Die Erste Bank holt die Leichen aus dem Keller

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Kein Bock mehr auf Salami-Taktik. Die Erste Bank aus Österreich räumt die Bilanz gründlich auf und opfert dafür das Geschäftsjahr 2011. (Foto: Cineberg / Shutterstock.com)

Die Aktienmärkte starten heute mit einem Kursfeuerwerk in die neue Handelswoche. Der DAX legte um über 3% zu und klettert auf 5.850 Punkte.

Die Begründung für den Kursanstieg klingt extrem kurios: Die Investoren hoffen, dass Deutschland und Frankreich die angeschlagene europäische Bankenbranche retten.

Alles andere als glücklich reagieren die betroffenen Banken auf die Reformideen. Mehrere Banken verkündeten, dass sie mit allen Mitteln gegen eine staatlich verordnete Kapitalzufuhr kämpfen werden.

Das staatliche Geld ist in der Branche immer erst dann gefragt, wenn die Bank nicht mehr zu retten ist. So muss in diesen Tagen die belgisch-französische Großbank Dexia verstaatlicht werden. Risikopapiere im Wert von 90 Mrd. Euro werden ausgelagert. Das finanzielle Risiko trägt wieder einmal der Steuerzahler.

Das ist auch keine Ausnahme. Dänemark verstaatlicht fast zeitgleich die Max Bank. Ein kleines Jubiläum: Das ist die zehnte Bank, die Dänemark seit Ausbruch der Krise 2008 verstaatlichen muss.

Erste Bank räumt auf

Während viele Banken nach dem Prinzip Hoffnung agieren und auf ein griechisches Wunder warten, will die Erste Bank aus Österreich wieder Bewegungsfreiheit gewinnen. Das Geschäftsjahr 2011 wird geopfert, damit die Bank 2012 mit weniger Ballast den Sturm in der Bankenbranche besser überstehen kann.

Die Erste Bank nennt die heute verkündeten Maßnahmen „radikal“. Als Aktionär kann man das nur unterstreichen. Die Gewinnprognose wurde einkassiert. Unter dem Strich erwartet der Vorstand einen Verlust von 700 bis 800 Mio. Euro. Das Motto lautet: Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.

Der operative Gewinn mindert den Verlust. 2012 werden die Aktionäre zusätzlich auf eine Dividende verzichten müssen, damit der Kapitalpuffer groß genug bleibt.

Teure Übernahmen in Osteuropa belasten

Erfrischend ist die Offenheit, mit der die Bank-Manager eigene Fehler zugeben. Das ist selten in der Branche. Der Vorstand der Ersten Bank gibt zu, dass einige Übernahmen zu teuer waren. Das Timing war schlecht.

Daher nimmt die Bank jetzt Abschreibungen bei Banken in Ungarn und Rumänien vor. Zusätzlich wird die Risikovorsorge in Ungarn drastisch erhöht. Hier besteht die Hoffnung, dass die Risikovorsorge in besseren Zeiten wieder aufgelöst werden kann.

Mehr Realität in der neuen Bilanz

Die Erste Bank nutzt die Gelegenheit und räumt zusätzlich weiteren Bilanz-Schrott auf. So wird das CDS-Portfolio neu bewertet. Die alten Bewertungsansätze waren zu hoch. Jetzt soll sich der Wert an aktuellen Marktpreisen orientieren.

Außerdem werden Bilanz-Reformen, die an sich erst ab 2015 gelten, schon jetzt umgesetzt. Diese Umstellung sorgt kurzfristig ebenfalls für einen Korrekturbedarf.

Diese Maßnahmen deuten darauf hin, dass die Zeit der Salami-Taktik (die bittere Wahrheit kommt nur scheibchenweise ans Licht) zumindest bei einer Bank vorbei ist. Man kann nur hoffen, dass jetzt alle Leichen aus dem Keller verschwunden sind.

Druck auf Banken nimmt zu

Die Aktionäre der Ersten Bank haben relativ gnädig reagiert. In der ersten Schrecksekunde nach Verkündung der Gewinnwarnung stürzte der Aktienkurs um fast 20% ab. Am Tagesende blieb ein Minus von 9%. Angesichts der Verlusthöhe und der Aussicht, 2012 keine Dividende zu erhalten, ist das ein verkraftbarer Tagesverlust.

Das sollte anderen Banken Mut machen, ebenfalls die Leichen aus dem Bilanzkeller zu holen. Erfahrungsgemäß wird sich die Begeisterung jedoch in Grenzen halten. Da in wenigen Tagen die ersten Quartalszahlen verkündet werden, steigt der Druck dramatisch.

Jede Bank muss sich die Frage stellen, ob die eigenen Bilanzpositionen ebenfalls zu optimistisch kalkuliert wurden. Aber nicht jede Bank ist so stark aufgestellt wie die Erste Bank. Wer keinen Puffer hat, kann die Bilanz auch nicht bereinigen.

Commerzbank unter Zugzwang

In Deutschland dürfte die Commerzbank die Presseaussendung der Ersten Bank sehr genau studiert haben. Besonders ein Punkt könnte für die Commerzbank unangenehm werden: Die Erste Bank hat mitgeteilt, dass sie das Staatsgeld doch noch behalten wird.

Es geht noch weiter: Obwohl die Erste Bank einen Verlust erwartet, wurde bereits jetzt angekündigt, dass die Bank freiwillig knapp 100 Mio. Euro Zinsen an den Staat zahlt. In Verlustjahren könnte die Zinszahlung auch gestrichen werden.

Ob die Erste Bank tatsächlich ganz ohne Druck Zinsen zahlt, wissen nur einige wenige Insider. Dennoch wirkt die frühzeitige Ankündigung taktisch sehr klug.

Ganz anders sieht die Geschichte bei der Commerzbank aus. Die Bank hat ebenfalls staatliches Kapital benötigt, konnte aber Zinszahlungen an den Staat weitgehend vermeiden. An eine freiwillige Zahlung war nicht zu denken. Da die Erste Bank in einer ähnlichen Situation jetzt ganz anders handelt, wird das Verhalten der Commerzbank plötzlich noch kritischer bewertet.

Die Manager der Ersten Bank haben sich daher heute in der Bankenbranche nicht nur Freunde gemacht.

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Rolf Morrien
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands und teilt seine Expertise bereits seit rund 20 Jahren als Chefredakteur von „Morriens Depot-Brief“ (für den erfolgreichen Börsenstart), dem „Depot-Optimierer“ (Vermögensaufbau mit Value-Ansatz) und von „Rolf Morriens Power Depot“ (dynamisches Trading-Depot) sowohl mit Börseneinsteigern als auch mit ambitionierten Privatanlegern.

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