Erfolgreiche Aktienanalyse setzt auf Bilanzanalyse

Wenn Sie einen der erfolgreichsten Aktienanleger der Welt fragen, was einen guten von einem schlechten Aktienanleger unterscheidet, so wird er Ihnen antworten: „Lesen“: Bilanzen und Geschäftsberichte. (Foto: Zadorozhnyi Viktor / Shutterstock.com)

Wenn Sie einen der erfolgreichsten Aktienanleger der Welt fragen, was einen guten von einem schlechten Aktienanleger unterscheidet, so wird er Ihnen antworten: „Lesen“.

Warren Buffett, zweitreichster Mann der Welt, meint es auch so wie er es sagt: „Setzen Sie mich für Wochen und Monaten ruhig auf eine einsame Insel, und ich kann die besten Aktienentscheidungen treffen auch ohne Zeitung, Börsenmagazine und Börsen-TV. Geben Sie mir aber bitte die Geschäftsberichte und Bilanzen der Unternehmen mit.“

Jetzt brauchen Sie kein Warren Buffett zu sein, der als Unternehmensanalyst (so bezeichnet er sich selbst) einer der besten ist. Seine Profession ist es, Tag für Tag, Stunde um Stunde, Geschäftsberichte und Bilanzen zu lesen.

Nehmen Sie Aktien systematisch unter die Lupe

Wie auf jedem anderen Markt spielen auch auf dem Aktienmarkt viele Faktoren eine wichtige Rolle für die Preisbeziehungsweise Kursbildung.

Anders als viele Medienvertreter Ihnen weismachen wollen, gibt es daher keine selbstverständlichen Kursentwicklungen. Im Gegenteil: Liegt angeblich ein Kursanstieg auf der Hand – wie beispielsweise jetzt wieder bei Technologie-Werten – sollten Sie misstrauisch werden und die empfohlenen Papiere besonders gründlich unter die Lupe nehmen.

Wenn Sie etwas Zeit investieren können, sollten Sie sich mit Berichten von Unternehmen beschäftigen, um gute Renditechancen mit ausreichender Sicherheit zu kombinieren und den Markt so zu schlagen. Dabei können Sie auf charttechnische, monetäre und fundamentale Ansätze zurückgreifen.

Alle Faktoren können Sie niemals berücksichtigen. Bislang gibt es noch nicht einmal ein Computerprogramm, das auch nur annähernd zuverlässig alle entscheidenden volkswirtschaftlichen Fakten berechnen könnte.

Konzentrieren Sie sich deshalb – anders als so mancher kurzfristig denkende Bankanalyst – auf die fundamentalen Daten eines Unternehmens. Die Bilanz als Abbildung der jeweiligen Situation ist dabei eine der wichtigsten Grundlagen für Ihre Entscheidung. In diesem Beitrag zeigen wir Ihnen daher,

  • welche Bilanzkennzahlen besonders wertvoll für Sie sind und wie Sie diese beurteilen können,

  • wie Sie anhand des Lageberichts einen guten Einblick in ganze Branchen gewinnen und

  • vor diesem Hintergrund mit dem 5-Stufen-Modell eine sachgerechte Bewertung der Kurschancen einer Aktie vornehmen können.

Die Bilanz bietet Ihnen die wertvollsten Informationen

Die besten Informationen über eine Aktie erhalten Sie von den Unternehmen selbst. Der Gesetzgeber schreibt Aktiengesellschaften einen Jahresabschluss, bestehend aus Bilanz, GuV (Gewinn- und Verlustrechnung), dem erläuternden Anhang sowie einem Lagebericht vor.

Die Bilanzanalyse verschafft Ihnen einen Überblick über die wirtschaftliche Lage Ihrer Aktiengesellschaft. Diese Informationsquellen sollten Sie nutzen:

  • Durch die umfassende Rechenschaftspflicht muss der Vorstand Ihnen gegenüber nicht nur die Geschäftszahlen, sondern auch deren Zustandekommen erklären.

  • Mit der Bilanz und den Erläuterungen können Sie die Ertragskraft anhand der Umsätze, Geschäftsaussichten und Kostenentwicklung selbst abschätzen.

  • Der Lagebericht gibt Ihnen Auskunft über die gesamte Branche, die Sie für weitere Analysen nutzen können.

  • Die Bewertung der Geschäftsrisiken fällt Ihnen wesentlich leichter, weil Sie die Abhängigkeiten der einzelnen Unternehmensbereiche sehen können. So können Sie zukünftig schnell reagieren, wenn – wie im Fall Bayer – Produkte vom Markt genommen werden müssen.

