Die blaue Lagune

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Eigentlich sind Lagunen gar nicht blau sondern eher braun – denn sie bestehen aus Brackwasser. Das Gemisch beherbergt eine einzigartige Fauna und Flora. Entdeckungstour der besonderen Art im Mangroven-Dschungel. (Foto: phongphan / Shutterstock.com)

Sri Lanka umsäumt nicht nur eine herrliche Küste, sondern auch eine dschungelartige Lagunenlandschaft.

Diese Wasserflächen erstrecken sich kilometerlang „hinter“ dem Strand. Eine einzigartige Seenlandschaft mit teils unberührtem Mangrovenurwald. Nistplatz von Millionen Vögeln, Brutstätte einer speziellen Tierwelt, welche an die Umgebung angepasst ist.

Anlass, diese Landschaft mal per Boot zu erkunden. Still ruht der der Lagunen-See im Gegensatz zum laut tobenden Meer. Vögel zwitschern, Frösche quacken, Grillen zirpen: Die atemberaubende Optik untermalt mit einem vielstimmigen Konzert der Lagunenbewohner.

Plötzlich vernehmen meine Lauscher lautes Platschen. Das Geräusch, eindeutig menschgemacht. Es scheint so, als wenn jemand auf das Wasser schlägt.

Ich rudere in Richtung Schallquelle. Und siehe da: es wird tatsächlich etwas aufs Wasser geschlagen.

Zwei junge Männer auf einem Katamaran. Einer schlägt mit einem Stock ins Wasser. Der andere wirft einen an einer Kordel festgezurrten Stein immer rhythmisch in die Lagune.

Ich nähere mich den sonderbaren Gestalten, beobachte ihr Treiben. Irgendwie sinnlos das Ganze, denke ich. Also rufe ich: „Are you crazy?“ (Seid ihr verrückt?).

„Nein“, entgegneten die Wasserschläger: „Wir fischen!“

Ich setzte eine erklärungsbedürftige Mine auf. Zu einem Fischer gehört nach meinem Verständnis zumindest eine Angel oder ein Netz. Beides suchten meine Augen vergeblich.

…muss sich also um eine ganz neue Methode handeln, überlegte ich. Geheimnisvolle Lagunenfischerei. Aber eigentlich müssten die Fische eher abhauen…

Das tun sie auch, klärt mich der „Fischer“ auf. Sie hauen ab und verfangen sich dann in unserem Netz.

„Und wo ist das Netz“ wollte ich neugierig wissen. Es war nämlich weit und breit nicht zu sehen.

„Dahinten“ – der Bootsmann deutete in Richtung Mitte der Lagune.

„Ok“ – ich täuschte vor, alles begriffen zu haben. Dennoch schossen Tausend Fragen durch meinen Kopf. Zum Beispiel diese: Wie soll der Fisch wissen, dass er „da hinten“ ins Netz soll, wenn man „hier vorne“ aufs Wasser haut?

Um es abzukürzen, stellte ich gleich die wichtigste Frage: „Wie viele Fische fangt ihr denn so am Tag?“

Das sei unterschiedlich, entgegneten die Fischer, manchmal 10, manchmal 20 Fische, manchmal auch keine. Aber eigentlich sei immer was im Netz und es reiche aus für eine Abendmahlzeit für die Familie.

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Während wir auf offener Lagune plaudern, beobachte ich eine andere Fangmethode am Ufer. Ein einzelner Fischer  schleudert ein Wurf-Netz ins Wasser, welches durch geschickte Bewegung einige Meter vor ihm kreisrund auf dem Grund versinkt.

Sicherlich optimierungsbedürftig – so mein erster Gedanke. — Wirklich? Immerhin war es eine Methode, die sich über Tausende Jahre bewährte. Nachdem ich beide Fangmethoden zunächst geistig belächelte, hatte ich nun Respekt vor ihr. Das ist Nachhaltigkeit pur. Hochachtung.

Gott Sei Dank sind diese Fischer noch nicht in den Fängen der Welthungerhilfe oder anderen karitativen Kraken gelandet. Denn diese Menschen werden in der Statistik bestimmt als „Unter-1-Dollar-im-Monat-Verdiener“ geführt. Der ideale Spendenköder also für die westliche Wertegemeinschaft und damit die perfekte Beute für unser Geldsystem.

Einmal mit Knete ausgestattet würden sie sich ein schnelles Motorboot kaufen. Dazu ein Hightechnetz mit Computer-Sonar-Anlage. (Oder ein modernes Navi-gesteuertes Iphone mit Fishing-App).

Mondernste Technik würde ihnen sofort den aussichtsreichsten Fang anzeigen. Der Motor des Bootes würde per GPS automatisch zur Fischstelle fahren. Per Knopfdruck – oder vielleicht auch schon programmiert – würde das Netz ausgefahren. Innerhalb von Minuten hätten die Fischer die halbe Lagune leergefegt.

Die Welthungerhilfe würde das alles dokumentieren und den Erfolg nach Deutschland melden. Glückliche Fischer mit stolzem Fang. Und es reicht nicht nur fürs Abendessen, sondern endlich kann sich die Familie auch eine Flatscreen leisten.

Es bliebe sogar genug übrig, um noch Geld zur Bank bringen. Hier würfe es stolze Zinsen ab. Also bräuchte die Familie gar nicht mehr fischen, sondern könnte gleich vor der Flatscreen vegetieren. Entwicklungshilfe lohnt sich also.

Statt Kokosnuss gab es fortan Coca Cola. Statt frischen Fisch gab es gegrilltes Aas im Pappbrötchen. Das neue Leben wurde als Fortschritt verkauft. Die Menschen wurden krank und gingen zum Arzt. Dieser verschrieb ihnen immer teurere Pillen, die auch nicht halfen.

Von dem angehäuften Geld kauften die Fischer noch mehr Boote. Mit der neuen Flotte fischten sie auch die anderen Lagunen leer – so lange, bis nichts mehr da war.

Dann kam wieder eine andere Wohlfahrtstruppe vorbei und brachte den Fischern „nachhaltiges“ fischen bei. Doch es war zu spät. Trotz guter Ratschläge war die Versuchung zu groß, mithilfe der modernen Technik und um des schnellen Geldes willen als erster alles wegzufischen.

Danach brach das Geldsystem zusammen. Und alle Fischer sind verhungert. Die Lagune war leider leer. Und das Geld war wertlos.

Die Dämmerung brach herein. Sonnenuntergang in der Lagune. Die Fischer bemerkten, dass ich einige Momente „in anderen Sphären“ weilte. Sie zogen das Netz aus dem Wasser. Darin zappelte der karge Fang.

„Willst du einen haben?“ Ich war mehr als verdattert über dieses Angebot. Natürlich wollte ich den Leuten nichts wegessen.

Also fragte ich: „Was soll er denn kosten?“

„Nichts“ lautete die Antwort. „Ich schenk ihn dir.“

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Michael Mross
Von: Michael Mross.