Die Schlüsselfrage: Wer profitiert von der Griechenland-Krise?

Wenn Sie heute morgen die Tageszeitung aufgeschlagen haben, war mit großer Wahrscheinlichkeit ein großes Foto zum Thema Griechenland der Blickfang. Die griechische Regierung hat einen Privatisierungsplan veröffentlicht. Unternehmen und Immobilien im Staatsbesitz sollen ganz oder teilweise verkauft werden.

Einige Zeitungen druckten Fotos von den zum Verkauf stehenden Flughäfen und Hafengesellschaften ab, andere Zeitungen machten sich einen Spaß daraus, genau das abzudrucken, was nicht zum Verkauf steht: die griechischen Inseln.

Jede Information wird direkt veröffentlicht

Auch ich berichte hier im Schlussgong regelmäßig über die Griechenland-Krise. Dafür gibt es 2 Gründe: Zum einen ist Griechenland mit großer Wahrscheinlichkeit der erste EU-Staat, der unter der Schuldenlast zusammenbricht. Ein offizieller Staatsbankrott kann in der gesamten EU eine Kettenreaktion auslösen. Diese „Initialzündung“ rechtfertigt ausführliche Berichte, obwohl Griechenland wirtschaftlich im globalen Maßstab quasi keine Rolle spielt.

Zum anderen ist der Informationsfluss extrem ergiebig. Die „heimliche“ Krisensitzung der EU-Finanzminister zum Thema Griechenland wurde direkt verraten. Die interne Einschätzung der Europäischen Zentralbank (EZB), dass ein Schuldenschnitt in Griechenland nicht in Frage kommt, da das Land durch Immobilienverkäufe 300 Mrd. Euro einnehmen könnte, ist ein offenes „Geheimnis“.

Sobald es um das Thema Griechenland geht, gibt es keine Geheimnisse. Jede Information wird im Rekordtempo veröffentlicht. In Spanien und Italien ist der Informationsfluss nicht so rege. Daher muss die Frage erlaubt sein: Steckt dahinter ein System?

Griechenlandkrise entlastet die großen Schuldner

Wenn man wissen will, warum etwas passiert, reicht oft eine Analyse der möglichen Gewinner und Verlierer. Ein Verlierer ist zum Beispiel Griechenland. Das extreme mediale Interesse sorgt dafür, dass Griechenland fast 30% Zinsen zahlen müsste, wenn das Land am Kapitalmarkt frische Kredite aufnehmen würde. Andere Länder mit hohen Kreditrisiken zahlen deutlich weniger.

Blicken wir jetzt auf die Gewinner. Ein Gewinner ist in diesen Tagen der deutsche Finanzminister. So ist die Umlaufrendite der deutschen Staatsanleihen seit Ausbruch der jüngsten Griechenland-Krise von 3,2 auf 2,8% gefallen. Wenn Deutschland Geld einsammeln will (die Neuverschuldung ist noch lange nicht bei 0 angekommen und rund 2 Billionen Euro Alt-Schulden müssen regelmäßig neu finanziert werden), bekommen wir als Staat das Geld aktuell zu einem fast schon absurd niedrigen Zinssatz.

Aus Angst vor einer Schuldenkrise in Griechenland und Südeuropa flüchten die Investoren in deutsche Staatsanleihen und verlangen nur Mini-Renditen. Herzlichen Dank! Obwohl die Verschuldung in Deutschland von Rekordwert zu Rekordwert eilt, hält sich die Zins-Belastung in Grenzen. Wie gesagt: Merci Griechenland!

Zinsen müssten in Deutschland viel höher sein

Eine Umlaufrendite von unter 3% für deutsche Staatsanleihen ist in der aktuellen Lage absurd. In rationalen Märkten dürfte das nicht passieren. Die Rendite müsste deutlich höher liegen. Einige Gründe: Wenn Griechenland und Co. fallen, werden die finanzstarken EU-Staaten dafür zahlen müssen (Stichwort: EU-Rettungsschirm). Wenn 2 oder 3 Länder kippen, kann die Belastung dreistellige Milliardenbeträge erreichen. Um dieses Risiko auszugleichen, müsste Deutschland einen Zinsaufschlag zahlen – das ist aber nicht der Fall.

Blicken wir auf die klassischen Zins-Daten: Die Zentralbank hat einen Zins-Erhöhungs-Zyklus begonnen, die deutsche Wirtschaft wächst seit 2010 um über 3% pro Jahr und die Inflationsrate im Euro-Raum liegt bei 2,8%. Zu diesen Daten passt eine Umlaufrendite von 4 oder 5%, aber nicht 2,8%.

US-Probleme werden ignoriert

Während jedes Detail der Griechenland-Krise mit allen Konsequenzen ausgeschlachtet wird, wird das Thema USA erstaunlich selten behandelt. Nur zur Erinnerung: Die größte Wirtschaftsmacht der Welt hat die gesetzlich vorgeschriebene Schuldenobergrenze, die bei gut 14 Billionen USD liegt, überschritten und dürfte theoretisch nur noch per Notmaßnahmen regiert werden.

Nur durch einige haushaltstechnische Tricks kann die Handlungsfähigkeit erhalten bleiben. Einigen sich Demokraten und Republikaner aber nicht bald, droht auch offiziell der KO-Schlag. Von dieser tickenden Zeitbombe habe ich in dieser Woche noch nichts in der Zeitung gelesen. Im Gegenteil: Wie in Deutschland hat sich dank der Griechenland-Krise und der Flucht in „sichere“ Staatsanleihen die Zinsbelastung in den USA entspannt. Eine verrückte Welt, in der wir leben.

Griechenland als Blitzableiter

In Griechenland wurden über Jahrzehnte Gelder verschwendet. Dafür muss das Land jetzt bluten (auch wenn viele Griechen betroffen sind, die vorher nicht profitiert haben). Es ist aber interessant, dass die Krise medienwirksam in einem Land eskaliert, das wirtschaftlich relativ unwichtig ist, das am Rand der EU liegt und das theoretisch ohne große Probleme aus dem Euro-Raum entfernt werden könnte.

Wenn also die großen Schuldenmacher einen idealen Blitzableiter suchen würden, wäre Griechenland ein ganz heißer Kandidat. Das ist nur eine „Verschwörungstheorie“ ohne Beweise, aber ein paar Gedanken zu diesem Thema lohnen sich.


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25. Mai 2011

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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