Die Zündschnur brennt

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Die jüngste Eskalation in der Golfregion kommt zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt! (Foto: MR.LIGHTMAN1975 / Shutterstock.com)

Üblicherweise wünsche ich Ihnen und Ihren Lieben an dieser Stelle für das neue Jahr Gesundheit, recht viel Zufriedenheit, wunderbare Momente, freudige Überraschungen und regelmäßig Glückssträhnen. Und das tue ich natürlich auch diesmal – aber erst an zweiter Stelle!

In diesem Jahr wünsche ich uns allen zunächst, dass sich die an der jüngsten Eskalation im Nahen Osten beteiligten Personen und Staatsorgane ihrer immensen Verantwortung für die Menschheitsfamilie besinnen!

Denn eine militärische Eskalation in der Region wäre – und das ist schon für sich schlimm genug – nicht nur eine humanitäre Katastrophe: Eine derartige Destabilisierung der ohnehin hoch fragilen Lage im Nahen Osten dürfte üble Auswirkungen auf die ebenfalls angeschlagene Weltwirtschaft haben!

Die Entwicklung an den Aktienmärkten der letzten 4 Monate vermittelt uns den Eindruck, alles sei in bester Ordnung. Ich möchte heute und in den nächsten Tagen ein paar dunkle Punkte für Sie analysieren, die sich unter dieser glänzenden Oberfläche verbergen.

Der Unterschied zwischen Warn- und Verkaufssignalen

Wenn Sie meine Beiträge der vergangenen 2 bis 3 Monate aufmerksam verfolgt haben, dann werden Ihnen meine diversen Warnhinweise nicht entgangen sein. Insbesondere der Charttechnik haben wir es zu verdanken, dass sie uns regelmäßig Signale liefert, die uns auf mögliche Entwicklungen aufmerksam macht.

Das Dumme daran ist: Warnsignale sind nicht zugleich auch Verkaufssignale!

Denn nicht selten laufen die Aktienmärkte, trotz Warnung, zunächst weiter nach oben. Und das vermittelt uns den Eindruck, alles sei weiterhin in Ordnung. Kleiner Nebeneffekt: Die „Mahner“ werden zunehmend belächelt und weniger ernst genommen, je weiter die Kurse klettern.

Doch die Wahrscheinlichkeit, dass sich Warnsignale in Luft auflösen, liegt meiner langjährigen Börsenerfahrung nach bei geschätzt maximal 15%. Tatsache ist:

Je länger die Marktteilnehmer Warnsignale ignorieren, umso heftiger schlagen die Kurse in der Regel zurück! Fakt ist, dass sich in den letzten Wochen weitere Warnsignale hinzugesellt haben.

Warnsignal Wertpapierkredite

Nehmen wir beispielsweise meinen Beitrag vom 19. November 2019, in dem ich Ihnen schrieb:

„Bei der Entwicklung der Wertpapierkredite fällt auf: Offensichtlich ‚ahnen‘ einige Marktteilnehmer alle Jahre wieder – das sind vor allem Großinvestoren – dass sich am Aktienmarkt etwas Übles zusammenbraut.

Daher werden im Vorfeld – also noch zu Top-Kursen – Lombardkredite abgebaut (grün unterlegt). Dem folgt dann über kurz oder lang der Absturz am Aktienmarkt (rot unterlegt).“

Wertpapierkredit-Entwicklung an der Wall Street

Wie Sie unschwer erkennen, ist die Schere zwischen den Wertpapierkrediten und der Entwicklung des S&P 500 noch weiter auseinandergegangen.

