Die Schweizer Konjunktur hat Europa abgehängt

Die Schweizer Wirtschaft hat sich nach der Finanzkrise im Jahr 2009 eindrucksvoll zurückgemeldet und ihre Wirtschaftsleistung seitdem stetig gesteigert. Das Wirtschaftswachstum fiel deutlich höher als bei den europäischen Handelspartnern Deutschland und Österreich aus.

Dabei war die Erholung nicht als Folge eines markanteren Einbruchs während der Krise zu sehen, sondern im Gegenteil. Die Schweizer Konjunktur war im Vergleich zu den Nachbarländern weniger stark von der Finanzkrise betroffen. Damit hat die Schweiz einmal mehr Stärke gegenüber anderen Wirtschaftsnationen demonstriert.

2015 geriet der Konjunkturmotor vorübergehend ins Stocken

Das überdurchschnittliche Wirtschaftswachstum der Schweiz wurde von niedrigen Zinsen, der Zuwanderung sowie dem bis Januar 2015 geltenden Euro-Mindestkurs getragen. Die Aufhebung des Euro-Mindestkurses von Seiten der Schweizer Nationalbank (SNB) hat die Wirtschaftsleistung in diesem Jahr erwartungsgemäß belastet.

Vor allem exportorientierte Unternehmen waren von der Aufwertung des Schweizer Franken betroffen. Die Konjunktur hat dies aber besser als erwartet verkraftet. Die erwartete Rezession blieb aus. Stattdessen wurde das Bruttoinlandsprodukt weiter gesteigert. Im 3. Quartal legte die Wirtschaftsleistung gegenüber dem Vorjahr um 0,8% zu.

Erholung der Wirtschaftslage für 2016 erwartet

Für das Jahr 2016 gehen Forschungsinstitute einhellig von einer Erholung der Konjunkturlage aus. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) rechnet mit einer Beschleunigung der Wachstumsrate auf 1,5%. Das Potenzialwachstum sieht SECO bei rund 2% pro Jahr.

Als wichtigste Voraussetzungen für eine Erholung der Wirtschaftslage sieht SECO, dass die internationale Konjunktur weiter wächst und der Euroraum seine Erholung fortsetzt. Zudem dürfte die, wenn auch allmählich einsetzende, Vergünstigung des Schweizer Franken den Druck auf die Preise für Exportprodukte senken und die Wirtschaft somit entlasten. SECO hält die heimische Währung für überbewertet und baut auf eine weiter anhaltende Abwertung des Franken.

Das Kalkül erscheint plausibel, denn mit dem Negativzins der SNB ist die Attraktivität der Währung bereits gesunken. Sollte die Weltwirtschaft weiter wachsen und steigende Zinsen, etwa in den USA, zur Folge haben, würde sich dieser Effekt verstärken. Zudem signalisierte die SNB, im Notfall auch intervenieren zu wollen, was dem Währungsmarkt auch psychologisch zu Gute kommt.

Sektorgewichtung beachten

Das Wirtschaftswachstum der Schweiz wird derzeit vor allem durch den Konsum der privaten Haushalte und des Staates getragen. Während die Ausrüstungsinvestitionen zuletzt leicht zulegten, waren die Bauinvestitionen rückläufig.

Der Anstieg der Warenexporte wurde im Zuge der Frankenstärke von sinkenden Preisen begleitet und muss insofern relativiert werden. Zudem war das Exportwachstum auf die positive Entwicklung der Chemie- und Pharmaindustrie zurückzuführen. Die übrigen Exporte waren größtenteils rückläufig. Aufgeteilt nach Branchen zeigt sich eine sehr heterogene Entwicklung, die Investoren beim Aktienkauf beachten sollten.

Im 3. Quartal überzeugte vor allem das Gesundheits- und Sozialwesen (+1,1%), gefolgt von Versicherungsdienstleistungen (+0,6%). Die Industrie (+0,3%) legte nur leicht zu, während die Entwicklung des Baugewerbes (-1,0%), des Finanzsektors (-1,0%), des Handels (-0,9%) und des Energiesektors (-5,3%) negativ ausfiel.

Bevorzugte Aktien im „Top-Down“-Ansatz

Wer auf den „Top-Down“-Ansatz setzt, kommt angesichts der heterogenen Branchenentwicklung nicht umhin, bei der Aktienauswahl die Sektorgewichtung zu beachten. Bei dem „Top-Down“-Ansatz betrachten Investoren zuerst die gesamtwirtschaftliche Entwicklung.

