Dringend gesucht: neue Käufer für Staatsanleihen

Der DAX hat heute erneut Punkte abgeben müssen.

Zunächst sah es sehr gut aus, doch kurz vor 12 Uhr sackte der deutsche Leitindex plötzlich von 6.028 auf 5.850 ab.

Im Intraday-Chart ist ein fast senkrechter Strich nach unten zu sehen. Die automatischen Handelssysteme haben wieder zugeschlagen.

Warum die Verkaufsprogramme der Computer aktiviert wurden, ist unklar. Die Börsenhändler nennen ganz unterschiedliche Gründe. Einige Analysten verweisen auf China, andere auf die allgemeine Unsicherheit in der Euro-Zone.

Denkbar ist auch, dass eine Meldung aus dem Bankensektor Verkaufssignale ausgelöst hat. So soll die italienische Bank Unicredit mit der Europäischen Zentralbank (EZB) über Hilfsmaßnahmen gesprochen haben.

Banken bleiben unter Druck

Die italienische Großbank Unicredit gehört zu den großen Verlierern in der aktuellen Krise. 2007 notierte die Unicredit-Aktie bei über 6 Euro, aktuellen müssen Investoren nicht einmal mehr 0,75 Euro für eine Aktie zahlen.

Banken leiden weltweit unter Gegenwind, aber die italienischen Banken hat es in den vergangenen Monaten besonders hart getroffen. Die Staatsanleihen im Portfolio verlieren immer mehr an Wert. Ein Ende der Abwärtsspirale ist nicht in Sicht.

Einseitige Banken-Kritik ist verlogen

Die Banken und Banker sind in dieser Krise die Lieblingsfeinde der Medien und Politiker. Viele Kritikpunkte sind auch gerechtfertigt. Die Pleite der US-Bank Lehman Brothers im Jahr 2008 war ein Warnschuss, den viele Banken nicht verstanden haben. Die Geschäfte wurden einfach fortgeführt. Jetzt kommt die Abrechnung.

Allerdings ist ein Teil der Kritik schlicht und einfach verlogen. So wird kritisiert, dass sich die Banken mit unsicheren Staatsanleihen vollgesaugt haben. Das stimmt, aber man muss auch festhalten, dass die Suche nach attraktiven Zins-Kupons nur ein Grund war, warum die Banken so viele Staatsanleihen gekauft haben.

Staatsanleihen wurden systematisch bevorzugt

Die Banken wurden systematisch in die Anlageklasse Staatsanleihen getrieben. Die Gesetzgeber und die Institutionen, die für die Bilanzierungsregeln zuständig sind, haben systematisch Staatsanleihen bevorzugt und andere Anlageklassen benachteiligt.

So mussten die Banken die Staatsanleihen im Portfolio nicht mit Eigenkapital hinterlegen. Aktien und andere Anlageklassen galten dagegen als Risiko-Papiere und mussten mit Eigenkapital abgedeckt werden. Diese Vorschrift machte Staatsanleihen künstlich attraktiv und andere Anlageklassen unattraktiv.

Hier im Schlussgong kritisiere ich diese Regel schon seit Jahren. Sie erinnern sich vielleicht: Schon lange vor dem Schuldenschnitt in Griechenland habe ich hier die Frage gestellt, ob Sie lieber eine Griechenland-Anleihe oder eine Nestle-Aktie im Depot hätten.

Laut Bilanzregel war die Griechenland-Anleihe zu 100% sicher und die Nestle-Aktie ein Zockerpapier.

Der blanke Unsinn!

Banken sollten Schuldenproblem überdecken

Es ist auch kein Zufall, dass Gesetzgeber und Bilanz-Institutionen die Spielregeln der Banken und Versicherungen so stark beeinflusst haben: Spätestens Anfang der 70er-Jahre setzten die staatlichen Schuldenorgien ein.

Wenn die Staaten aber immer mehr Geld brauchen, müssen auch immer mehr Käufer von Staatsanleihen gefunden werden. Um die Nachfrage zu steigern, wurden die Bilanzregeln so ausgelegt, dass Banken und Versicherungen fast schon gezwungen sind, einen großen Teil des Kapitals in Staatsanleihen zu investieren.

So sollte das Schuldenproblem der Staaten überdeckt werden.

Wenn jetzt Politiker die einseitige Konzentration der Banken auf Staatsanleihen kritisieren, ist das dreist und verlogen. Genau diese Übergewichtung der Staatsanleihen war gewünscht.

Staaten bekommen Probleme

Die aktuelle Krise wird mit großer Wahrscheinlichkeit dafür sorgen, dass die Bilanzregeln in der Banken- und Versicherungsbranche verändert werden. Spätestens der Schuldenschnitt in Griechenland macht deutlich, dass auch EU-Staatsanleihen nicht zu 100% sicher sind.

Logische Konsequenz: Auch die Staatsanleihen im Portfolio müssen zukünftig mit Eigenkapital abgedeckt werden. Kurzfristig ist diese Reform nicht machbar, da die Banken dafür kein Geld haben. Aber spätestens in der nächsten Erholungsphase wird dieser Schritt erfolgen. Dann verlieren Staatsanleihen schlagartig an Attraktivität.

Die Frage lautet dann: Wer kauft zukünftig die vielen Staatsanleihen? Banken und Versicherungen werden den Anteil reduzieren. Zum einen, weil die aktuelle Krise die Risiken zeigt, zum anderen, weil die Vorteile bei der Bilanzierung verschwinden.

Es kommt aber noch schlimmer. Einige Banken, die auf Staatsfinanzierung spezialisiert waren, sind vom Markt verschwunden oder werden noch verschwinden. In Deutschland fällt die Depfa Bank als Käufer aus.

Zentralbanken müssen einspringen

Kurzfristig gibt es im Euro-Raum nur einen Marktteilnehmer, der noch handlungsfähig ist: Die Europäische Zentralbank. Die EZB hat auch bereits begonnen, die hoch verschuldeten Staaten zu finanzieren.

Dabei sollte genau das nicht die Aufgabe der Zentralbanken sein. Der Widerstand bricht aber zusammen. Aktuell kämpft fast nur noch die Bundesbank gegen diesen Trend. Sie wird den Kampf jedoch verlieren.

Eine Zentralbank, die Tag und Nacht Geld druckt und Staaten finanziert, kann nicht gleichzeitig Kämpfer für eine stabile Währung sein. Ein anderes Problem: Auch die Bilanz der Zentralbank kann nicht unendlich ausgeweitet werden. Irgendwann ist eine Obergrenze erreicht. Dann kann die EZB keine Anleihen mehr kaufen.

Weniger Schulden, höhere Zinsen

Wenn auch die Zentralbank als Finanzierungsquelle ausfällt, bleibt nur noch der freie Kapitalmarkt. 2 Trends sind dabei zu erwarten: Es wird weniger Kapital zur Verfügung stehen. Die Staaten müssen sich bei der Schuldenaufnahme einschränken.

Außerdem werden sich private Investoren nicht mit 1 oder 2% Rendite abspeisen lassen. Die Zins-Kupons werden deutlich höher ausfallen müssen. Renditen von 5 bis 10% werden keine Seltenheit sein. Nicht jeder Staat wird sich das dauerhaft leisten können.

16. November 2011

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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