Eine kleine und feine Hauptversammlung in Köln

Wie Sie wissen, war ich erst Anfang Mai auf der ungewöhnlichsten und vielleicht auch größten Hauptversammlung der Welt in Omaha bei Warren Buffett. Doch jedes Jahr im Frühling finden diesseits und jenseits des Atlantiks tausende Hauptversammlungen statt. Einige in großen Arenen andere in kleineren Sälen von Hotels. Genau bei einer solchen kleinen, aber feinen Hauptversammlung war ich heute Mittag.

Eingeladen hatte die Scherzer AG mit ihrem Vorstand Dr. Georg Issels. Herrn Issels kenne ich schon seit Jahren von der Berkshire Hathaway Hauptversammlung in Omaha und wie der Zufall es will, residiert die Scherzer AG nur wenige Hundert Meter von meinem Büro in Köln.

Hauptversammlung Scherzer AG

Rund 70 Aktionäre waren der Einladung ins Renaissance Hotel gefolgt. Nach einigen organisatorischen Ansagen durch den Versammlungsleiter und Aufsichtsratsvorsitzenden Dr. Hanno Marquardt stieg Dr. Issels sogleich mit dem Bericht des Vorstandes ein.

Die Scherzer AG ist ein kleines Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von rund 25 Mio. Euro. Das Hauptgeschäft bilden Beteiligungen an anderen börsennotierten Gesellschaften. Den Hebel bei dieser Aktiengesellschaft bilden aber Chancen durch Abfindungen bei Squeeze-Out Verfahren und bei Nachbesserungsrechten. Doch bevor Issels das Potenzial bei diesen speziellen Beteiligungen erläuterte, stellte er die aktuellen

Geschäftszahlen vor. Und die waren 2009 deutlich besser als noch im Vorjahr: So gelang es der Scherzer AG nach einem Verlust von fast 20 Mio. Euro im Jahr 2009 im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Gewinn von 5,36 Mio. Euro zu erzielen. Dies blieb auch nicht ohne positive Folgen für den Aktienkurs, der sich Jahresverlauf 2009 um knapp 60% auf rund 1 Euro steigerte.

Die Reserve in der Bilanz stellen sicherlich die Nachbesserungsrechte dar. Hier beläuft sich das aktuelle Andienungsvolumen auf rund 72 Mio. Euro. In der Praxis heißt das: Sollten alle Nachbesserungsrechte in den Spruchkammerverfahren durchkommen, würde die Scherzer AG 72 Mio. Euro gutgeschrieben bekommen. Dabei sind aber zwei Fakten ganz wichtig: Erstens geht das nicht in allen Fällen gut und zweitens muss man dafür viel Zeit mitbringen.

Scherzer AG sehr konservative Bilanzierung

Issels sprach in einigen Fällen von einem möglichen Zeitrahmen zwischen fünf und zehn Jahren. Trotz des möglichen hohen Volumens fällt die Scherzer AG hier aber durch eine sehr konservative Bilanzierung auf: Alle Nachbesserungsgrechte werden in der Bilanz mit 0 Euro bewertet. „Kommen wir bei einigen Nachbesserungsrechten zum Zug, wird das voll ertragswirksam. Gibt es nichts, müssen wir auch keine Verluste verbuchen“, so Issels zur aktuellen Vorgehensweise.

Aber das Hauptgeschäft machen noch immer die großen Beteiligungen aus. So stehen die 10 größten Aktienbeteiligungen für 57% der Anlagesumme. Zu den bekannten Namen gehören dabei die Postbank oder auch freenet. Laut Issels setzt die Scherzer AG hier immer auf die Strategie der „Corporate Action“, d.h. es geht nicht nur einfach darum, Positionen langfristig zu halten, sondern durch Squeeze-Out Verfahren oder andere Abfindungsangebote für die Aktionäre einen Mehrwert zu erzielen.

Aktionäre nutzten die Gelegenheit für Fragen

Im Anschluss an den Vorstandsbericht nutzten einige Aktionäre die Aussprache, um Fragen zu stellen. Dabei fiel mir ein riesiger Unterschied zur Berkshire Hathaway Hauptversammlung auf: während es in Omaha hauptsächlich darum geht, von den Investorenlegenden Warren Buffett und Charlie Munger Tipps für das richtige Investieren zu bekommen, so ging es bei den Fragen zur Scherzer AG detailliert um das operative Geschäft.

Dabei wollten Aktionäre wissen, ob nun ein dauerhaftes Engagements bei Unternehmensanleihen geplant sei und ob der große Anteil an Internet-Firmen im Portfolio die Anfälligkeit nicht unnötig erhöhe.

Dr. Issels antwortete präzise und knapp auf die Fragen und nach den anstehenden Wahlen, war die Hauptversammlung nach genau zwei Stunden auch schon wieder zu Ende. Ohne Gegenstimmen wurde so nicht nur der Vorstand und Aufsichtsrat entlastet, sondern auch ein Aktienrückkaufprogramm von der Hauptversammlung verabschiedet. Gegen 13 Uhr machte sich dann bei den Aktionären auch eine gewisse Unruhe breit – kein Wunder, denn im Foyer wartete schon das Mittagessen.

Hier ließen sich die Aktionäre ihre ganz persönliche Naturaldividende gut schmecken. Eine klassische Dividende gibt es bei der Scherzer AG nicht, denn bislang gab es immer noch genügend Anlagechancen, bei denen der Gewinn des Unternehmens besser angelegt werden konnte. Und hier schließt sich wieder der Kreis zu Warren Buffett, denn auch die Investorenlegendeaus den USA zahlt bei Berkshire Hathaway keine Dividende.

Bis morgen,

Heiko Böhmer

Chefredakteur „Privatfinanz-Letter“

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17. Mai 2010

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Von: Heiko Böhmer. Über den Autor

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