Anschließend analysieren sie aussichtsreiche Branchen und suchen sich dann gezielt die attraktivsten Unternehmen aus. Der „Top- Down“-Ansatz steht im Kontrast zum „Bottom-Up“-Ansatz, bei dem der Fokus in erster Linie auf dem Unternehmen liegt.

Für unsere Immobilienwerte Allreal Holding (8301) und PSP Swiss Property (8325) sehen wir im Einklang mit dem Branchentrend aktuell wenig Kursfantasie. Zu unseren Favoriten gehört Tecan (8328). Als Anbieter von Laborinstrumenten ist das Unternehmen der Gesundheitsbranche zuzuordnen. Das Unternehmen machte mit guten Zahlen auf sich aufmerksam und bietet noch reichlich Wachstumspotenzial.

Der SPI-Index bietet weiteres Potenzial

Der Schweizer Gesamtmarktindex SPI hat die Aufhebung des Euro-Mindestkurses inzwischen gut verdaut. Wir sehen weiteres Erholungspotenzial, denn auf Jahressicht hinkt der SPI anderen Indizes wie dem Sdax oder Mdax noch hinterher. Langfristig sehen wir den Schweizer Aktienmarkt im Vorteil.

Gemäß aktuellem Global Competitiveness Report 2015/2016 des World Economic Forums wurde die Schweiz jüngst zum weltweit wettbewerbsfähigsten Land auserkoren. Zu den Erfolgsfaktoren gehören die Innovationskraft, ein stabiler Arbeitsmarkt, politische Stabilität, die Infrastruktur sowie gute Ausbildungs- und Forschungszentren. Auf kurze Sicht dürfte die Erholung der Konjunktur zu einer positiven Entwicklung des Aktienmarktes beitragen.

Währungseinflüsse werden überschätzt

An der Wettbewerbskraft von Schweizer Firmen wird die Stärke des Schweizer Franken aus unserer Sicht nicht nachhaltig rütteln können. Auf kurze Sicht schmälert sie zwar die Wettbewerbsfähigkeit exportorientierter Unternehmen.

Allerdings sind heute bereits die meisten Firmen mit Produktionsstätten rund um den Globus vertreten. Fallen die Kosten nicht vorwiegend in der Heimatwährung an, bietet die Stärke des Schweizer Franken auch Vorteile, die den ungünstigen Effekt aus der Währungsumrechnung von Umsätzen in fremder Währung aufwiegen können.

In einer globalisierten Wirtschaft steht es zudem auch exportorientierten Firmen frei, ihre Produktion ins Ausland zu verlagern. Investoren mit Sitz außerhalb der Schweiz gehen bei einer Anlage in den Schweizer Aktienmarkt aber ein direktes Währungsrisiko ein, das es zu bedenken gilt.

Aktien nach dem „Bottom-Up“-Ansatz

Kritiker führen im Hinblick auf den Schweizer Aktienmarkt das derzeit gebremste Wirtschaftswachstum und die im internationalen Vergleich relativ hohe Aktienbewertung an. Diese Faktoren sind aktuell nicht ganz von der Hand zu weisen. Hier kommt der „Bottom-Up“-Ansatz ins Spiel.

Wer die Aktienauswahl in erster Linie nach der Stärke des Unternehmens und erst nachrangig nach gesamtwirtschaftlichen Faktoren betreibt, wird über kurz oder lang von der strukturellen Stärke des Schweizer Aktienmarktes profitieren. Firmen mit Wettbewerbsvorteilen schaffen es gerade in schwierigen Zeiten, Marktanteile zu gewinnen und der Konkurrenz davonzulaufen. Zudem sollte die Aktienbewertung eine wichtige Rolle einnehmen.

Zu den nach KGV günstigsten Aktien unseres Favoritenkreises gehören Bossard (8305), Titlis-Bahnen (8329) und Vaudoise Assurances (8332) mit einem durchschnittlichen KGV von rund 11. Das durchschnittliche KGV aller Werte der Aktien-Analyse beträgt derzeit rund 18.

30. Dezember 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Volker Gelfarth. Über den Autor

Der Diplom-Ingenieur lernte die Schwächen und Stärken eines Unternehmens selbst als Manager kennen, bevor er sich voll und ganz der Value-Analyse widmete. Er ist Chefredakteur für die Dienste Aktien-Analyse, Gelfarths Dividenden-Letter, Gelfarths Premium-Depot und Strategisches Investieren.

Regelmäßig Informationen über Marktanalysen erhalten — kostenlos!
Profitieren Sie von unserem kostenlosen Informations-Angebot und erhalten Sie regelmäßig die neusten Informationen von Volker Gelfarth. Über 344.000 Leser können nicht irren.

10 Dividendenaktien, deren Dividende IMMER steigt