Erdöl: Runter auf 20 USD . . . und dann?

Beim Blick nach Frankfurt kann einem dieser Tage ganz schwummrig werden. Seit Jahresbeginn rauscht der Dax in die Tiefe und befindet sich dabei mit Blick auf die globalen Aktienmärkte in guter Gesellschaft.

Die Panikstimmung an den Börsen hat verschiedene Ursachen. Das Stichwort China fällt immer wieder, aber auch der Preisverfall beim Rohöl spielt eine Rolle.

Niedriger Ölpreis wirkt wie Konjunkturprogramm

Dabei sind sich zahlreiche Experten einig, dass es sich momentan um eine Überreaktion der Märkte handelt – denn ein niedriger Ölpreis ist in erster Linie schlecht für die Ölindustrie, wirkt sich aber positiv aus auf das Konsumverhalten der Verbraucher sowie auf zahlreiche Branchen, die auf den Rohstoff angewiesen sind.

Zu den Profiteuren zählt beispielsweise die Automobilindustrie: 2015 hat die Anzahl der Neuzulassungen wieder kräftig zugelegt, in den USA wurden neue Rekorde verbucht und auch in Deutschland wurden mehr Autos verkauft.

Doch auch für zahlreiche andere Wirtschaftszweige wirkt der niedrige Ölpreis wie ein unverhofftes Konjunkturprogramm: Produktionskosten sinken, Gewinnmargen steigen.

Plan der Saudis geht nicht ganz auf

Dennoch herrscht an den Börsen Ausverkaufsstimmung. Dabei basiert der Preisverfall nicht etwa auf nachlassender Nachfrage, ganz im Gegenteil. Global betrachtet steigt der Ölbedarf und wird es auch künftig tun, selbst wenn die aktuelle Konjunkturdelle in China dort punktuell für einen Nachfragerückgang sorgt.

Auslöser für den Preisrutsch ist stattdessen die massive Überproduktion der letzten Jahre, die vor allem durch Saudi-Arabien vorangetrieben wird.

Ursprünglich lautete der Plan der Saudis: mehr produzieren, Preise fallen lassen, lästige Konkurrenten vom Markt verdrängen, Marktanteile zurückerobern und dann wieder höhere Preise festsetzen. Soweit die Theorie.

Fracking-Firmen robuster als gedacht

In der Praxis zeigt sich jedoch, dass viele der lästigen Konkurrenten – und damit sind vor allem Fracking-Firmen in den USA gemeint – hartnäckiger sind als gedacht. Zwar sind inzwischen viele dieser Unternehmen pleitegegangen, ihre Anzahl hat sich in den letzten Jahren halbiert, weil die meisten einen Ölpreis von 50 bis 60 Dollar je Barrel benötigen, um profitabel zu agieren.

Doch zugleich ist die tatsächlich in den USA geförderte Ölmenge nahezu gleich geblieben. Kosteneinsparungen und technologische Fortschritte haben dazu beigetragen, dass die verbliebenen Firmen sich trotz des anhaltend niedrigen Ölpreises halten können.

Auch von diesen Firmen werden wohl noch einige Konkurs anmelden, doch der saudische Plan, die Konkurrenz auszuhungern, scheint nicht so recht aufgehen zu wollen. Stattdessen schneidet sich das Königreich auch ins eigene Fleisch, denn der Reichtum des Landes basiert zum größten Teil auf dem Export des schwarzen Goldes, dessen Abwertung man selbst fleißig vorantreibt.

Wann geht Saudi-Arabien das Geld aus?

Und so scheint eine Trendwende unausweichlich: Spätestens, wenn Saudi-Arabien das Geld ausgeht, wird der mächtigste Opec-Staat wieder an der Preisschraube drehen. Experten rechnen damit, dass dies spätestens in fünf Jahren der Fall sein wird.

Auf einen exakten Zeitpunkt für den beginnenden Preisanstieg will sich indes niemand festlegen. Im Gegenteil: Für die kommenden Monate rechnen Beobachter mit konstant niedrigen oder auch noch weiter fallenden Preisen.

Ein Crash auf 20 oder 10 Dollar erscheint nach der jüngsten Talfahrt möglich, ehe eine Bodenbildung einsetzt. Eine Prognose der Weltbank sieht den Ölpreis in den kommenden Monaten bei unter 40 Dollar je Barrel. Ab 2017 könnte der Preis dann wieder tendenziell steigen – wenngleich Höchststände wie im Frühjahr 2014 bis auf weiteres wohl nicht mehr erreicht werden.

Damals kostete das Barrel rund 120 Dollar. Optimisten rechnen derzeit mittelfristig mit einem Anstieg auf bis zu 70 Dollar.

Dass die Wende früher oder später kommt, liegt allerdings nicht nur an der Förderpolitik der Saudis. Stattdessen warnen Experten schon jetzt vor künftigen Engpässen, die aus dem Zusammenspiel steigender Nachfrage und nachlassender Produktionskapazität entstehen werden – denn dann machen sich die eingesparten Milliardeninvestitionen bemerkbar, die in den vergangenen anderthalb Jahren zusammengestrichen wurden.

13. Februar 2016

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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