Die Ehe Porsche/Wiedeking ist geschieden: Das Ende einer Ära

An den Aktienmärkten wurden heute wieder die Bären überrollt. Dow Jones, S&P 500, Nasdaq, DAX und EuroStoxx legten jeweils um über 2% zu. Ein Dreiklang aus guten Quartalszahlen, positiven Signalen vom US-Immobilienmarkt und einer Beruhigung am amerikanischen Arbeitsmarkt sorgte für Partylaune.

Die Stimmung könnte am Freitag jedoch eingetrübt werden. Nach dem Schlussgong an der Wall Street veröffentlichten der Softwaregigant Microsoft und das Kreditkartenunternehmen American Express Zahlen, die deutlich unter den Erwartungen lagen. Auch die Schlagzeilen rund um VW/Porsche müssen in den nächsten Tagen noch verdaut werden.

Wendelin Wiedeking, ungekrönter König von Zuffenhausen, ist nicht mehr Vorstands-Chef des Sportwagenherstellers Porsche. Man kann diesen Mann nicht einfach mit einem Wort beschreiben. Ich möchte daher die Beurteilung in 3 Teile packen: Die Porsche-Rettung, der Porsche-VW-Deal und die Entlohnung.

1) Wiedeking als Porsche-Retter in der Not

„Größenwahnsinnig“ ist die Beschreibung, die in fast jeder Berichterstattung über Wiedeking vorkommt. Eine fast 20-jährige Erfolgsstory hat dazu geführt, dass der Manager die Bodenhaftung verloren hat. Aber immerhin: Wiedeking ist kein Dampfplauderer, der von Natur aus größenwahnsinnig ist, er hat sich den Größenwahn „erarbeitet“.

Wiedeking kommt aus einfachen Verhältnissen, studiert Maschinenbau in Aachen (mit Auszeichnung) und arbeitet sich in der krisengeschüttelten Autozuliefer-Branche hoch. Als Krisenmanager wechselt er dann 1992 zum angeschlagenen Autobauer Porsche. Die katastrophale Ausgangslage: fast 250 Mio. Mark Jahresverlust, ein „kaputter“ Markenname und ein Aktienkurs von umgerechnet gut 2 Euro, der eine akute Pleitegefahr signalisiert. Wenige Monate nach dem Wechsel zu Porsche wird der Jungmanager Wiedeking Vorstands-Boss.

Der ehrgeizige Porsche-Chef wird zum harten Sanierer und übernimmt die erfolgreichen Strategien der japanischen Autobauer. Nicht nur technisch und kaufmännisch wird Porsche saniert, auch die Marke Porsche wird wieder zur „Kultmarke“. 5 Jahre später erzielt Porsche unter Wiedeking einen neuen Rekordgewinn. Es folgt eine Serie von Umsatz- und Gewinnrekorden. Wiedeking bleibt immer am Steuer, geht nicht mit den ersten Millionen-Prämien in Ruhestand und wechselt auch nicht alle 3 Jahre als „Messias“ zum nächsten Unternehmen.

Fazit: 10 Jahre lang war die Ehe Porsche/Wiedeking eine Traumkombination. Es ist ungewiss, ob Porsche die Krise Anfang der 90er Jahre ohne Wiedeking erfolgreich gemeistert hätte. Wiedeking hat dazu beigetragen, dass mehrere 1.000 Arbeitspläte dauerhaft gesichert wurden, der Aktienkurs von 2 auf weit über 50 Euro explodiert ist und die heimischen Finanzämter eifrig Steuern kassieren konnten. Diese Phase kann mit der Note sehr gut bewertet werden.

VW/Porsche: Die entscheidende Poker-Partie hat Wiedeking verloren

Es folgt ab 2005 der vielleicht spektakulärste Übernahmeversuch in der deutschen Unternehmensgeschichte. Der Autowinzling Porsche will den Giganten VW übernehmen. Das klingt völlig absurd und absolut größenwahnsinnig. Wiedeking hat sein Blatt sicherlich überreizt, aber der Grundgedanke war strategisch durchaus interessant.

Denn: Es ist klar, dass der Sportwagenhersteller Porsche zukünftig die Umweltschutzauflagen unmöglich im Alleingang einhalten kann. Porsche braucht dringend einen Auto-Partner, der auch Modelle mit einem geringen Verbrauch produziert. Der natürliche Partner war VW. Porsche musste auf die Umweltschutzauflagen reagieren: Einen Wettbewerber kaufen, oder gekauft werden.

Eine Kombination VW/Porsche machte bereits 2005 Sinn. Es war nur die Frage, ob der Chefsessel in Niedersachsen (VW) oder Baden-Württemberg (Porsche) steht. Wiedeking hat den großen Coup versucht und ist nur denkbar knapp gescheitert. Gut 50% der VW-Stammaktien besitzt Porsche, rund 25% soll Porsche zusätzlich über Termingeschäfte kontrollieren. Wäre VW ein „normaler“ Konzern, hätten 75% der VW-Stammaktien gereicht, um die Kontrolle zu erlangen. Dann hätte Porsche Zugriff auf die prall gefüllte VW-Firmenkasse erhalten. So sollte das Schuldenproblem gelöst werden.