Fondsmanager sind extrem zuversichtlich …

Einen anderen Warnhinweis gab ich Ihnen bezüglich der Aktivitäten der Großinvestoren am 28. November 2019:

Kelnberger über Volatilitätsfonds

Kündigung von Unternehmensanleihen: Das sollten Anleger beachtenWegen des niedrigen Zinsniveaus kündigen immer mehr Unternehmen ihre Anleihen. Was bedeutet das für betroffene Anleger? › mehr lesen

„Die Aktienmärkte sind klar überkauft. Dafür gibt es diverse Hinweise:

Das können Sie beispielsweise dem jüngst veröffentlichten „Global Fund Manager Survey“ der Bank of America  entnehmen. Diese weltweite Umfrage unter rund 200 Fondsmanagern, die Vermögen in Höhe von etwa 574 Mrd. USD verwalten, zeigt auf, dass die Barmittelquote der Investment- und Hedgefonds im Oktober stark geschrumpft ist (auf 4,2%).“

Die Ergebnisse des „Global Fund Manager Survey“ vom Dezember des letzten Jahres klingen extrem bullish. Doch genau darin liegt dessen Brisanz:

Der Anteil der Befragten, die in den kommenden 12 Monaten ein sich verbesserndes Gewinnwachstum antizipieren, hat sich seit Juni 2019 auf 29% glatt verdoppelt! Satte 68% der befragten Großinvestoren erwarten in 2020 keine Rezession (mehr).

Eine derart positive Veränderung in der Stimmung der Akteure innerhalb von nur 2 Monaten hat es seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr gegeben. Die Großinvestoren tauschten Liquidität und Anleihen in Aktien. 31% der befragten Fondsmanager gaben an, in Aktien übergewichtet zu sein.

Im Dezember 2019 lag der Barmittel-Bestand der befragten Fondsmanager noch immer bei 4,2%. Das war laut „Global Fund Manager Survey“ vom Dezember 2019 das niedrigste Niveau seit Mai vor 6 Jahren!

… und das ist schlecht!

Wenn bei einer solchen Gemengelage plötzlich ein „Problem“ wie die mögliche militärische Eskalation in der Golfregion auftaucht, dann werden die Vermögensverwalter zwecks Absicherung der Performance zu Verkäufen gezwungen.

Die Fondsmanager werden genau dazu durch erhöhte Rückgaben von Fondsanteilen genötigt: Denn die Cash-Reserven sind ja zuvor extrem ausgetrocknet worden und reichen dann in den meisten Fällen nicht mehr zur Deckung aus.

Fazit

Die Verknüpfung der beiden hier genannten Punkte – Wertpapierkredite und geringe Bar-Liquidität der Investment- und Hedgefonds – offenbart indes erst die darunterliegende Gefahr:

Auch wenn sich, wie in der gezeigten Grafik zu sehen, die Lombardkredite seit dem Zwischenhoch im September 2019 um knapp 50 Mrd. USD zurückgebildet haben, so ändert das nichts an der Höhe des darin steckenden Volumens.

Wie Sie unschwer erkennen können, ist das Niveau der herausgegebenen Wertpapierkredite im Vergleich zum Top kurz vor der Finanzkrise 2008 – trotz der Reduzierung – noch immer um ein Drittel angestiegen!

Wenn die Aktienmärkte jedoch stärker ins Rutschen kommen, kann das eine regelrechte Abwärtsspirale auslösen: Denn aufgrund der niedrigeren Aktienkurse sinken die Beleihungswerte für die Lombardkredite und die Portfolios reichen plötzlich nicht mehr zur Deckung aus.

Wertpapierkredit-Nutzer werden dann von ihrer kreditgebenden Bank zur Wiederherstellung der Deckung aufgefordert: Und da die Effektenkreditnehmer in aller Regel über keine Barreserven verfügen – darum haben sie ja meist den Lombardkredit aufgenommen – sind sie zu Aktienverkäufen gezwungen.

Diese führen dann zu weiter fallenden Aktienkursen, was noch niedrigere Beleihungswerte nach sich zieht und weitere Verkäufe notwendig macht – die Abwärtsspirale ist perfekt!

Ich denke, Sie erkennen die Brisanz für die Aktienmärkte, die aus der Tötung des iranischen Generalmajors erwachsen kann. Hoffen wir, dass die Verantwortlichen die brennende Zündschnur am Pulverfass Naher Osten rechtzeitig wieder löschen!


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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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