Droht uns ein Anleihe-Crash?

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Ein Leser fragt mich nach den aktuellen Risiken an den Anleihemärkten. Ich habe die Chart-technik für Sie analysiert. (Foto: Tzido Sun / shutterstock.com)

Haben Sie Fragen zur Charttechnik oder zu bestimmten Märkten? Dann möchte ich Sie einmal mehr ermuntern, mir diese zukommen zu lassen! So wie Herr Jürgen B.:

„Sehr geehrter Herr Sommer, ich lese Ihren Newsletter jeden Tag mit großer Freude. Insbesondere gleiche ich stets gerne Ihre Einschätzungen mit den meinigen ab. Nun las ich vor wenigen Tagen einen Marktkommentar, der einen Crash an den Anleihemärkten ankündigte. Er solle ausgelöst werden durch sogenannte Zombie-Anleihen, die aufgrund der Niedrigzinspolitik der Notenbanken seit einigen Jahren exzessiv zugenommen hätten.

Ich weiß, Sie haben meist die Aktienmärkte im Fokus. Doch ein solcher Crash – wenn er denn einträte – dürfte doch vermutlich auf die Aktien ausstrahlen? Wie schätzen Sie die Lage ein? Für eine Antwort wäre ich Ihnen sehr verbunden.“

Das mache ich doch gerne! Hier meine Einschätzung.

Bevor wir in das Thema einsteigen, möchte ich noch 3 Erläuterungen einschieben. Das hilft, die Vorgänge und Entwicklungen besser zu verstehen.

Mechanik von Anleihen

Wenn Sie in eine Anleihe investieren, stellen Sie einem Schuldner Kapital zur Verfügung, mit dem dieser arbeiten kann. Dafür zahlt er Ihnen üblicherweise jährlich einen Zins und am Ende, der mit der Anleihe verbundenen, Laufzeit natürlich Ihren Einsatz zu 100% zurück.

Nun kann sich während der Laufzeit der Anleihe das Zinsniveau sinken. Da der Jahreszins jedoch festgeschrieben ist (daher der Begriff festverzinsliche Papiere), wird die Renditedifferenz zum aktuellen Niveau für Käufer und Verkäufer über den Kurs ausgeglichen.

Sinkt die Rendite, dann steigt der Anleihekurs aufgrund erhöhter Nachfrage. Umgekehrt ermäßigt sich der Kurs des festverzinslichen Papiers aufgrund vermehrten Angebots und die Rendite erhöht sich.

Was sind Zombie-Anleihen?

Auch dieser Begriff ist vielleicht nicht jedem geläufig.

In einem normalen Zinsgefüge – in dem die erzielbare Rendite deutlich über den aktuellen Niveaus liegt – sorgt unser Finanzsystem dafür, das insolvente Unternehmen, wie unnützer Ballast, aus der Wirtschaft entfernt werden.

Seit die Notenbanken weltweit eine Niedrigzins- und in der Euro-Zone sogar eine Nullzinspolitik fahren, werden immer mehr dieser Pleite-Firmen durch die Aufnahme preiswerten Kapitals („Zombie-Anleihen“) künstlich am Leben gehalten:

Es handelt sich um „Zombie-Unternehmen“, also sozusagen (noch) „lebende Tote“.

Leit- und Marktzins

Halten Sie bitte Leitzinspolitik und Marktrenditen auseinander: Die Renditebildung an den Anleihemärkten kann sich auch unabhängig und sogar konträr zur Notenbank-Ausrichtung entwickeln.

Die FED (Federal Reserve Bank) beispielsweise fährt seit August 2019 wieder eine lockerere Politik: Der Leitzins wurde seither 3x um 0,25%-Schritten auf aktuell 1,5% bis 1,75% gesenkt. Die Rendite stieg jedoch im selben Zeitraum, wie Sie gleich sehen werden.

Weit überwiegend richtet sich der Marktzins natürlich an der Notenbank-Politik aus. Doch ein Muss ist das eben nicht!

Rendite Staatsanleihen USA

Schauen wir nun zunächst einmal auf die Charttechnik der 10-jährigen Staatsanleihen in den USA.

Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen

Der Monats-Chart zeigt Ihnen: Die Rendite ist von dem Top bei 8,16% im November 1994 auf in der Spitze 1,36% im Juni 2016 gefallen. Der langfristige Trend ist also eindeutig abwärts gerichtet.

Auch die Entwicklung seit Ende 2018 ist abwärts gerichtet. Um also eine generelle Trendwende auszulösen, wäre eine Rendite von mehr als 3,3% erforderlich (Kreuzpunkt von Horizontale und Vertikale im Chart). Das erscheint aus aktueller Sicht wenig wahrscheinlich.

Was Sie ebenfalls sehen können: Die Rendite ist im Januar von einem Top bei 1,92% auf aktuell 1,61% abgestürzt. Zuvor war dieser Wert von August bis November 2019 von 1,45% auf 1,94% angestiegen. Das heißt:

Hier wurde klar aus US-Anleihen in Aktien umgeschichtet! Steigende Renditen sind verbunden mit Verkäufen, wodurch die Kurse der Anleihen sinken. Seit Jahresbeginn hingegen werden wieder Anleihen gekauft – die Rendite ist signifikant gesunken!

Rendite Staatsanleihen Deutschland

Blicken wir nun auf die deutschen Staatsanleihen.

Rendite 10-jähriger deutscher Staatsanleihen

Hier sehen Sie ebenfalls einen langfristigen Abwärtstrend. Doch auch die Auswirkungen der Nullzinspolitik (sowie der Anleiherückkaufprogramme) der Europäischen Zentralbank (EZB) werden hier offenkundig: Die Rendite ist defakto gleich bzw. unter Null.

Meine Chart-Software kann keine Negativrenditen darstellen – eine solche Möglichkeit ist bei der Programmierung vor vielen Jahren schlichtweg als unvorstellbar und daher unmöglich erachtet worden.

Immerhin sehen Sie auch hier für Januar 2020 einen Rückgang von in der Spitze 0,028% auf 0,001%.

Fazit

Einen möglichen Crash der Anleihemärkte kann ich aus der aktuellen Charttechnik der 10-jährigen Staatsanleihen Deutschlands und der USA rein gar nicht erkennen.

Tatsächlich unterstützt meine heutige Analyse die der letzten beiden Tage zum DAX und Dow Jones: Während von August bis Dezember 2019 von Anleihen in Aktien umgeschichtet wurde, deutet die Entwicklung im Januar daraufhin, dass das Rad nun wieder zurückgedreht wird.

Ausschließen kann ich einen Crash an den Anleihemärkten natürlich dennoch nicht: Auch bei der Finanzkrise 2008 musste erst ein Funke gezündet werden, um einen Flächenbrand auszulösen.

Derzeit ist von einem solchen Funken noch nichts zu sehen, zu lesen oder zu hören. Aber ich behalte das Geschehen selbstverständlich weiter für Sie im Auge!

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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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