Die wahre Gefahr steigender Zinsen für die Wall Street

Was Ihnen der Anstieg der US-Anleiherenditen zwischen den Zeilen verrät und was das für US-Aktien bedeuten kann. (Foto: Kamira / Shutterstock.com)

Am Montag analysierte ich für Sie, ob die auf +3% gekletterte Rendite bei 10-jährigen US-Staatsanleihen den Aktien an der Wall Street schaden könnte. Die Antwort lautete: Nein!

Die Begründung: Langfristig schlägt die Rendite, die Sie am Aktienmarkt erzielen können, das, was Sie mit festverzinslichen Anleihen verdienen können.

Der S&P 500, der US-Leitindex für die 500 größten US-Unternehmen, ist seit Ende der 1960er-Jahre im Durchschnitt um jährlich fast +7,0% gestiegen. Und das trotz aller wirtschaftlichen und politischen Krisen und Rückschläge die den Aktienmarkt in dieser Zeit ereilt haben!

Allerdings signalisiert die auf den höchsten Stand seit 2013 gestiegene Anleiherendite, dass den US-Aktien anders gelagerte Gefahren drohen. Und darüber wollen wir heute diskutieren.

US-Wirtschaft wächst kräftig

Steigende Anleiherenditen sind ja nicht persé etwas Schlechtes: Üblicherweise spiegeln sie Wirtschaftswachstum wider. Dafür sind die seit gut anderthalb Jahren wieder kräftig sprudelnden Unternehmensgewinne ein feiner Beleg.

Und US-Präsident Trump hat mit der Durchsetzung seines Steuersenkungspakets im Dezember 2017 dafür gesorgt, dass dieses Wachstum noch einige Zeit anhält.

Zu schnelles Wachstum ist gefährlich

Und genau darin verbirgt sich eine erste Gefahr. Schauen wir uns dazu einmal die folgende Grafik an:

S&P 500: +8,6% durchschnittlicher jährlicher Wertzuwachs seit 1975

Die Arbeitslosenrate ist mit derzeit 4,1% auf den niedrigsten Stand seit dem Jahrtausendwechsel gesunken. Das ist gut für die arbeitende US-Bevölkerung, aber es sorgt auch für steigende Löhne und Gehälter, da freie Stellen nicht mehr so einfach neu zu besetzen sind.

Kosten steigen

Das Wirtschaftswachstum treibt zudem die Verbraucherpreise an: Die Inflationsrate ist seit April 2015 von -0,2% auf +2,4% geklettert.

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Beides, wachsende Kosten für Löhne und Produkte, beschneiden die Unternehmensprofite:

Caterpillar, weltgrößter Baumaschinenhersteller, warnte jüngst, dass die operative Marge im Unternehmen im 1. Quartal den Gipfel erreicht habe: Ab jetzt werde die Profitabilität wohl wieder schwinden. Caterpillar gilt als eine Art Indikator für die US-Wirtschaftsentwicklung.

Die gestiegene US-Anleiherendite hat zudem eine Kehrseite: Auch die Zinsen für Verbraucher- und Firmenkredite sowie Hypothekendarlehen verteuerten sich. Was sich unter anderem entsprechend auf den Immobilienmarkt auswirkt.

Die US-Notenbank muss alles steuern

Und dann haben wir da noch die US-Notenbank Federal Reserve Bank, die darauf achtgeben muss, dass all diese Dinge nicht aus dem Ruder laufen:

Zum einen muss sie den Leitzins erhöhen, um eine Überhitzung der Wirtschaft zu verhindern. Die von der US-Notenbank angekündigten weiteren Anpassungen – noch 2 in 2018, 3 in 2019 und 2 in 2020 – würden den Leitzins (weitere 0,25%-Schritte unterstellt) auf dann 3,375% hieven.

Andererseits würde die Durchführung dieser Pläne auch die immense US-Verschuldung verteuern. Etwas, das sich die USA eigentlich kaum leisten kann, zumal dafür der sich am Markt bildende Zins ausschlaggebend ist.

Und wie wir gerade erleben, hält sich die Rendite der US-Staatsanleihen (aktuell 3%) nicht unbedingt an die Entwicklung des Leitzinses (aktuell: 1,62%).

Fazit

Eine 3%-Rendite bei 10-jährigen US-Staatsanleihen ist keine Konkurrenz für die Wall Street. Dennoch birgt sie Gefahren auf einer anderen Ebene:

Die US-Wirtschaft brummt, wie die Entwicklung der Arbeitslosenquote, der Löhne und Gehälter und der Inflationsrate dokumentieren.

Die US-Notenbank muss daher den Leitzins – wie ja auch angekündigt – weiter nach oben schleusen, um eine Überhitzung der Wirtschaft zu verhindern: Das würde der Wall Street gewiss einen kräftigen Dämpfer verpassen.

Andererseits ist da die gigantische Verschuldung der Vereinigten Staaten, die finanziert werden muss: Eine hemmungslose Verteuerung der Zinsen würden entsprechend die Zinslast erhöhen und so Gefahren heraufbeschwören, die uns vor einer Dekade schon schwer zu schaffen gemacht haben.


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.