„Die Börse benimmt sich oft wie ein Alkoholiker“

Wir erleben seit einigen Tagen und Wochen verrückte Börsenzeiten. Das einzige, was gesichert scheint, ist die hohe Volatilität (also die hohen Schwankungen).

Während die Abwertung des Yuan – also der chinesischen Währung – von den meisten Marktteilnehmern noch als Warnzeichen gesehen wurde, dass die chinesische Volkswirtschaft möglicherweise größere Probleme habe als angenommen, wurde die Zinssenkung in China gestern gefeiert.

Dabei hätte die Senkung des Leitzinses in China durchaus auch als weiters großes Warnsignal im Hinblick auf die chinesische Volkswirtschaft gesehen werden können – überrascht hätte mich eine solche Reaktion jedenfalls nicht sonderlich. Definitiv überrascht bin ich dagegen davon, wie schnell die Stimmung an den Börsen in den vergangenen Wochen gekippt ist, obwohl sich die Rahmenbedingungen seit Jahresbeginn allenfalls marginal geändert haben.

Sie müssen sich folgendes Szenario vorstellen: Eine große Anzahl von Menschen betrachtet ein halbvolles Glas. Plötzlich kommt ein weiterer Beobachter hinzu und erklärt der zunächst verdutzen Menschenmenge, dass das Glas nicht halbvoll sondern halbleer sei und plötzlich kippte die Stimmung.

So oder so ähnlich lässt sich aus meiner Sicht am ehesten das beschreiben, was sich in den vergangenen Wochen an den Börsen abgespielt hat.

Erklärungsversuche von Börsen-Altmeister André Kostolany

Mit dem Ausspruch – „die Börse benimmt sich oft wie ein Alkoholiker“ – versuchte der verstorbene Börsen-Altmeister André Kostolany dieses Phänomen zu beschreiben. Was er damit meint ist: Manchmal weint die Börse nach guten Nachrichten und lacht nach schlechten Nachrichten.

Frank Lingohr, geschäftsführender Gesellschafter der Vermögensverwaltung Lingohr & Partner, sagt: „Die Börse ist oftmals geprägt von kurzfristiger Irrationalität“.

Vermeintlich schlechte Nachrichten sorgen manchmal für steigende Kurse. Umgekehrt passiert es zum Teil, dass Aktien trotz positiver Nachrichten fallen.

„Die Reaktion des Marktes vorherzusagen, gleicht einem Glücksspiel und hat nichts mit klugem nachhaltigem Investieren zu tun“, so Lingohr. Auch werden Nachrichten zumeist sehr schnell vom Markt in die Kurse eingepreist. Daher macht es keinen Sinn zu versuchen, schneller als der Markt zu sein.

Benjamin Graham und sein Mr. Market

Benjamin Graham, Lehrmeister von Warren Buffett und Autor des berühmten Buches „The intelligent Investor“, beschrieb dieses Phänomen einst, indem er die Börse als menschliches Wesen darstellte. Genauer gesagt als den Psychopaten Mr. Market.

Grahams Mr. Market ist Teilhaber einer Firma und erscheint Tag für Tag bei seinem Geschäftspartner und nennt ihm einen Preis, zu dem er entweder seinen Anteil verkaufen oder den seines Partners übernehmen will.

Zwar ist die Firma wirtschaftlich stabil, doch die Preise von Mr. Market sind alles andere als das. Denn: Manchmal ist er euphorisch und sieht nur die positiven Seiten des Geschäftes. In dieser Stimmungslage nennt er natürlich geradezu utopische Preise, die er bereit wäre, seinem Geschäftspartner im Gegenzug für dessen Anteile zu bezahlen. In diesen Momenten treibt ihn die Angst, jemand anders könne ihm den Geschäftsanteil seines Partners wegschnappen und ihn so seiner kurzfristigen Gewinne berauben.

Ganz anders sieht es aus, wenn Mr. Market depressiv ist und jederzeit mit dem nächsten Unheil rechnet. In diesen Momenten bietet er seinem Partner den eigenen Geschäftsanteil zu Dumpingpreisen an, da er Angst hat, dass der Geschäftsanteil zukünftig noch viel weniger wert sein könnte. Genau so sah die Stimmungslage vieler Börsianer zuletzt aus.

Fazit: Handeln Sie nüchtern in Zeiten „alkoholisierter“ Börsen

Sie sollten sich allerdings nicht verunsichern lassen und stattdessen das irrationale Verhalten derer, die dem Phänomen des Herdentriebes zum Opfer fallen, zu Ihrem eigenen Vorteil nutzen. Denn: Genau in Phasen wie der aktuellen bietet sich Ihnen die Möglichkeit, antizyklisch zu handeln und somit gegen den Strom zu schwimmen.

Dadurch können Sie unlogische Reaktionen des Marktes gewinnbringend nutzen. Wenn Sie also nüchtern handeln, können Sie in Zeiten alkoholisierter Börsen den Grundstein für zukünftige Gewinne legen.

26. August 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Tobias Schöneich. Über den Autor

Tobias Schöneich, Jahrgang 1982, begeistert sich seit der Jahrtausendwende und somit seit den Zeiten des New-Economy Booms für das Thema Börse und alles unmittelbar damit Verbundene.

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