  • Mit den vorliegenden Zahlen können Sie das Zustandekommen verschiedener Bankanalysen und deren Bedeutung für die Gesamtsituation richtig einschätzen.

Was Sie davon aber nicht erwarten können

  • Aktiengesellschaften haben bilanzielle Wahlrechte, durch die das Ergebnis verzerrt werden kann. Positionen – wie außerplanmäßige Abschreibungen – können die Vergleichbarkeit mit Unternehmen erschweren.

  • Stille Reserven gehen aus Bilanzen nicht hervor. Sie entstehen durch eine niedrigere Bewertung von Vermögensgegenständen gegenüber einer fairen Markteinschätzung. Bei Prognosen fließen stille Reserven, insbesondere bei Immobilien, aber oft ein und können enttäuschen – wie bei der Deutschen Telekom.

  • Die Informationen sind vergangenheitsbezogen. Gewinnentwicklungen können demnach nur geschätzt werden.

Die Bilanzen bieten Ihnen damit keinen vollständigen, aber immerhin aussagekräftigen Einblick in den Wert eines Unternehmens. Zumindest können Sie die Bilanz eines Unternehmens nutzen, um einen Vergleich der Entwicklung über die vergangenen Jahre oder im Vergleich zur Branchenkonkurrenz zu erstellen.

Holen Sie sich die notwendigen Informationen über Ihre Bank oder das Internet

Die Bilanzen großer AGs werden in Tageszeitungen veröffentlicht. Wenn Sie die Bilanz nebst Anhang und Lagebericht studieren wollen, sollten Sie sich den vollständigen Geschäftsbericht besorgen. Ihre Möglichkeiten:

  • Auf den Hauptversammlungen der AGs wird der Geschäftsbericht verteilt. Termine hierfür entnehmen Sie Tageszeitungen oder dem Internet, etwa unter auf der Website der jeweiligen AG oder telefonisch bei dieser (Ansprechpartner in der Abteilung „Investor Relations“).

  • Fordern Sie einfach den Bericht bei der AG an. Die Adressen erhalten Sie über das Internet.

  • Im Internet selbst werden die Geschäftsberichte bereitgestellt. Tipp: Über die allgemeine Adresse www.Firmenname.de kommen Sie direkt auf die richtigen Seiten.

Was Ihnen der Jahresabschluss über die Aussichten eines Unternehmens sagt

Die Bilanz stellt kurz und knapp das Vermögen der AG (auf der Aktivseite) und das Kapital (auf der Passivseite), bestehend aus Fremd- und Eigenkapital, gegenüber. Sie können sie nutzen, um die Vermögensstruktur, die Kapitalstruktur, die Liquidität sowie den Geschäftserfolg des Unternehmens zu analysieren.

Die Gewinn- und Verlustrechnung stellt Ihnen Informationen zum Zustandekommen des Jahreserfolgs bereit. So erkennen Sie etwa, wie hoch Abschreibungen, Personalaufwand oder Vertriebskosten des Unternehmens gewesen sind.

Im Anhang ihres Jahresabschlusses müssen die AGs Ihnen erläutern, wie die einzelnen Positionen in der Bilanz sowie in der GuV zustande gekommen sind.

Wichtig für Ihre Analyse ist der Lagebericht. Hier erläutert Ihnen der Vorstand den Geschäftsverlauf der betrachteten Periode und die Gesamtlage der Gesellschaft. Außerordentlich ergiebig für Ihre Analyse sind Zusatzberichte:

Hierin veröffentlicht das Unternehmen Mehrjahresübersichten mit Bilanzdaten, Kennzahlen, Ergebnisdaten, der Dividende und dem Aktienkurs. Zusätzlich wird hier die Bilanz mit der Vermögensstruktur, der Kapitalstruktur sowie verschiedenen „Deckungsgraden“ aufgearbeitet.

Ebenso finden Sie hier Finanzierungsrechnungen wie den Cashflow und Ergebniskennzahlen, die über die Ergebnisstruktur und die Rentabilität informieren.

Tipp: Die Geschäftsberichte sind oft eine bessere Informationsquelle über Branchen als so manche kurze Berichte in Tageszeitungen oder Magazinen.

Auch wenn der Vorstand eines Unternehmens das eigene Ergebnis im Branchenzusammenhang besser darstellen will, als es ist: Die Gesamteinschätzung nutzt Ihnen mehr als zwei bis drei Zeilen in einem Kiosk-Magazin.

