Doppelboden im S&P 500? Original und Fälschung

In meiner Jugend (Ja ja: Das ist verdammt lange her!) freute ich mich jede Woche auf unsere Fernseh-Zeitschrift: Darin löste ich immer mit großer Freude das Rätsel „Original und Fälschung“.

Falls Sie diese Rätselform nicht kennen: Dabei handelt es sich um 2 Bilder, die sich auf den 1. Blick nicht unterscheiden.

In der „Fälschung“ sind jedoch eine Anzahl von kleinen Fehlern versteckt, die durch Vergleich mit dem „Original“ gefunden werden wollen.

An diese Rätselform werde ich hin und wieder erinnert, wenn ich charttechnische Analysen von dritter Seite betrachte.

Derzeit sehen beispielsweise einige Charttechnik-„Experten“ eine Doppelboden-Formation im S&P 500.

Was ist eine Doppelboden-Formation?

Dieses spezielle Kursmuster zählt zu der Kategorie der Chart-Formationen mit positiver Prognose-Kraft.

Hier einige der Charakteristika eines Doppelbodens (auch als Doppel-Tief oder W-Formation bezeichnet):

  • Das Kursmuster erinnert auf einem Chart stark an das Bild eines „W“.
  • Es werden 2 Tiefs ausgebildet, die auf dem gleichen Niveau liegen. Dabei sollte das 2. Tief das erste leicht und kurzzeitig unterbieten.
  • Zwischen den Tiefs generiert der Kurs ein Zwischenhoch.
  • Der Umsatz beim 2. Tief muss deutlich unter dem Niveau des 1. Bodens bleiben.
  • Die Rallye aus dem zweiten Tief heraus muss das Zwischenhoch überbieten und dabei ein sichtbar ansteigendes Umsatz-Volumen aufweisen.

Vergessen Sie Doppelboden-Analysen ohne Umsatz-Betrachtung!

Gestatten Sie mir einen kleinen Hinweis zwischendurch:

Manchmal möchten Ihnen selbsternannte Charttechnik-„Experten“ Doppelboden-Formationen OHNE Analyse der Umsätze „verkaufen“. Übergehen Sie solche Analysen!

Wie Sie bereits den ersten von mir genannten Charakteristika entnommen haben, ist eine Betrachtung dieser (und zahlreicher anderer) Chart-Formationen ohne Einbeziehung der Umsatz-Entwicklung sinnlos.

Original und Fälschung – Teil 1

So viel zu Teil 1 der Theorie, sozusagen dem „Original“ eines Doppelbodens. Gleichen wir diesen nun einmal mit dem des S&P 500 ab, um zu sehen, ob es sich um eine „Fälschung“ handelt:

sp500-grafik-1_19-10-2016

S&P 500: Doppelboden oder nicht?

Wie Sie beim Vergleich unschwer feststellen werden, entsprechen die von mir genannten Anforderungen mit dem Chart überein.

Lediglich den letzten Punkt können wir nicht überprüfen, weil der US-Leitindex eben noch nicht sonderlich angestiegen ist.

Liegt also tatsächlich ein Doppelboden vor? Nicht so schnell:

Original und Fälschung – Teil 2

Laut der „Bibel des Charttechnikers“ (das Buch „Technische Analyse von Aktien-Trends“ der Autoren Robert D. Edwards und John Magee) fehlen noch 2 Punkte:

  • Die Tiefs sollten mehr als 1 Monat auseinander liegen.
  • Der Abstand der Tiefs zum Zwischenhoch sollte mindestens 15% – 20% betragen.

Wenn wir diese beiden letzten Punkte abgleichen, entpuppt sich die vermeintliche Doppelboden-Formation doch noch als „Fälschung“:

Punkt 1 wird zwar hauchdünn erfüllt (12. September und 13. Oktober). Doch der Abstand zwischen den Tiefs und dem Zwischenhoch beträgt gerade einmal +2,8% – viel zu wenig für einen „Original“-Doppelboden!

Fazit

Ein „echter“ Doppelboden liegt nicht vor! Auf die vermeintliche W-Formation trifft wohl eher zu, was Edwards & Magee ausführen:

„Doppelböden erscheinen etwa ebenso häufig wie Doppeltops bei einer Umkehr des Primar-Trends.

Allerdings kommen sie manchmal auch am Ende einer größeren Korrektur (in einem mittelfristigen Trend) im Rahmen eines aufwärts gerichteten „Primär-Trends“ vor.“

Diese Beschreibung wird klarer, wenn wir ein wenig aus dem Chart heraus zoomen:

sp500-grafik-2_19-10-2016

S&P 500: Korrektur-Ende ist in Sicht!

Da der S&P 500 im August ein neues Allzeithoch ausgebildet hat, handelt es sich bei der Aufwärts-Bewegung seit Februar dieses Jahres um einen Primar-Trend.

Der vermeintliche Doppelboden scheint tatsächlich die seit August gesehene größere Korrektur abzuschließen.

Auch wenn sich der Doppelboden in diesem Fall als „Fälschung“ erwiesen hat, so gibt es dennoch ein positives Fazit für Sie:

Die Wahrscheinlichkeit ist deutlich gestiegen, dass wir vor 4 Handelstagen den tiefsten Punkt der laufenden Wall Street-Korrektur gesehen haben.

19. Oktober 2016

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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