechnen Experten mit einem BIP-Wachstum weit über dem Durchschnitt der Euro-Zone.

Das Institut für Höhere Studien (IHS) und die Österreichische Nationalbank (OeNB) gehen von 2,2% aus.

Das Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo erwartet sogar 2,4%. Für 2018 rechnet man mit rund 2%.

Verantwortlich für diese positive Entwicklung sind die 2016 verabschiedete Steuer-Reform und anziehende Exporte.

Exportstarke Unternehmen wie Palfinger profitieren besonders von der steigenden Nachfrage nach Produkten made in Austria.

Die weltweite Export-Statistik des Internationalen Währungsfonds (IWF) gibt Aufschluss über die Veränderungen in der Export-Landschaft.

Österreich verliert seit Jahren Marktanteile in den Hauptabsatzländern Deutschland, Italien und Tschechien. Gleichzeitig nehmen jedoch die Exporte in die USA und China stark zu.

Ein Beispiel ist der Ziegel-Hersteller Wienerberger, der seit Jahren Erfolge am nordamerikanischen Markt feiert, während die Geschäfte in Europa stagnieren.

Es gibt auch Baustellen

Das BIP gilt als internationaler Indikator für Reichtum und Wohlstand einer Nation.

Doch neben der Funktion als Indikator hat die Kennzahl für den Staat eine viel wichtigere Bedeutung:

Ein steigendes BIP unterstellt eine steigende Wirtschaftsleistung und damit steigende Steuer-Einnahmen.

Für zukünftiges Wachstum ist v. a. entscheidend, wofür der Staat die zusätzliche Liquidität verwendet.

Bedarf an zusätzlichen Mitteln gibt es nämlich genug; allen voran kletterte die Staatsverschuldung im Verhältnis zum BIP mit 84,6% in den vergangenen Jahren auf ein Hoch.

Damit fällt Österreich nicht nur unter den Schnitt der Euro-Zone, sondern übersteigt auch bei Weitem das Maastricht-Kriterium von 60%.

Auch wenn die Aufnahme von Fremdkapital aktuell zu besonders günstigen Konditionen möglich ist, müssen zukünftig neue Schuldverschreibungen gezeichnet werden, um auslaufende zu decken.

Ein Anstieg des Zinsniveaus zeichnet sich bereits langsam ab. Das aktuell überdurchschnittliche Wachstum trügt besonders im langfristigen Vergleich:

Während der Durchschnitt aller 35 OECD-Mitglieder seit 1995 um 60% wachsen konnte, verzeichnete Österreich ein Wachstum von lediglich 50%.

Österreich belegt vorletzten Platz im Digitalisierungs-Vergleich

Nachholbedarf gibt es vor allen Dingen im Bereich der Digitalisierung.

Innovations-Schwerpunkte wie die vernetzte Wertschöpfungskette, das Internet der Dinge oder die Industrie 4.0 haben alle eines gemeinsam:

den Bedarf an zentralisierten Daten-Quellen, die Cloud-Computing bietet.

Gemessen an den Firmen, die Cloud-Computing nutzen, bilden Österreich mit 17% und Deutschland mit 16% das Schlusslicht im Vergleich zu anderen Industrie-Nationen:

Finnland (58%), Schweden (49%) und Dänemark (45%) führen die Liste an.

In Bezug auf die Internet-Geschwindigkeit, die zu den ausschlaggebendsten Produktivitäts-Faktoren zählt, bildet Österreich ebenfalls das Schlusslicht.

In Finnland, Dänemark und Schweden verfügen 27 – 33% der Konzerne über Internet-Geschwindigkeiten über 100 MB/s, während es in Österreich lediglich 11% sind.

In Bezug auf den Online-Handel zeichnet sich ein ähnliches Bild ab:

15% der österreichischen Betriebe erwirtschaften mehr als 1% des Umsatzes über einen Online-Shop, während es in vergleichbaren Ländern wie Dänemark oder Schweden rund 28% sind.

Auch die tägliche Verwendung moderner Informations- und Kommunikationsmittel ist in österreichischen Haushalten deutlich stärker von Bildung, Alter und Herkunft abhängig als in anderen Industriestaaten.

