Eine Branche im Rausch

Auch Coca-Cola steigt in den wachsenden Markt von Cannabis-haltigen Getränken ein. Cannabis-Aktien haussieren. Lohnt sich ein Engagement? (Foto: Fotazdymak / Shutterstock.com)

Als John Pemberton, ein ehemaliger Oberst der Konföderierten-Armee, am 8. Mai 1886 einen Sirup anmischte, der seine chronischen Kopfschmerzen lindern sollte, war ihm sicherlich nicht bewusst, dass er damit den Grundstein für einen Milliardenkonzern gelegt hat: Coca-Cola.

Ihren Namen tragen Unternehmen wie Brause als Referenz an einen der ursprünglichen Hauptbestandteile des Getränkes: Kokain. Rund 37 Gramm Kokablätter mischte Pemberton noch einem Liter Kola bei, nicht wenig, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die typische Tagesdosis eines Kokain-Abhängigen heute eher im Milligrammbereich zu verorten ist. Erst 1903 wurde das Rauschgift durch einen kokainfreien Koka-Blattextrakt ersetzt.

Nach Kokain nun also Cannabis

Weitere 115 Jahre später will sich der US-Getränkehersteller erneut mit Rauschgiften beschäftigen. Nur dass es diesmal um Marihuana geht statt um Kokain. Dies hat Anfang der Woche ein Sprecher des Unternehmens bestätigt und angegeben, den Markt von nicht-psychoaktivem Cannabidiol als Grundstoff für funktionale Wellness-Getränke genau zu beobachten. Offenbar will Coca-Cola seine Produktpalette um die aktuelle Modedroge erweitern, die in immer mehr Staaten legalisiert wird.

Insbesondere der drittgrößte kanadische Cannabis-Anbieter, Aurora Cannabis, scheint es den Amerikanern angetan zu haben. Bestätigt wurde, dass beide Gesellschaften über die gemeinsame Entwicklung von Getränken verhandeln, die bei Schmerzen, Entzündungen und Krämpfen lindernd wirken sollen.

Voll im Trend

Ein Trendsetter ist Coca-Cola damit allerdings nicht. Im Gegenteil: Bereits Anfang August gab die durch das Mode-Bier Corona bekannte Brauerei Constellation Brands bekannt, rund 3,8 Mrd. US-Dollar in Aktien des kanadischen Marktführers Canopy Growth investieren zu wollen. Zuvor hatte bereits Molson Coors, ebenfalls ein bedeutender Bierbrauer, ein Joint Venture zur Entwicklung von cannabishaltigen Getränken gestartet, während Heineken eine alkoholfreie Produktlinie einführen will, die mit Tetrahydrocannabinol (THC), dem aktiven Wirkstoff von Marihuana, versetzt wird.

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Auch Anbieter härterer Getränke wollen den Trend nicht verpassen. Bloomberg zufolge ist der Whiskey-Brenner Diageo in Verhandlungen mit gleich drei kanadischen Cannabis-Produzenten eingetreten.

Marijuana-Index klettert auf neues Allzeithoch

Auch ohne dass eine endgültige Bestätigung vorliegt, legte die Aktie von Aurora Cannabis in den vergangenen Tagen mit zweistelligen Prozentsätzen zu. Und wie das so an der Börse üblich ist, wurden auch andere Cannabis-Werte wie in einem Sog mit nach oben gezogen: Eine Branche wie im Rausch.

Wenn Sie es den US-Unternehmen gleichtun wollen, sollten Sie allerdings sehr vorsichtig sein und vor einem Engagement das Unternehmen genau überprüfen. Zum einen gibt es hunderte Unternehmen, die zwar von sich behaupten, ein auf Cannabis basierendes Geschäftsmodell zu haben, tatsächlich jedoch nicht viel mehr als ein Möbelhersteller oder Immobilienbestandshalter sind, die ihre Möbel an Cannabis-Produzenten verkaufen oder ihre Liegenschaften an diese vermieten.

Eine Blase droht zu platzen

Doch selbst bei den Cannabis-Herstellern im engeren Sinne bleiben kaum Investmentchancen übrig. Dies kann man an den Kennzahlen festmachen, mit denen Cannabis-Aktien bewertet sind: Selbst die seriösen marktführenden Cannabis-Titel weisen mittlere zweistellige EV/Umsatz-Multiples auf, obwohl für die kommenden Jahre durchweg dreistellige Umsatzwachstumsraten unterstellt werden. Kleinere Nebenwerte hingegen werden von den Eigentümern nicht selten auf unseriöse Weise gepuscht, so dass bei einem Engagement der Totalverlust droht.

Wenn Sie sich wirklich an Cannabis als neue Asset-Klasse beteiligen wollen, sollten Sie sich einige Jahre gedulden. So lange, die die Blase geplatzt ist und die Aktien auf einem vernünftigen Niveau bepreist sind. So lange bis Unternehmen, die über keinerlei Alleinstellungsmerkmale verfügen, vom Markt verschwunden sind.


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Von: Peter Thilo Hasler. Über den Autor

Peter Thilo Hasler ist seit über 25 Jahren als Finanzanalyst tätig, zunächst für einige große Investmentbanken, seit 2010 in seiner eigenen Research-Firma. Als Analyst berät er namhafte Fondsmanagern und Vermögensverwalter weltweit.