Erschöpfungssyndrom an der Wall Street?

In meinem gestrigen Beitrag hatte ich die Bedeutung von Großinvestoren als Trend-Initiatoren herausgestellt. Mit dem vorgestellten Indikator On-Balance-Volumen können Sie die Aktivitäten dieser so immens wichtigen Anlegergruppe im Chart nachvollziehen.

Gestern haben wir uns auf den DAX 30 fokussiert und festgestellt, dass sich noch nicht genügend Großinvestoren gefunden haben, die den DAX voran bringen könnten.

Heute schauen wir einmal gemeinsam, wie sich die Institutionellen Anleger in diesen Tagen an der Wall Street verhalten. Dazu werden Sie gleich 2 Charts mit je 2 der wohl wichtigsten US-Marktindizes sehen.

Wir beginnen mit den beiden amerikanischen Leitindizes Dow Jones Industrial Average sowie S&P 500:

dow jones und s&p 500 mit on-balance-volumen-12-08-2015

Wall Street: Großinvestoren-Verhalten Teil 1

Analyse Dow Jones Industrial Average

Was wir in diesen Charts zu sehen bekommen, lässt gleich einmal die Alarmglocken schrillen:

Bei den 30 im Dow Jones enthaltenen Aktien haben die Großinvestoren seit Mitte letzter Woche den Verkauf von Positionen forciert. Sie erkennen das an dem mit einem roten Kreis gekennzeichneten Verlauf im On-Balance-Volumen (OBV).

Der im oberen Teil der Grafik blau unterlegte Kursverlauf war in den vergangenen 8 Monaten ausgesprochen diffus. Die Entwicklung auf der Oberseite erinnert uns Charttechniker indes stark an ein Rounding Top (rundes Top; violetter Bogen).

Dieses Kursmuster zählt zur Kategorie Umkehr-Formationen, signalisiert also die Möglichkeit einer bevorstehenden Abwärtsbewegung. Das Rounding Top würde unterhalb von 17.000 Punkten „aktiviert“.

Analyse S&P 500

Die Charttechnik im Dow Jones Industrial Average ist also durchaus als „brisant“ zu bezeichnen. Erstaunlich wird es beim Blick auf den S&P 500:

Hier suggeriert der blau unterlegte Bereich im oberen Kursteil eine Aufwärtstendenz seit Dezember 2014. Das rote Rechteck macht indes sichtbar, dass wir es seit Anfang Februar tatsächlich nur noch mit einer extrem „zappeligen“ Seitwärts-Bewegung zu tun haben.

Überraschendes offenbart Ihnen dann der Blick auf das OBV: Hier erkennen wir eine klare Tendenz der Großinvestoren zum Abbau von Positionen – bei eben zunächst steigenden und dann nur noch seitwärts laufenden Notierungen.

Halten wir als Zwischenfazit fest: Beim Dow Jones ist die Marke 17.000 wichtig. Beim S&P 500 sollten Sie die Unterkante des Rechtecks bei 2.040 Punkten im Auge behalten. In beiden Indizes zeigen sich die Großinvestoren verkaufswillig.

Kommen wir nun zum NYSE Composite und Nasdaq Composite:

nyse und nasdaq mit on-balance-volumen-12-08-2015

Wall Street: Großinvestoren-Verhalten Teil 2

Analyse Nasdaq Composite

Beim NYSE Composite begegnet uns erneut das Rounding Top. Hier ist die Aktivierungs-Grenze nicht so exakt zu ziehen: Der Bereich 10.620 / 10.640 sollte möglichst nicht unterboten werden.

Beim OBV sehen wir noch relative Ruhe: Seit November 2014 tendiert der Indikator in einem breiten Seitwärts-Band. Allerdings gab es im Juli einen scharfen Abverkauf der Großanleger.

Analyse Nasdaq Composite

Beim Nasdaq Composite lässt sich keine Umkehr-Formation entdecken. Allerdings finden wir ein zum S&P 500 vergleichbares Muster vor:

Das US-Technologie-Barometer bewegte sich seit Februar zwar tendenziell aufwärts, doch war dieser Aufschwung ebenfalls nicht von den Großinvestoren unterstützt.

Aktuell bewegt sich das On-Balance-Volumen des Nasdaq Composite am unteren Rand einer langanhaltenden Seitwärts-Bewegung. Ein Verkaufssignal liegt also sozusagen „in der Luft“.

Fazit

Das Verhalten der 4 Marktindizes in den vergangenen Monaten entpuppt sich als eine Art „Erschöpfungssyndrom“. Der Dow Jones als Weltleitindex zeigt vor allen anderen ein erstes Verkaufssignal in Gestalt von Großinvestoren-Verkäufen.

Beim Nasdaq Composite könnte uns ein ebensolches Signal unmittelbar ins Haus stehen. Im S&P 500 sind die Großanleger schon vor Monaten tendenziell auf die Verkaufsseite gewechselt.

Am besten schaut noch der NYSE Composite bezüglich des Verhaltens der Institutionellen Investoren aus. Allerdings fanden wir hier, wie auch im Dow Jones, das Chartmuster eines Rounding Top.

Insgesamt bietet sich uns kein eindeutiges, sondern ein eher diffuses Bild, wenngleich mit negativem Unterton. Mein Rat an Sie lautet daher:

Lassen Sie es in diesen Tagen lieber mal etwas ruhiger bei Neu-Investitionen angehen. Sichern Sie bestehende Positionen ab. Beobachten Sie die weitere Entwicklung aufmerksam und orientieren Sie sich dabei an den von mir aufgezeigten Kursmarken.

12. August 2015

© Verlag für die Deutsche Wirtschaft AG, alle Rechte vorbehalten
Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.

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