Euro / USD: Immerhin ist der Bösewicht identifiziert!

Der arme US-Wirtschaftsberater: Ob Cohn wusste, welches „Drama“ er mit seinem Rücktritt an den Finanzmärkten auslöste? (Foto: welcomia / Shutterstock.com)

In den Börsenmedien können Sie nachlesen, warum der DAX heute schwächer notiert, die Wall Street-Futures nachgeben und der Euro gegenüber dem US-Dollar stärker wird:

Trump’s Wirtschaftsberater Cohn trägt daran die Schuld! Besser gesagt: Sein Ex-Wirtschaftsberater. Denn Cohn hat über Nacht sein Amt niedergelegt.

Er galt als einer der wenigen Berater, die ihrem Chef auch mal „Kontra“ geben. Zuletzt hatte er sich vehement gegen die Trump-Pläne ausgesprochen, Zölle für US-Importe auf Stahl und Aluminium zu erheben.

Marktkommentare: So sinnlos wie ein Kropf!

Ich darf Ihnen versichern: Diese und ähnliche Nachrichten haben bestenfalls eine mehrminütige Verfallszeit an den Finanzmärkten.

Und daher werde ich auch nicht müde, Ihnen vom Lesen dieser täglichen Marktkommentare abzuraten.

Diese Kommentare dienen einzig und allein dem Zweck, jede auch noch so kleine Kursbewegung an den Finanzmärkten dem wissbegierigen Privatanleger zu erklären. Weil:

Irgendwie neigen wir Menschen wohl dazu, für alles und jedes eine Erklärung serviert zu bekommen. Dabei sind derartige Erläuterungen sinnlos wie ein Kropf:

Denn wenn Sie davon lesen oder hören, hat die Nachricht ihre Wirkung an den Finanzmärkten ja bereits gezeigt. Sinnvoller wäre es doch wohl, schon im Vorhinein zu wissen, dass Sie bei Ihren Investments „reagieren“ sollten?

Schauen Sie besser auf die Trends!

Richtig: Niemand kann ein solches Ereignis wie den eingangs erwähnten Rücktritt vorhersehen. Aber das ist auch nicht notwendig. Denn:

Die Finanzmärkte bewegen sich in Trends. Und die werden durch derartige Ereignisse (bzw. die Nachrichten darüber) nur in seltenen Fällen initiiert oder beendet.

Schauen wir uns das einmal beispielhaft im nachfolgenden Chart für den Euro / US-Dollar an.

Übrigens: Von gestern Nacht 0.00 Uhr legte der Euro in der Spitze von 1,2422 auf 1,2446 zu. An anderen Börsentagen wäre eine derart „massive“ Kursveränderung nicht einmal erwähnt worden.

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Euro / USD: Der Trend weist seit 2008 abwärts!

Der Monats-Chart zeigt Ihnen den langfristigen Trend des Währungspaares: Und der ist seit dem Sommer 2008 – also seit nahezu 10 Jahren – abwärts gerichtet (durchgezogene rote Linien).

Innerhalb dieses Abwärtstrend-Kanals gab es diverse Auf- und Abwärtstrends über mehrere Monate hinweg, die jedoch an der grundsätzlichen Trendrichtung nichts zu ändern vermochten (gestrichelte grüne und rote Linien).

Einen solch fundamentalen Trendwechsel würde es erst dann geben, wenn der Euro gegenüber dem US-Dollar signifikant und nachhaltig (also nicht nur für ein paar Tage) über die Marke von 1,2750 hinaus steigen würde.

Euro / USD: Momentum zeigt bereits einen Trendwechsel an

Schauen wir nun zum Abschluss noch auf einen Tages-Chart, in den ich zusätzlich das 50-Tage-Momentum eingeblendet habe. Dieser Indikator zeigt Ihnen Schwung und Dynamik einer Kursbewegung an:

Euro / USD: Momentum zeigt bereits einen Trendwechsel an

Gut zu sehen: Der mittelfristige Aufwärtstrend seit Anfang 2017 ist unverändert intakt. Allerdings:

Das 50-Tage-Momentum hat das zu Jahresbeginn vom Währungspaar erreichte Hoch nicht mehr durch ein ebenfalls neues Hoch bestätigt (pinkfarbene Linie): Es blieb klar unter dem Top vom August 2017 (gelbe Ellipse)!

Fazit

In der Charttechnik sprechen wir in einem solchen Fall von einer Divergenz (Abweichung): Sie kündigt in aller Regel einen bevorstehenden Trendwechsel an.

Tatsächlich ist der Schwung-Indikator schon in der letzten Februarwoche aus seinem Aufwärtstrend nach unten ausgeschert (blauer Kreis). Die Aufwärtsbewegung der letzten Tage führte zu dem typischen Pull-Back (Rücksetzer) an die ehemalige Trendlinie.

Dieses Szenario wird nur dann hinfällig, wenn das Momentum sein Februarhoch überbietet: Dann wäre eine Neujustierung der Aufwärtstrendlinie erforderlich.

Ich kann Sie also beruhigen: Die Börsenwelt wird auch nach dem Rücktritt des US-Wirtschaftsberaters weiter existieren. Und der Euro / USD wird wahrscheinlich schon bald wieder die entgegengesetzte Richtung einschlagen, als die, die Cohn heute verursacht haben soll.


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Von: Andreas Sommer. Über den Autor

Andreas Sommer ist ein absoluter Börsen-Profi. Der gelernte Bankkaufmann war 10 Jahre als Wertpapierberater bei einer großen deutschen Bank tätig.