Erdöl: Warum der Ölpreis in Wahrheit so absurd fällt

Der Ölpreis spielt verrückt:

Weniger als 30 Dollar kostete zuletzt das Barrel Rohöl – und das gilt sowohl für die wichtigste Sorte Brent als auch für die meist etwas günstigere US-Sorte WTI.

Autofahrer jubeln an den Tankstellen, so günstig wie dieser Tage war die Tankfüllung schon lange nicht mehr.

Vor gerade einmal 2 Jahren kostete das Barrel Rohöl noch fast das 4-fache und der Liter Benzin kratzte an der Schwelle von 1,80 €.

Inzwischen ist der Sprit wieder für unter 1,20 € zu haben – und das trotz der vergleichsweise hohen Steuern in Deutschland.

Auch viele Unternehmen profitieren vom billigen Öl, insbesondere die Industrie-Produktion ist deutlich günstiger geworden.

Aber auch Airlines wie etwa die Lufthansa fahren durch sinkende Kerosin-Preise unterm Strich höhere Gewinne ein.

Ölpreis hat nicht mehr viel mit der Realität zu tun

Doch es gibt auch eine Kehrseite der Medaille: Der Preiscrash beim Öl belastet zunehmend die Aktienmärkte – denn er ist auch ein Indiz für nachlassende Nachfrage aus sonst so öldurstigen Schwellenländern wie China oder Indien.

Einige Beobachter gehen jedoch noch einen Schritt weiter. Demnach hat der Preisverfall am Rohöl-Markt nicht mehr viel mit der Realität zu tun.

Fundamentaldaten rechtfertigen den jetzigen Preissturz unter 30 Dollar je Barrel ebenso wenig, wie sie 2008 den Anstieg auf über 140 Dollar je Barrel rechtfertigen konnten.

Losgelöst von ökonomischen Wahrheiten sind es vor allem kurzfristig orientierte Spekulanten und Hedge Fonds, die das schnelle Geld wittern und den Ölpreis auf unrealistische Stände treiben – 2008 nach oben, jetzt nach unten.

Kein Boden in Sicht

Wie tief der Preis noch sinken wird, ist ungewiss. Die 30-Dollar-Marke ist inzwischen nach unten durchbrochen, die 20-Dollar-Linie könnte als nächstes folgen. Einzelne Szenarien gehen sogar von einem Sturz unter 10 Dollar je Barrel aus.

Angesichts fehlender fundamentaler Argumente für einen solchen Absturz fällt es schwer, eine seriöse Prognose abzugeben, an welcher Stelle der Boden erreicht sein wird.

Solange es aber noch Spielraum für weitere Abwärts-Bewegungen gibt, werden diese von spekulativen Finanzmarkt-Teilnehmern wohl genutzt.

Bleibt man beim Vergleich von 2008, beläuft sich der Zeitraum von dem Punkt, an dem der Ölpreis unrealistische Sphären erreichte bis zum Wendepunkt auf etwa 3 Monate.

Gemessen daran dürfte es auch im weiteren Verlauf des 1. Quartals 2016 turbulent zugehen an den Rohstoff-Märkten – und damit auch an den Aktienmärkten, die sich gerade vom Rohölp-Preis durchaus beeinflussen lassen.

Der außerordentlich schwache Start des DAX ins neue Handelsjahr hat diesen Trend untermauert. Selten ist der Leitindex innerhalb so kurzer Zeit so dramatisch abgestürzt, vom Ausbruch der globalen Finanzkrise einmal abgesehen.

Ein Ende der Talfahrt beim Ölpreis ist jedenfalls vorerst nicht zu erwarten:

Mit der Aufhebung der westlichen Sanktionen gegen den Iran wird das Überangebot eher noch weiter gesteigert, während die schwächelnde Konjunktur-Entwicklung in China eine anhaltende Nachfrage-Delle befürchten lässt.

22. Januar 2016

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Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

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