Eon und RWE: Die Aktien wurden zu hart abgestraft

Der Aktienmarkt bleibt in dieser Woche orientierungslos. Die Investoren warten gespannt auf die Ergebnisse des EU-Gipfels. Vorher wagt sich kaum ein Investor aus der Deckung.

Keine Kursgewinne für den DAX brachte die Zustimmung des Bundestags zum Rettungspaket. Da die Bundeskanzlerin wieder den Alternativlos-Joker zog, war eine Mehrheit sicher. Wobei sich viele Abgeordnete beklagten, überhaupt nicht verstanden zu haben, worüber abgestimmt wurde.

Klar ist nur, dass der Rettungsschirm in Höhe von 440 Mrd. Euro nicht reicht, um einen Schutzwall zu bauen und daher irgendwie nach oben gehebelt werden soll. Durch diesen Zaubertrick soll aus den 440 Mrd. Euro eine Summe von bis zu 2 Billionen Euro werden.

Der FDP-Finanzexperte Frank Schäffler, den Sie als Schlussgong-Leser erst kürzlich beim Lesertreffen in Berlin als sehr kritischen Diskussionspartner erleben konnten, sprach von einem Blankoscheck, den die Abgeordneten ausgestellt haben.

Die Unberechenbarkeit der Politik ist ein entscheidender Grund, warum die Schuldenkrise eskalieren konnte. Die Politik schafft es auch, einst so solide Unternehmen wie Eon und RWE ins Chaos zu stürzen.

Eon, RWE und EnBW im Würgegriff der Politik

Die großen Energieversorger waren früher Staatsunternehmen. Einige Politiker haben noch nicht erkannt, dass diese Unternehmen schon vor längerer Zeit privatisiert wurden und keine Spielmasse des Staates mehr sind.

So kam in der Finanzkrise die Idee auf, dass der Staat die Energieversorger mit einer Extra-Steuer finanziell melken könne. Der Deal: Die Energieversorger dürfen die 17 Atomkraftwerke länger betreiben (und so hohe Gewinne erwirtschaften), im Gegenzug kassiert der Staat die neu erfundene Brennelementesteuer. Die neue Steuer sollte 2,3 Mrd. Euro pro Jahr bringen. Ein schönes Geschäft für den Staat.

Grundsätzlich war die Diskussion sinnvoll. Es gibt schon lange Streit darüber, ob einzelne Energieformen zu hoch oder zu niedrig besteuert werden. Die Brennelementesteuer war jedoch kein fundiertes Ergebnis einer umfangreichen Energie-Studie, sondern ein Schnellschuss, um möglichst schnell, möglichst viel Geld einzutreiben.

Der Atom-Unfall in Japan sorgte dann dafür, dass die Karten im Frühjahr quasi über Nacht neu gemischt wurden. Plötzlich galten neue Spielregeln. Die alten Atomkraftwerke wurden vom Netz genommen.

Die Energieversorger waren nur noch ein Spielball der Politik. Das Ergebnis an der Börse: Die Aktienkurse von Eon und RWE stürzten dramatisch ab. Analysten kalkulieren heute einen Risikoabschlag in die Bewertungsmodelle ein, da die Unternehmen zu jeder Zeit vom Staat erpresst werden können.

Kurssturz der Aktien übertrieben

Die Aktienkurse von Eon und RWE, die ohnehin unter Druck standen, wurden noch einmal halbiert. Beide Unternehmen notierten an der Börse weit unter dem Buchwert (Vermögen abzüglich der Schulden). Das ist an sich nur dann sinnvoll, wenn ein Unternehmen Verluste erleidet und Substanz vernichtet wird.

Trotz aller Schwierigkeiten werden Eon und RWE weiterhin Gewinne erwirtschaften und auch attraktive Dividenden zahlen. Die Atomenergie ist nur eine Sparte im Energie-Portfolio der Versorger. Das Ausmaß des Kurssturzes war daher übertrieben.

Die Stimmung könnte kippen

Jetzt kommt auch noch Rückenwind von der Justiz. In einem ersten Verfahren haben Gerichte entschieden, dass der Staat einen Teil der bisher kassierten Brennelementesteuer zurückzahlen muss. Eon hat bereits 96 Mio. Euro erhalten, RWE rund 75 Mio. Euro.

Der Staat will die Steuer um jeden Preis verteidigen, doch das Gericht hat die Position von Eon und RWE gestützt. Das Gericht hat Zweifel an der formellen Verfassungsmäßigkeit des Gesetzes.

Einige Details sind interessant: Das Gericht zweifelt daran, dass die Steuer dem Bund zusteht. Noch wichtiger ist, dass das Gericht Zweifel anmeldet, ob der Bund einfach eine Steuer erfinden darf.

Eon etwas attraktiver als RWE

Beide Energie-Aktien sind aus fundamentaler Sicht zu niedrig bewertet. Im direkten Vergleich schneidet die Eon-Aktie aber etwas besser ab.

Bei RWE vermisse ich noch eine neue Geschäftsstrategie nach der Atomwende. RWE-Chef Jürgen Großmann ist immer für einen lauten Medienauftritt gut, aber ein klares Konzept ist noch nicht in Sicht.

Eon ist einen Schritt weiter. Zum einen will Eon die Kosten senken. Weltweit wird der DAX-Konzern 11.000 der 85.000 Arbeitsplätze streichen. Zum anderen will Eon aber auch im Ausland wachsen.

Aktuell bietet Eon für den portugiesischen Energieversorger EDP. Der Staat verkauft 21,5% der Aktien und Eon will dieses Paket für rund 2 Mrd. Euro kaufen. Gelingt der Deal, würde Eon gleich doppelt profitieren. EDP ist im Bereich der erneuerbaren Energie sehr gut aufgestellt. Außerdem besitzt EDP ein starkes Standbein im Wachstumsmarkt Brasilien.

Das könnte der Masterplan der deutschen Versorger sein: Den Deutschland-Anteil am Umsatz reduzieren und dafür auf erneuerbare Energien und Wachstumsmärkte setzen.

26. Oktober 2011

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Von: Rolf Morrien. Über den Autor

Rolf Morrien ist nicht nur Chefredakteur von „Morriens Einsteiger-Depot“, dem „Depot-Optimierer“, von „Das Beste aus 4 Welten“ und von „Rolf Morriens Power Depot“, er ist auch einer der renommiertesten Börsenexperten Deutschlands.

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