Erhängt sich die Wall Street?

Wall Street – shutterstock_490246324 Kamira

Kerzencharts erlauben einen schnellen Überblick über das Marktgeschehen und erlauben erstaunliche Interpretationen. (Foto: Kamira / Shutterstock.com)

Mir ist bewusst: Die heutige Überschrift klingt ein wenig martialisch.

Wobei sich durchaus auch noch darüber streiten lässt, ob die Wall Street hier Selbstmord begeht oder ob sie gehängt wird. Es kommt halt, wie so oft im Leben, auf die Sichtweise an.

Doch worum geht es überhaupt? Die wichtigen US-Aktien-Indizes haben in der vergangenen Handelswoche unisono dasselbe Kursmuster ausgebildet: Einen „Hanging Man“ oder zu deutsch einen „Hängenden Mann“.

Sie werden gleich erfahren, was es damit auf sich hat. Und natürlich teile ich Ihnen auch mit, worauf Sie im Verlauf dieser Woche achten sollten.

Die Kerzen-Charttechnik

Bevor wir jedoch zu dem „Hängenden Mann“ kommen, bedarf es einiger Informationen. Der Begriff „Hanging Man“ stammt aus der Candlestick-Technik, also der Kerzen-Charttechnik.

Es ist kaum zu glauben: Aber diese aus Japan stammende Analysetechnik wurde erst im Jahr 1989 durch den Buchautor Steve Nison in der westlichen Welt populär gemacht.

Der Name rührt daher, weil die für die Kursanzeige verwendete Darstellung an mit Dochten versehene Kerzen erinnert. Und sie erfreuen sich seither aus mehreren Gründen großer Beliebtheit.

Die 3 größten Vorteile von Candlesticks

Hier nur 3 der aus meiner Sicht wichtigsten Vorteile:

  • Leicht verständlich: Sie erlauben Anfänger wie Börsen-Profi, mit einem Blick das Kursgeschehen einer Handelsperiode (beispielsweise eines Börsentages) zu erfassen.
  • Marktkräfte erkennen: Kerzen ermöglichen Ihnen – anders als Balken – zusätzlich schnell die am Markt waltenden Kräfte von Bullen und Bären zu erfassen.
  • Schnelle Rückschlüsse auf bevorstehende Trendwechsel: Bestimmte Erscheinungsformen der Kerzen geben Ihnen frühzeitig Hinweise auf mögliche Richtungsänderungen.

Schnellkurs Kerzencharts

Kerzen in der Charttechnik bestehen, wie im richtigen Leben, aus dem Kerzenkörper und dem Docht. Der Docht stellt dabei immer die Handelsspanne (also Hoch und Tief) der betrachteten Handelsperiode dar.

Der nachfolgende Chart verdeutlicht Ihnen die 3 bedeutendsten Erscheinungsformen von Candlesticks:

Die 3 bedeutendsten Erscheinungsformen im Kerzenchart

  1. Ein weißer Kerzenkörper verrät Ihnen, dass die Bullen die dargestellte Handelsperiode für sich gewonnen haben: Denn ein weißer Kerzenkörper erscheint immer dann, wenn der Schlusskurs ÜBER der Eröffnungsnotierung lag. Je länger der weiße Kerzenkörper, umso stärker waren die Bullen.
  2. Ein schwarzer Kerzenkörper verrät Ihnen, dass die Bären die dargestellte Handelsperiode für sich entschieden haben: Denn ein schwarzer Kerzenkörper erscheint immer dann, wenn der Schlusskurs UNTER der Eröffnungsnotierung lag. Je länger der schwarze Kerzenkörper, umso stärker waren die Bären.
  3. Ein minimaler Kerzenkörper (oft lediglich ein Strich), zeigt Ihnen somit, dass der Schlusskurs nahe der Eröffnung lag: Der Kampf zwischen Bullen und Bären endete in der betrachteten Handelsperiode unentschieden.