Ineffizienzen im Gesundheits-System und der öffentlichen Administration

Neben der Digitalisierungs-Lücke kämpft Österreich mit steigenden Kosten im Gesundheits-System und Ineffizienzen in der öffentlichen Verwaltung.

In den ersten 6 Monaten gingen rund 42.200 Personen in Rente – und damit 3,3% mehr als im Vorjahres-Zeitraum.

Das durchschnittliche Antritts-Alter stagniert bei 60 Jahren und 3 Monaten und liegt weiterhin unter dem EU-Schnitt.

Die Pensions-Zahlungen machen in entwickelten Industrie-Nationen im Durchschnitt rund 8,2% des BIPs aus, während insgesamt 12% für soziale Transfer-Leistungen aufgewendet werden.

Österreich übertrifft diese Zahlen mit 13,5 und 18,2% deutlich. Zusätzlich ist die öffentliche Administration laut IHS-Studie aufgrund von einer zu hohen Komplexität ineffizient.

Im Mittelpunkt der öffentlichen Gesundheits-Administration stehen die Krankenkassenträger:

Mit insgesamt 27 Kranken-, Unfall- und Pensions-Anstalten für 9 Bundesländer weist Österreich eine weit überdurchschnittliche Administrations-Dichte auf.

Regulierungen bremsen Konjunktur-Motor

Seit Jahren wird über eine vollständige Überarbeitung der österreichischen Gewerbeordnung diskutiert.

Im Mai hätte die neue Gewerbeordnungs-Reform verabschiedet werden sollen. Die Abstimmung im Nationalrat wurde jedoch auf unbestimmte Zeit verschoben.

Dabei wäre es für eine Überarbeitung höchste Zeit:

Auf dem OECD-Regulierungs-Index, der Industrie-Nationen je nach Regulierungs-Intensität zwischen 0 und 3 Punkten bewertet, schneidet Österreich in beinahe allen Branchen am schlechtesten ab.

Besonders stark reguliert sind der Einzelhandel (2,5 von 3) und der Beratungs-Sektor (2,7 von 3).

Darüber hinaus werden im internationalen Vergleich die Regulierungen für Venture Capital und Eigenkapital-Finanzierungen kritisiert.

Ein Vergleich mit den USA macht die Folgen der unterschiedlichen Gesetzgebung deutlich:

In den Vereinigten Staaten stammen rund 80% des Kapitalstocks von Eigenkapital-Gebern.

Die restlichen 20% setzen aus kurzfristigen Bank-Krediten und anderen Fremdkapital-Instrumenten zusammen.

In Österreich ist die Situation genau umgekehrt. Damit ist die Abhängigkeit von Banken und dem Zinsniveau deutlich größer.

Der Banken-Sektor hat sich erholt und treibt den ATX an

Die österreichische Banken-Landschaft profitiert von dieser Situation – die Erholung von der Finanz- und Wirtschaftskrise schreitet voran:

Die Gewinne steigen trotz des herausfordernden Niedrigzins-Umfelds, die Anzahl fauler Kredite ist rückläufig, und Fremdwährungs-Kredite wurden abgebaut.

Zusätzlich zeichnet sich ein langsam steigendes Zinsniveau ab, von dem besonders die Erste Group profitieren wird. Beinahe die Hälfte (48,7%) der ATX-Werte stammen aus dem Finanzwesen.

Es ist also kein Wunder, dass der ATX auf 12-Monats-Sicht bereits um 40% zugelegt hat.

Unsere Favoriten sind Polytec, ams und Palfinger, die in den vergangenen Jahren unabhängig von nationalen Entwicklungen einen Erfolg nach dem anderen erzielt haben.

21. November 2017

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Volker Gelfarth. Über den Autor

Der Diplom-Ingenieur lernte die Schwächen und Stärken eines Unternehmens selbst als Manager kennen, bevor er sich voll und ganz der Value-Analyse widmete. Er ist Chefredakteur für die Dienste Aktien-Analyse, Gelfarths Dividenden-Letter, Gelfarths Premium-Depot und Strategisches Investieren.

Regelmäßig Informationen über Marktanalysen erhalten — kostenlos!
Profitieren Sie von unserem kostenlosen Informations-Angebot und erhalten Sie regelmäßig die neusten Informationen von Volker Gelfarth. Über 344.000 Leser können nicht irren.

10 Dividendenaktien, deren Dividende IMMER steigt