Mit welchen Kennzahlen Sie den Erfolg eines Unternehmens richtig beurteilen

Für die Liquiditätsbeurteilung können Sie wie in der Praxis üblich den Cash-flow heranziehen. Er soll Ihnen zeigen, wie viel Mittel für die Tilgung von Schulden, für Investitionen, für Dividenden und schließlich für Abschreibungen zur Verfügung stehen.

In einer erweiterten Form werden sogar noch außerordentliche Aufwendungen berücksichtigt.

So können Sie den Cash-flow ermitteln:

Cash-flow = Jahresüberschuss + Abschreibungen

(+ Erhöhung langfristiger Rückstellungen,+ außerordentliche Aufwendungen)

Krisen und ihre verschiedenen EigenartenPolitik und Mainstream verschweigen Ihnen eine Katastrophenmeldung: Viele OECD-Länder stehen mit dem Rücken an der Wand. › mehr lesen

Die Rentabilitätskennzahlen für Ihre Erfolgsanalyse

Weitere Erfolgskennzahlen beziehen sich auf die Rentabilität der Unternehmen. Als Aktionär ist für Sie besonders die Eigenkapitalrendite interessant.

Sie zeigt, wie sich das jeweilige Eigenkapital pro Jahr „verzinst“ hat und gibt Ihnen damit Auskunft über die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens.

Die Umsatzrendite zeigt Ihnen den Gewinnanteil am Umsatz. Je höher die Umsatzrendite ist, desto mehr profitieren Sie vom Umsatzwachstum, weil der Gesamtgewinn damit stärker steigt als bei einer geringeren Umsatzrendite. Diese Kennzahl verdeutlicht Ihnen, welcher Anteil vom Umsatz Ihnen und anderen Aktionären gehören könnte.

Schließlich werden Sie in Analysen oft mit dem „ROI“ konfrontiert. Hinter der Kennzahl steckt diese Beziehung:

Return on Investment = Umsatzrendite x Kapitalumschlag

Mit dem ROI gewichten Sie die Umsatzrendite. Der Kapitalumschlag ist ein Faktor, der angibt, wie oft das Kapital im Jahresumsatz enthalten ist. Beispiel: Ein Kapitalumschlag von 4 bedeutet, dass der Umsatz viermal so hoch wie die Kapitalposition ist.

Eine hohe Umsatzrendite hilft Ihnen nur, wenn der Umsatz im Vergleich zum Kapitalvolumen hoch ist. Deshalb ist – im Branchen- und/oder Zeitvergleich – der ROI besser, je höher er ist.

Tipp: Als Jahresüberschuss wird oft das „Ergebnis nach DVFA“, der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Anlageberatung, verwendet. Den DVFA-Abschluss finden Sie im Zusatz zum Geschäftsbericht. Auf diese Weise haben Sie die Gewähr, dass unterschiedliche Daten auch miteinander vergleichbar sind.

Weitere Kennzahlen für Ihre spezielle Aktienanalyse

Als Anleger müssen Sie sich bei der Beurteilung der Aktienchancen insbesondere auf relative Werte konzentrieren: Jede Aktienanalyse bezieht den Kurs auf verschiedene Bilanzpositionen.

Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) = Kurs/Gewinn je Aktie

Aus dem KGV (englisch: PER für Price-Earnings-Ratio) können Sie sehen, wie lange es bei gleich bleibendem Gewinn dauern würde, bis Ihr Kaufkurs bezahlt ist. Das

KGV zeigt damit den „Preis“, den Sie den Gewinn zahlen müssen. „Günstig“ sind Aktien in der Regel nur mit einem KGV von weniger als 12.

Je nach Branche und/oder Region sind unterschiedliche KGVs zu erwarten. Deshalb können Sie AGs sinnvoll auch nur innerhalb einer Region oder Branche anhand ihres KGVs vergleichen.

Achtung: Ein niedriges KGV kann auch deshalb zustandekommen, weil der Markt dem Unternehmen keine Chancen mehr einräumt. Fallen künftig keine Gewinne mehr an, wird der Kurs in der Regel weiter sinken.

Mehr dazu: Fundamentalanalyse: Wichtige Kennzahlen unter der Lupe

Das 5-Stufen-Modell für Ihre aktuelle Auswahl von Qualitätsaktien

Entscheiden Sie vorab, in welcher Region und/oder in welcher Branche Sie investieren wollen. Sind Sie beispielsweise stark im Dollar-Raum engagiert, empfehle ich Ihnen aktuell, den Euro-Raum zu bevorzugen. Innerhalb einer Region hilft Ihnen die Bilanzanalyse vor allem, die günstigsten Werte innerhalb einzelner Branchen zu finden.

