Ein kritischer Blick auf die aktuelle Rallye

Sujet Kurs Gold Bulle Bär

Die Aktienmärkte „spielen“ gerade ein Traum-Szenario. Doch Märchen werden selten wahr. (Foto: tom - Adobe Stock)

Die Aktienmärkte bleiben im Aufwind. Es scheint, als sähen die Investoren die Gefahren, die der Weltwirtschaft aufgrund des Lock-Downs drohen, entweder nicht oder schätzen sie als reparierbar ein.

Um es deutlich zu sagen: Alle bislang veröffentlichten Wirtschaftsdaten zeigen den größten Schaden seit der Depression der 1930er-Jahre an.

Die Wall Street hat bis dato rund 50% des im Crash verloren gegangenen Terrains wieder aufholen können. Der Nasdaq 100 sogar mehr als 70%.

Doch es gibt inzwischen nicht nur fundamentale, sondern auch charttechnische Probleme, mit denen wir uns heute einmal eingehender befassen wollen.

Setzen die Notenbanken gerade den finalen Schuss?

Klar: Die Flutung der Finanzmärkte mit Liquidität durch die Notenbanken bleibt nicht ohne Auswirkung auf die Aktienmärkte.

Die fatale Außenwirkung billigen Geldes (sprich: Null- oder Niedrigzinsen) hatte ich Ihnen in meinem 2-teiligen Beitrag vom 7. und 8. April 2020 einmal näher gebracht. Das ist durchaus vergleichbar mit einer Drogensucht:

Vor allem die Großinvestoren sind seit Jahren an die stetigen Geldspritzen gewöhnt. Aber wird man eine Drogensucht los, indem man sich eine Überdosis verpasst? Wohl kaum!

Je länger ich dem Treiben der Notenbanken zuschaue, umso mehr gelange ich zu der Ansicht, dass hier möglicherweise der „finale Schuss gesetzt wird“, wie man das im Drogen-Milieu bezeichnet:

Inzwischen haben die amerikanische FED (Federal Reserve Bank) und die Europäische Zentralbank (EZB) angekündigt, sogar Junk-Bonds aufzukaufen!

Zum besseren Verständnis: Das sind Anleihen von Schuldnern, deren Bonität durch Rating-Agenturen auf „Ramsch“-Status herabgesetzt wurde.

Warum die Indizes so gut laufen …

Worin liegen die Gründe, dass sich die US-Technologieaktien der Nasdaq deutlich besser erholt haben, als der Dow Jones oder der S&P 500?

Eine Ursache hatte ich Ihnen bereits in der vergangenen Woche genannt: Es ist die massive Fokussierung auf die sogenannten FAANG-Aktien (Facebook, Amazon, Apple, Netflix und Google (heute Alphabet).

Hinzu kommen Schwergewichte wie Microsoft: Die Konzentration auf die „Tech“-Werte führt insgesamt zu einer extrem hohen Gewichtung in den Indizes, nicht nur im Nasdaq 100:

Die 5 größten Aktien nach Marktkapitalisierung bestimmen mit einem Gewicht von 20% (!) die Notierung des 500 Aktien umfassenden S&P 500!

Hinzu kommt, dass viele Titel aus dem Tech-Sektor als immun gegenüber den Lock-Down-Maßnahmen gelten. Oder, wie im Falle Amazon, als Profiteure angesehen werden. Daraus resultieren indes 2 Probleme:

… und warum das schon bald ein Ende haben dürfte

Zum einen kann man durchaus die Frage stellen, ob beispielsweise Amazon tatsächlich dauerhaft profitieren wird: Schon jetzt sucht das Unternehmen händeringend nach Arbeitskräften, um der Bestellflut Herr zu werden. Zum anderen:

Wenn nicht weiter produziert wird, gehen auch Amazon irgendwann die Möglichkeiten aus, bestellte Waren ausliefern zu können.

Problem 2: Diese Aktien sind aufgrund der Käufe der vergangenen Wochen massiv überkauft und auch überbewertet. Hier ist also durchaus Vorsicht angebracht. Und sollte diese Blase noch einmal platzen, wie schon im März, bringt das die Indizes ebenso schnell wieder unter Druck.

Der S&P 500 steht vor einer großen Hürde

Schauen wir einmal auf die Charttechnik des S&P 500:

S&P 500: 50-Tagelinie entpuppt sich als massive Hürde

Zwei Dinge fallen hier ins Auge:

  • Der S&P 500 ist bis Freitag vergangener Woche 5x in Folge an dem Widerstand der 50-Tagelinie gescheitert und das bei fallenden Hochpunkten.
  • Der Aufwärtstrend des 50-Tage-Momentums ist derzeit unter Druck: Ein Durchbruch nach unten sollte jetzt einkalkuliert werden.

Fazit

Welche der in den letzten Tagen und Wochen veröffentlichten Wirtschaftsdaten Sie auch immer nehmen: Sie zeigen unisono einen Einbruch an, wie wir ihn seit rund 90 Jahren nicht mehr erlebt haben.

Das Ausmaß der Folgen des Lock-Downs übertrifft schon jetzt um Längen die wirtschaftlichen Probleme während der Finanzkrise! Daher wage ich zu bezweifeln, dass wir in den Aktien-Indizes  – wie so oft in der jüngeren Vergangenheit – eine V-förmige Erholung und schon in wenigen Wochen neue Rekordkurse zu sehen bekommen.

Und noch etwas: Glauben Sie nicht, dass wir, nach einer Beendigung des Lock-Downs, einfach so wieder da weiter machen, wo wir die Arbeit zuvor haben liegen lassen! Das anzunehmen ist eine Illusion!

Das wahrscheinlichste Szenario ist ein nochmaliger Rutsch der Aktienkurse. Dabei wäre das absolute Minimum ein Test der im März erreichten Tiefpunkte, beispielsweise um eine W-Formation, also einen Doppelboden auszubilden.

Die aktuelle Charttechnik signalisiert Ihnen, dass die Dynamik der Aufwärtsbewegung erste Risse bekommt!

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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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