Die Wall Street mal aus einer anderen charttechnischen Perspektive

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Wenn die Gefahr eines Trendwechsels zunimmt, hält die Charttechnik ganz spezielle Indika-toren für uns bereit. (Foto: Kamira / Shutterstock.com)

Am letzten Donnerstag hatten wir das Signal einer inversen Zinsstruktur zum Anlass genommen, die langfristige Charttechnik des S&P 500 mittels des Trend-Intensität-Indikators 14-Monats-Relative-Stärke-Index (RSI) zu überprüfen.

Für diese Woche hatte ich Ihnen eine weitergehende Analyse versprochen, in der wir noch auf einige andere charttechnische Indikatoren schauen, die uns helfen, die künftigen Marktchancen etwas präziser einzuschätzen.

Lassen Sie sich überraschen!

Tagelinien und was Sie damit anfangen können

Beginnen wir mit den mittel- und langfristigen Trends in Gestalt der 50- und 200-Tagelinie, auch Gleitender Durchschnitt genannt.

Wie Sie wissen, wird eine Tagelinie berechnet, indem wir den Durchschnitt der Schlusskurse eines Marktes über einen von Ihnen vorgegebenen Zeitraum von „X“ Handelstagen ermitteln: Hier also 50 und 200 Tage.

Heraus kommt eine Linie, die objektiv den Trend des betrachteten Marktes nachzeichnet, weil sie aus den generierten Notierungen gebildet wird. Bewegt sich der Markt über diesen Tagelinien, dann befindet er sich in einem mittel- bzw. langfristigen Aufwärtstrend.

Ich habe daraus einen Indikator entwickelt, der den prozentualen Anteil der in einem Index enthaltenen Aktien berechnet, die sich über den genannten Tagelinien bewegen. Dadurch bekommen Sie eine prima Einschätzung der allgemeinen Marktverfassung.

S&P 500: Langfristig noch ok, mittelfristig in Korrektur

Im Chart sehen Sie sehr schön, dass der Index selbst derzeit exakt zwischen den beiden Tagelinien pendelt.

So helfen Ihnen die Tagelinien bei der Analyse des breiten Marktes

Die Indikatoren unten belegen, dass aktuell nur knapp 35% der im S&P 500 enthaltenen 500 Aktien über ihren 50-Tagelinien notieren. Etwas besser sieht es bei der 200-Tagelinie mit einem prozentualen Anteil von 52,4% aus.

In einem intakten Aufwärtstrend sollten diese Werte mehr oder weniger deutlich über der 50%-Marke liegen, so wie das in den ersten 4 Monaten dieses Jahres bei der 50-Tagelinie und seit Mitte Februar beim 200-Tage-Gleitenden Durchschnitt der Fall war.

Diese Indikatoren machen mithin deutlich, dass sich die technische Verfassung für den Gesamtmarkt mittelfristig klar verschlechtert hat. Die langfristige Tendenz steht derzeit auf der Kippe.

Der Trendwechsel-Indikator

Ein anderer Indikator, den ich gerne verwende, wenn die Gefahr eines Trendwechsels besteht, ist die sogenannte Advance-/Decline-Linie.

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Sie errechnet sich ganz simpel aus der Differenz der börsentäglich steigenden und fallenden Kurse der in einem Index enthaltenen Mitglieder. Das Ergebnis wird dann mit jedem neuen Handelstag kumuliert.

Die Advance-/Decline-Linie klärt, ob der Aufwärtstrend nur von wenigen Schwergewichten in einem Index getragen wird, oder von der breiten Masse der Aktien:

Beispielsweise bestimmt allein die Apple-Aktie mit einer Gewichtung (nach Marktkapitalisierung) von 4,08% maßgeblich den Verlauf des S&P 500. Die 5 schwersten Aktien – also nur 1% der Index-Mitglieder – beeinflusst den Leitindex zu 13,83%!

S&P 500: Aufwärtstrend der Advance-/Decline-Linie intakt

Wie Sie sehen, trägt diese Grafik deutlich zur Beruhigung der Gemüter bei: Der Aufwärtstrend aus dem Jahr 2009 ist weiterhin intakt – der Index von der Aufwärtstrendlinie noch ein gutes Stück entfernt.

Allerdings besteht durchaus die Möglichkeit, dass der S&P 500 in den vor uns liegenden Monaten auf diesen langfristigen Trend zurücksetzt:

Auch die Advance-/Decline-Linie vermittelt einen intakten Aufwärtstrend seit 2009. Allerdings hat der Indikator ab 2013 und noch einmal ab 2016 beschleunigt (blaue und gestrichelte grüne Linie).

Der gelbe Kreis macht sichtbar, dass die Advance-/Decline-Linie noch kräftig sinken kann, OHNE dass dadurch die Aufwärtstrends der vergangenen 10 Jahre beschädigt würden.

Fazit

Meine Analyse bringt insofern Entspannung, als die ganz langfristigen Aufwärtstrends im S&P 500 intakt sind. Das gilt insbesondere für die Advance-/Decline-Linie.

Das Risiko einer mittelfristigen Korrektur kann indes nicht negiert werden: Die Advance-/Decline-Linie hat seit 2013 zweimal beschleunigt und notiert derzeit deutlich über dem Aufwärtstrend aus dem Jahr 2016.

Die Auswertung der prozentualen Anteile der S&P 500-Mitglieder, die über ihren 50- bzw. 200-Tagelinien notieren, bestätigt, dass sich derzeit nur noch knapp 35% der Aktien mittelfristig aufwärts bewegen.

Der Anteil der langfristig nach oben strebenden Titel steht mit aktuell 52,4% auf der Kippe.


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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