Bei der Aktienauswahl haben sich nach unseren Erfahrungen folgende Kriterien als besonders erfolgreich erwiesen:

  • niedriges KGV

  • niedriges Kurs-Buchwert-Verhältnis

  • attraktives Kurs-Cash-flow-Verhältnis im Branchen– vergleich

  • hohe Dividendenrendite

  • positive Erwartungen der Analysten

  • überdurchschnittliches Wachstum des Gewinns

In einem 5-Stufen-Modell könnten Sie dabei nach folgendem Muster vorgehen:

  1. Suchen Sie nach Aktien, deren Kurs-Buchwert-Verhältnis unter 1 liegt.

  2. Suchen Sie Aktien, deren KGV unter dem Marktdurchschnitt liegt.

  3. Überprüfen Sie, ob das KGV auch im historischen Vergleich niedrig ist.

  4. Prüfen Sie das zukünftige Gewinnwachstum.

  5.  Prüfen Sie die Schlüssigkeit der Analyse-Resultate.

Alle diese Angaben können Sie in Fachpublikationen wie der „Aktien-Analyse“ finden. Beachten Sie aber, dass es kein allgemein gültiges Konzept gibt, sondern dass diese Stufenfolge nur ein Leitfaden ist, anhand dessen Sie Ihr eigenes Research-Instrument entwickeln können.

Wie Sie ein geeignetes Kennzahlensystem für sich aufbauen und anwenden

Mithilfe des 5-Stufen-Modells werden wir anschließend beispielhaft ein Bewertungssystem für Sie entwickeln.

Stufe 1: Sie sollten sich zunächst entschieden haben, auf welche Region oder Branche Sie sich beschränken wollen und hieraus die Aktien mit dem besten Kurs/Buchwert-Verhältnis suchen.

Stufe 2: Bei der Auswahl von Aktien mit einem niedrigen KGV können Sie ebenfalls auf entsprechende Statistiken in Tageszeitungen und im Internet zurückgreifen.

Stufe 3: Die Gesamtauswahl umfasst in unserem Fall 4 europäische Chemiewerte. Dabei wird das KGV der Aktien historisch verglichen.

Stufe 4: Um die zukünftige Gewinnsteigerung zu prüfen, sollten Sie ebenfalls auf Tageszeitungen oder das Internet zurückgreifen.

Stufe 5: Auf dieser Stufe untersuchen wir daher nur noch die ganz bestimmte Aktien.

Bei Aktienanalysen sollten Sie die zugrunde liegende Bedeutung der Kennzahlen nicht vergessen

An unserem Beispiel ist deutlich geworden, dass die Bilanzanalyse wertvolle Erkenntnisse über die Leistungsfähigkeit eines Unternehmens bringen kann.

Doch selbst wenn Sie vielleicht keine Zeit erübrigen können, um eine aufwändige Aktienanalyse zu betreiben, helfen Ihnen die in diesem Beitrag vorgestellten Grundgedanken der Bilanzanalyse.

Unter mittel- bis langfristigen Gesichtspunkten setzen sich die „harten Fakten“ der Unternehmensentwicklungen gegen spontane Stimmungen durch. Für mittelfristig orientierte Anleger wird die Bilanzanalyse deshalb unentbehrlich bleiben.

Vor diesem Hintergrund können Sie in Zukunft die zahlreichen Analysen und Hinweise besser einordnen: Oft fehlen Angaben dazu, welche Unternehmenskennzahlen von „neuen Nachrichten“ beeinflusst werden. Dann heißt es für Sie: Finger weglassen von dieser Empfehlung.

Checkliste: So finden auch Sie Qualitätsaktien für Ihr Depot

  • Für die Auswahl Ihrer Qualitätsaktien gehen Sie nach der 5-Stufen-Modell vor:

  • Sammeln Sie für Ihre mittel- bis langfristige Kapitalanlage alle erdenklichen Informationen.

  • Bleiben Sie auch bei der Bilanzanalyse kritisch. Die angenommenen Werte basieren in aller Regel auf den Erwartungen der Unternehmen und sind konjunkturabhängig.

  • Die Bilanzanalyse eignet sich oft nicht für kurzfristige Kursgewinne, die spekulativ sind. Sie bewahrt Sie aber vor nachhaltigen Reinfällen, wenn Sie einen Anlagehorizont von mehr als einem Jahr haben und entsprechende Geduld mitbringen.

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: David Gerginov. Über den Autor

David Gerginov publizierte unter anderem zum Thema Schuldenbremse und beschäftigt sich heute mit allen Fragen rund um Wirtschaft, Politik und Finanzen.

10 Dividendenaktien, deren Dividende IMMER steigt