Die Bedeutung des „Hanging Man“

Wie Sie sicherlich nun schon vermuten werden, signalisieren Ihnen bestimmte Kerzenausprägungen oder auch Gruppen von meist 2 oder 3 Candlesticks, dass sich in einem Markt Entscheidendes getan hat:

In der Regel hat eine der Marktkräfte, also Bullen oder Bären, ihren Kampf verloren. Eines dieser Kursmuster ist der eingangs genannte „Hanging Man“.

Dieses Kursmuster erschien nach Handelsschluss am vergangenen Freitag praktisch in allen bedeutenden US-Indizes in einem Wochenchart:

S&P 500: Ein „Hanging Man“ auf Wochenebene

Seinen martialischen Namen bezieht das Kursmuster daraus, dass es der Karikatur eines am Galgen baumelnden Menschen ähnelt. Mich persönlich hat es stets mehr an eine Kreuzigung erinnert – mit den sich daraus für den Betroffenen ergebenden, nachteiligen Konsequenzen.

Eigentlich wäre diese Kerze aber doch positiv zu interpretieren, könnten Sie nun einwenden. Und damit haben Sie nicht ganz unrecht:

Schließlich hat sich der S&P 500 ja von dem Tief der vergangenen Handelswoche prächtig wieder erholt. Das erkennen Sie an dem langen Docht unterhalb des kleinen Kerzenkörpers.

Aus diesem Grund empfiehlt Steve Nison auch, die Begleitumstände des „Hängenden Mannes“ genau zu beobachten:

  • Der „Hanging Man“ sollte NACH einem Kursanstieg ausgebildet werden – je länger die Dauer der vorausgegangenen Rallye, umso wahrscheinlicher ist ein Trendwechsel.
  • Der Markt sollte nach dem Auftreten des Kursmusters möglichst unterhalb des Kerzenkörpers eröffnen: In unserem Fall hieße das ein S&P 500, die diese Handelswoche unter 3.143 Punkten beginnt. Der Grund:

Alle Trader, die auf dem Niveau der Eröffnung bzw. des Schlusskurses (hier ist das Handelsvolumen immer am höchsten) eines „Hanging Man“ eingestiegen sind, bleiben schnell auf einer Verlustposition „hängen“. Und das erhöht im Falle der eröffneten Long-Positionen die Wahrscheinlichkeit für einen schnellen Ausstieg mit sich daran anknüpfender Kettenreaktion, wenn die Kursbewegung nicht den Erwartungen entspricht.

  • Nison empfiehlt sogar, eher die Schlussnotierung der sich anschließenden Kerze abzuwarten: Denn dann haben Sie für die vorhergehende Begründung eine klare Bestätigung.

Fazit

Kerzen eignen sich ebenso für wenig erfahrene Anleger wie für Börsen-Profis: Ihre Darstellung erlaubt Ihnen einen schnellen Überblick über das Geschehen an einem Markt in der betrachteten Handelsperiode.

Das Kursmuster des „Hängenden Mannes“ tritt immer am Höhepunkt einer Rallye auf: Je länger diese vorher andauerte, umso wahrscheinlicher ist das Eintreten der auf dem Kursmuster basierenden Trend-Prognose. Im Mai dieses Jahres folgte auf einen ausgebildeten „Hanging Man“ ein vierwöchiger Kursrutsch um bis zu -7,4%.

Klar ist: Je höher die angeschaute Zeitebene, umso bedeutsamer ist das aufgrund von Kerzenmustern zu interpretierende Signal. Da es sich in dem von mir analysierten S&P 500 um einen Wochen-Chart handelt, ist dieser „Hanging Man“ von größerer Bedeutung als in einem Tages-Chart.

Sie sollten daher auf folgende Entwicklungen achten:

Die Eröffnung der Wall Street heute ist zugleich die Eröffnung für die neu entstehende Wochenkerze. Sie liefert Ihnen somit ein erstes Indiz für das, was sich im weiteren Wochenverlauf ereignen könnte.

Eine Bestätigung für den Trendrichtungswechsel, den der „Hanging Man“ ankündigt, erhalten Sie erst nach Ende des Handels am kommenden Freitag.

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Andreas Sommer
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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