Die Streitfrage: Sind Börsenkurse berechenbar?

Der deutsche Leitindex DAX hat heute ein neues Allzeithoch erreicht. Zum ersten Mal sprang der DAX über die Marke von 8.800 Punkten.

Ein neues Allzeithoch am Aktienmarkt wirft fast automatisch eine Frage auf: Sind die Aktien schon zu teuer?

Das Allzeithoch deutet darauf hin, dass die Investoren einige optimistische Szenarien hoch gewichten. So wird aktuell eine Einigung im US-Schuldenstreit und eine Erholung der europäischen Konjunktur im Jahr 2014 eingepreist. Das kann auch anders laufen.

Auf der anderen Seite sprechen gewichtige Gründe für eine Fortsetzung des Aufwärtstrends: So werden die 30 DAX-Werte aktuell nur mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 13 bewertet. Dieser Wert liegt sogar noch knapp unter dem historischen Durchschnitt.

Hinzu kommt, dass eine Besonderheit zu beachten ist: Der DAX ist ein Performance-Index. Ein solcher Performance-Index vereint die Aktienkurse und die gezahlten Dividenden.

Wenn Sie nur die Aktienkurse betrachten (das geht mit dem DAX-Kursindex), müsste der DAX noch um rund 1.500 Punkte steigen, um wieder das Allzeithoch aus dem Jahr 2000 zu erreichen. Auch das Zwischenhoch aus dem Jahr 2007 ist noch weit entfernt.

Das zeigt: Speziell die hohen Dividendenausschüttungen haben dafür gesorgt, dass der DAX-Performance-Index ein neues Allzeithoch erreicht hat. Viele Aktienkurse notieren noch unter dem alten Spitzenniveau aus den Boom-Zeiten.

Nobelpreis für Börsenexperten

Zu der Streitfrage, ob Aktien aktuell günstig oder teuer sind, passt auch eine aktuelle Preisvergabe: 3 Börsen- und Finanzmarkt-Experten teilen sich in diesem Jahr den Nobelpreis für Ökonomie.

Besonders spannend ist dabei: Die 3 Preisträger Robert Shiller, Eugene Fama und Lars Peter Hansen vertreten zum Teil völlig unterschiedliche Ansichten, ob die Finanzmärkte berechenbar sind.

Exemplarisch werde ich Ihnen hier im Schlussgong einen Streitpunkt etwas genauer beschreiben.

Robert Shiller: Der unfreiwillige Crash-Prophet

Robert Shiller hat etwas geschafft, was nur sehr wenige Börsenexperten schaffen: Er hat frühzeitig vor 2 Crash-Phasen gewarnt, die dann auch relativ zeitnah eingetroffen sind.

Die erste Warnung betraf die Internet-Blase am Aktienmarkt im Jahr 2000. Wenige Jahre später folgte die Warnung vor einer Immobilien-Blase in den USA. Beide Warnungen waren korrekt. Im Jahr 2000 waren die Aktienkurse und 2007 die Immobilienpreise in den USA viel zu hoch. Beide Blasen sind geplatzt und haben jeweils schwere Finanzmarktkrisen ausgelöst.

Shiller hat an den Finanzmärkten ein starkes „Herdenverhalten“ entdeckt. Wenn der Optimismus groß ist, kaufen alle Anleger Aktien, Häuser oder andere Anlageklassen. Wenn der Pessimismus groß ist, verkaufen alle Anleger gleichzeitig.

Dieses Herdenverhalten löst starke Übertreibungen nach oben und nach unten aus. Wenn die aktuellen Bewertungen deutlich über den historischen Durchschnittswerten liegen, sollten kluge Investoren diesen Markt meiden.

Praktisches Beispiel: Wenn das DAX-KGV auf über 20 steigt – wie im Jahr 2000 – deutet das auf eine Blase hin und man sollte verkaufen.

Eugene Fama: Märkte sind effizient

Eugene Fama hält nichts von der Blasen-Theorie oder Übertreibungen an den Märkten. Seine These lautet: Die Finanzmärkte sind effizient. Die öffentlich bekannten Nachrichten sind bereits in den Kursen enthalten.

Die Schlussfolgerung: Wenn immer alle Nachrichten bereits im Kurs enthalten sind, kann es keine Unter- oder Überbewertung an Märkten geben. Die Analyse von Unternehmen sei sinnlos. Der Analyst könne nichts Neues entdecken, was noch nicht im Aktienkurs enthalten ist.

Das klingt absurd, aber Fama kann auf bemerkenswerte Ergebnisse verweisen: Warum schneiden zum Teil 90% der Fondsmanager schlechter ab als der Vergleichsindex?

Die Fondsmanager kaufen „billige“ Aktien, aber in der Realität gibt es gute Gründe, warum diese Aktien so billig sind. Der Markt preist bereits negative Nachrichten ein. Daher treffen Fondsmanager oft Fehlentscheidungen.

Untersuchungen bestätigen diesen Trend. Daher werden auch Index-Fonds (ETFs) immer beliebter und verdrängen langsam aktiv geführte Fonds.

Beide Theorien beachten

Welche Theorie ist richtig und welche ist falsch? Die Antwort: Es gibt nicht die eine richtige Methode, um Preise an Finanzmärkten zu messen.

Die Jury schreibt in der Pressemitteilung: „Es gibt keine Möglichkeit, die Preise von Aktien und Anleihen für die nächsten Tage und Wochen vorherzusagen. Sehr wohl ist es aber möglich die Richtung der Preise über einen längeren Zeitraum, etwa drei bis fünf Jahre, vorherzusehen. Die Erkenntnisse, die sowohl überraschend, als auch widersprüchlich erscheinen, werden von den Preisträgern dieses Jahres geliefert“.

Fazit: In einigen Phasen verhalten sich die Marktteilnehmer rational, in anderen Phasen regieren Angst oder Gier. In meinem Börsendienst „Der Depot-Optimierer“ kombiniere ich daher zum Beispiel aktiv geführte Fonds und Indexfonds. Dann dürfen die Märkte auch ab und zu verrückt spielen.

15. Oktober 2013

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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