Doch 2 Faktoren hat Wiedeking nicht berücksichtigt und teilweise auch nicht berücksichtigen können: Zum einen die schwerste Konjunkturkrise seit dem 2. Weltkrieg. Die Folgen: Porsche verdient weniger Geld (das wäre aber für eine VW-Übernahme notwendig gewesen), die Banken haben den Kredithahn zugedreht und zusätzlich hat die Krise dazu geführt, dass auf europäischer Ebene die politische Bestrebung, „goldene“ Aktien der Staaten gesetzlich zu verbieten, vorläufig eingestellt wurde. Das Land Niedersachsen konnte daher mit 20% der VW-Stammaktien eine Kontrollmehrheit von Porsche verhindern. Damit platzte das gesamte Übernahmemodell.

Wäre die Konjunkturkrise 3 Jahre später ausgebrochen, hätte Porsche eine mehr als realistische Chance gehabt, den Machtkampf zu gewinnen. 2005, als die Übernahme geplant wurde, war diese Entwicklung nicht absehbar. Hinzu kommt, dass mit gezinkten Karten gespielt wurde. An der Börse gibt es schon länger das Gerücht, dass das Land Niedersachsen und der VW-Konzern (besonders der heimliche VW-Chef Ferdinand Piech) Banken unter Druck gesetzt haben, Porsche keine neuen Kredite zu besorgen. Ob dabei Recht und Gesetz gebrochen wurden, werden wir wohl nie erfahren.

Offensichtlich ist dagegen ein anderes schweres Foul: Der VW-König Ferdinand Piech, gleichzeitig Mitbesitzer von Porsche und im Aufsichtsrat prominent vertreten, hat in öffentlichen Interviews Aussagen getätigt, die Porsche und Wiedeking unter Druck gesetzt haben. Als Mitbesitzer und Aufsichtsratsmitglied dürfte Piech damit die aktienrechtliche Grenze überschritten haben. Gut möglich, dass wir noch ein Nachspiel vor Gericht erleben. Aber der Machtkampf ist entschieden.

Meine Einschätzung: Die Kombination VW/Porsche macht Sinn. Der Führungsanspruch von Porsche-Chef Wiedeking war jedoch zu optimistisch. Da Wiedeking seine Gegner bei VW und im Land Niedersachsen grob unterschätzt hat (und das bei einem Pokereinsatz von über 10 Mrd. Euro), kann die Note trotz der unglücklichen Rahmenbedingungen (Konjunkturkrise) nur mangelhaft lauten.

Zweistellige Millionengehälter: Wiedeking und die Aufsichtsräte haben versagt

Es bleibt das heiße Thema Entlohnung. In den Medien wurde zunächst spekuliert, dass Wiedeking eine Rekordabfindung von rund 250 Mio. Euro (!!!) kassieren könnte. Das wäre der grobe Gegenwert der Gehaltsforderungen bis zum Laufzeitende des Vorstands-Vertrags gewesen. Unter dem Strich soll Wiedeking jetzt doch „nur“ 50 Mio. Euro kassieren. Die Hälfte der Summe soll auch noch als Spende in eine soziale Stiftung wandern.

Egal, ob 50 oder 250 Mio. Euro, solche Summen sind als Abfindung pervers. Wiedeking ist nicht Eigentümer von Porsche, er ist ein leitender Angestellter. Das Gehalt eines leitenden Angestellten muss meiner Meinung nach einen Bezug zu einem normalen Durchschnittsgehalt im Unternehmen haben.

Es wird auch nicht nur bei der Abfindung gesündigt. Schon im Vorjahr hat Wiedeking einen zweistelligen Betrag als Jahresgehalt erhalten. Das ist unfassbar. Es muss einfach einen Unterschied zwischen Unternehmer (haftet in schlechten Zeiten mit seinem Vermögen) und einem Angestellten (bekommt auch in Verlustjahren ein Gehalt) geben.

Als „strafmildernd“ muss angeführt werden, dass Wiedeking die erfolgsabhängigen Gehaltsbestandteile bereits in seinen ersten Jahren bei Porsche verlangt und erhalten hat. Damals glaubten offensichtlich die Entscheidungsträger bei Porsche nicht, dass diese Klauseln größere Auswirkungen haben könnten. Wiedeking hat clever und selbstbewusst verhandelt, die Vertrags-Partner haben aber als Aufsicht versagt. Spätestens nach der Porsche-Rettung hätte Wiedeking einen „normalen“ Vertrag mit einem Festgehalt und einem kleineren Bonus-System erhalten müssen.

Meine Einschätzung: Wiedeking hätte etwas mehr Bescheidenheit zeigen sollen. Zweistelligen Millionengehälter sind auch in guten Zeiten für einen Angestellten, der nicht mit seinem privaten Vermögen haftet, nicht akzeptabel. Die größten Versager sind aber die Porsche-Aufseher, die den Vertrag unterschrieben und die Gehaltsbombe nicht entdeckt haben. Noten: Wiedeking mangelhaft, Aufsichtsrat: ungenügend.

Wie Sie sehen, muss die Leistung des Wendelin Wiedeking sehr differenziert bewertet werden. Im Schlussgong werde ich die Entwicklung bei Porsche und VW weiter für Sie beobachten.

24. Juli 2009

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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